Startup-Förderung |

Auf Silicon Valley-Reise mit Rösler: "Man sieht dort die Chancen, nicht die Risiken"

Andera Gadeib setzt sich als Mitglied des Beirates "Junge Digitale Wirtschaft" im Bundeswirtschaftsministerium für mehr Gründungskultur in Deutschland und bessere Wachstumsbedingungen für Digital-Startups ein. In Zeiten der New Economy gründete sie die digitale Marktforschungsagentur Dialego, im November 2011 startete sie ihr zweites Startup SmartMunk, das hilft ausführliches Konsumenten-Feedback intuitiv zu verstehen. Frau Gadeib durfte Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler im Mai auf seiner Reise ins kalifornische Silicon Valley begleiten. Gegenüber LEAD digital verrät Gadeib, welche Begegnungen sie am meisten beeindruckt haben und wie sich die deutsche von der amerikanischen Gründungskultur unterscheidet.

Sie waren an der Reise mit Herrn Rösler ins Silicon Valley beteiligt. Wieviel Freiräume hatten Sie, auf eigene Faust auf Entdeckungsreise zu gehen?

Wir hatten ein volles Programm und das war toll. Von Besuchen bei Facebook und Google über kleinere Unternehmen wie Jawbone oder Adroll (die ich vorher gar nicht kannte) bis hin zu Inkubatoren vor Ort. Abends dann immer ein Empfang mit spannenden Gästen und Kontakten. Unser Programm ging immer mindestens von 8 bis 22 Uhr. Hochachtung vor dem Programm von Philipp Rösler und den mitgereisten Abgeordneten, denn die hatten nicht nur vorher, teils nachher noch Termine, sondern auch parallel noch weitere Besuche zu unserem schon vollen Programm. Einmal gab es zwei Stunden Freizeit in Palo Alto, die haben wir dann genutzt, um den kleinen Ort zu erlaufen und "Storechecks" zu machen, wie wir Forscher das gerne nennen. Auch die einzige Möglichkeit kleine Geschenke für meine drei Kinder zu kaufen: typisch amerikanische Mitbringsel kamen in den Koffer, blinkende Zahnbürsten von Angry Birds bis Star Wars...

Welche Ihrer Begegnungen hat Sie persönlich am meisten beeindruckt?

Davon gab es viele. Fasziniert haben mich vor allem einige Menschen in den kleinen, eher unbekannten Firmen. Wie beispielsweise Allan Young, der den Inkubator Runway in San Francisco gestartet hat, also eine Art Brutkasten für ganz frische Startups. Allan hat in wenigen Worten so gut umrissen, worum es bei der Gründung geht und was den Spirit des Silicon Valley ausmacht, dass es einfach ein Vergnügen war, ihm zuzuhören und gleichzeitig die amerikanischen (Vor-)Züge mit unserer Kultur zu spiegeln.

Die allergrößte Persönlichkeit war letzten Endes aber unsere Gruppe. 45 Mitglieder der Delegation, fast alles Unternehmer, die ihr eigenes Startup in Deutschland gegründet haben. Vom Ein-Mann-Unternehmen bis hin zu Unternehmen mit mehreren Hundert Mitarbeitern. Keiner von uns hat das erwartet. Wir waren gespannt auf Facebook und Co. und am Ende der Reise waren wir geradezu überwältigt von den vielen spannenden Persönlichkeiten aus der Delegation, die wir in den fünf Tagen kennengelernt haben. Das hat auch ein solches Momentum kreiert, dass wir heute noch täglich in Kontakt sind und uns gegenseitig unterstützen.

 

Wie unterscheidet sich das Start-up-Umfeld, das Sie dort erlebt haben, von ihren deutschen Erfahrungen?

Es ist deutlich dynamischer, man spürt den Unternehmer-Spirit und es ist eine Selbstverständlichkeit, ein Unternehmen zu gründen. Natürlich gibt es generell eine stärkere Gründerkultur in den USA. Dort sieht man die Chancen, nicht die Risiken. Im Silicon Valley findet man dies alles sehr geballt. Die Stanford-University, wo Studenten starten, um hinterher ein Unternehmen zu gründen, jede Menge Jungunternehmen sowie etliche bahnbrechende Digitalunternehmen und Kapitalgeber sitzen dort auf engstem Raum. Und sie leben das "Connecting-the-dots". Das Netzwerk wird gelebt und gepflegt. Die Empfehlung lautet "wenn Du etwas vorhast, erzähle anderen davon und lerne daraus", während in Deutschland jeder erstmal ein großes Geheimnis pflegt und möglichst keine Informationen oder Kontakte weiter gibt. So viele kontaktfreudige Menschen, wie ich in wenigen Tagen dort getroffen habe, finden sich in Deutschland selten.

In der Führungsspitze der Unternehmen waren auch auffallend oft Frauen. Sei es bei Facebook, Google oder Good Technologies. Bei vielen unserer Unternehmensbesuche wurden wir von weiblichen CEOs oder Directors begrüßt. Wir trafen insgesamt auf deutlich mehr Frauen in Digitalunternehmen als wir es in Deutschland sehen. Ein Thema, das mich sehr beschäftigt. Bei uns finden Mädchen noch keinen richtigen Zugang zur Digitalwelt. Das müssen wir schon in der Schulzeit ändern. Frauen gründen selten Unternehmen, sie sind tendenziell eher Solo-Selbständig. Generell ist der Berufswunsch "ein Unternehmen gründen" viel zu unterrepräsentiert, zu wenig wünschenswert in der "gründungsfähigen" Generation. Das Thema haben wir uns auch im Beirat Junge Digitale Wirtschaft auf die Fahnen geschrieben, den das Bundeswirtschaftsministerium Anfang des Jahres einberufen hat. Die Reise hat bestätigt, dass es höchste Zeit ist, uns für mehr Gründungen in der Digitalwirtschaft - insbesondere auch von Frauen - einzusetzen.

 In welchen Bereichen sind die US-Gründerpersönlichkeiten eindeutig besser aufgestellt als deutsche?

In den USA herrscht die "Goldrush-Mentalität", wie Allan Young, der Betreiber des Inkubators Runway, es beschrieb. Jeder glaubt an sich und daran, dass er es schaffen kann - egal wie pfiffig er ist. Allein der Glaube versetzt Berge. Wer an einer Uni wie Stanford studiert, wird ermutigt ein Unternehmen zu gründen. Dort wird innovatives Unternehmertum stark gefördert. Stanford hat ein deutsches Motto: "Die Luft der Freiheit weht" (Ulrich von Hutten, 1488–1523) und das trifft in besonderem Maße zu. An deutschen Universitäten ist das anders. Unternehmertum steht nur in wenigen  Fällen auf dem Stundenplan. Einige Entrepreneurship-Lehrstühle gibt es hierzulande, die eine wichtige Aufgabe übernehmen. Es muss allerdings auch gelingen von der Theorie in die Praxis zu gelangen und erfolgreich Gründer hervor zu bringen. Da hat die deutsche Ausbildung noch Einiges vor sich. 

Die Kreativität und technische Fähigkeit sind bei US-Gründern nicht unbedingt besser ausgeprägt. Im Gegenteil, eine Entwicklung "Made in Germany" hat sogar einen hohen Stellenwert in den USA und wird sehr wertgeschätzt. Das Marketing für den US-Markt traut man uns hierzulande allerdings nicht zu.

Welche Tipps würden Sie gerne deutschen Digitalfirmen auf den Weg geben?

Der US-Markt ist um ein Vielfaches größer als der deutsche Markt. Wer sein Produkt dort einführen will, sollte Marketing und Sales in den USA aufbauen. Eine Markteinführung in den USA hat kaum Chancen, wenn nicht auch das Marketing vor Ort ist. Die Programmierung dagegen kann in Deutschland verbleiben und lässt sich hier vermutlich sogar günstiger umsetzen. Das Silicon Valley ist für Digitalunternehmen sicher ein Hot Spot und ideal für alle, die US-Venture Capital für das Wachstum suchen. Dort kann man sich bestens vernetzen und mit der Kapitalszene Kontakt aufzunehmen. Wer weniger Distanz zur Heimat möchte, ist wohl auch in Washington oder New York gut aufgehoben.   

(am/lr))

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