2 Updates
Hat der Lebenslauf für Agenturen ausgedient? Recruitment-Experte Jo Diercks im Interview.
Hat der Lebenslauf für Agenturen ausgedient? Recruitment-Experte Jo Diercks im Interview. © Foto:Cyquest

Recruiting | | von Sebastian Blum

Arbeitgeber Agenturen: Brauchen Bewerber noch einen Lebenslauf?

Hat der Lebenslauf ausgedient? Diese Frage stellen sich viele in Deutschland angesichts der Betrügereien von SPD-Politikerin Petra Hinz. Auch die Agentur JWT London lässt seine Bewerber lieber Fragen beantworten, bevor sie zum Jobinterview lädt. Erst danach schauen die Personaler aufs Curriculum Vitae (CV). Sollten also vielleicht auch deutsche Agenturen auf den Lebenslauf verzichten? W&V Online hat bei Jo Diercks nachgefragt. Der Recruiting-Experte und Cyquest-Geschäftsführer behandelt in seinem Blog Themen wie Online-Assessment, Berufsorientierung und Employer Branding.     

Fragen statt Lebenslauf: Herr Diercks, wie bewerten Sie das neue Bewerbungsverfahren bei JWT London?

Das ist im Prinzip ein Gedanke, den einige Vordenker der HR-Szene schon vor einigen Jahren mal in die Diskussion gebracht haben. Hier und dort findet man ihn inzwischen auch in verschiedener Form umgesetzt. Wenn man sich innovative Bewerbungsformen wie etwa die "Kreativtests" von JvM anschaut, dann ist das nicht anderes als eine Art Mini-Arbeitsprobe. Gezielte Fragen nach dem Motto "Wie würden Sie folgendes Problem lösen…?" sind nichts anderes als "Mini-Assessments". So etwas verdrängt den Lebenslauf nicht gänzlich, aber reduziert dessen Bedeutung.

Wie wichtig ist der Lebenslauf allgemein? Insbesondere für eine Branche, die von ihrer Kreativität lebt?

Allgemein ist eine Prognose über den zukünftigen Berufserfolg immer besser, je mehr man über den Bewerber erfährt und je besser diese Information geeignet ist, den Berufserfolg auch vorherzusagen. Der Lebenslauf ist dabei ein wichtiger Baustein. Aber er darf nie der einzige und der entscheidende Parameter sein. Wissenschaftliche Befunde attestieren ihm eine eher mittelprächtige Vorhersage-Qualität, vergleichbar mit Assessment Centern oder unstrukturierten Interviews. Biografische Daten schneiden deutlich schlechter ab als Probezeiten, Intelligenztests oder Arbeitsproben. Ich würde in einem Bewerbungsprozess nie gänzlich auf den Lebenslauf verzichten, aber es gibt wichtigere und bessere Auswahlinstrumente.

Je mehr die Qualität eines Mitarbeiters später über Kriterien definiert wird, die sich ohnehin nur sehr schwer messen oder quantifizieren lassen – Sie sprechen von Kreativität – desto weniger wichtig ist die Vergangenheit. Sie wollen in der Werbung gerade nicht die tolle Idee von gestern sehen, sondern die von morgen. 

JWT begründet die Änderung auch damit, dass so mehr Vielfalt am Arbeitsplatz garantiert ist.

Das Diversity-Argument von JWT ist nicht von der Hand zu weisen. Wenn Menschen in Lebensläufe oder auf Bewerbungsfotos schauen, fließt in die Bewertung ein großes Maß an Subjektivität ein. Und diese kann mindestens mittelbar diskriminieren. Das wird dann reduziert, wenn ein anderes Kriterium herangezogen wird, das in direktem Bezug zur späteren Aufgabe steht und das sich objektiviert qualitativ bewerten lässt. Sprich: "gute Lösung, nicht so gute Lösung". 

Wie würden Sie das Bewerbungsverfahren für eine Agentur gestalten?

Ich würde ein Auswahlverfahren auch so gestalten. Zuerst – frei zugänglich, anonym nutzbar, vor der eigentlichen Bewerbung - ein Self-Assessment oder Orientierungsspiel für Interessenten. Damit sortieren sich viele schon von allein aus. Dann – als ersten Schritt der eigentlichen Bewerbung – eine mentale Arbeitsprobe ("Mini-Assessment"). Danach einen Test - was konkret getestet wird, ist abhängig vom Jobprofil. Schließlich Einladung der Person zu einem, besser zwei Interviews. Und wenn der Kandidat eh schon da ist, würde ich diesen vor Ort mit typischen Aufgabenstellungen aus dem Job konfrontieren und schauen, wie er sich dabei so schlägt.

Welche sechs Fragen würden Sie den Bewerbern stellen?  

Definitiv keine Fragen nach dem Muster "wenn Sie ein Tier wären, welches wären Sie dann?" stellen. Das ist Küchenpsychologie und Mumpitz, klärt gar nichts auf und führt möglicherweise sogar dazu, dass sich Kandidaten verulkt fühlen. Zu Recht.

Ich würde mir anschauen, um was für ein konkretes Jobprofil es geht, und dann gezielt Fragen stellen, aus deren Beantwortung ich auf die Arbeitsqualität des Kandidaten in eben diesem Job schließen kann. Dabei gibt keine Antwort, die immer richtig ist. Der Lösungsweg ist das Ziel, nicht die Lösung an sich. Wichtig ist, dass denjenigen, die die Antworten dann bewerten sollen, ein Rahmen zur Beurteilung an die Hand gegeben wird, um die Antworten mit dem gleichen Maßstab zu bewerten.

Arbeitgeber Agenturen: Brauchen Bewerber noch einen Lebenslauf?

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

(4) Leserkommentare

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht

Warum Sapient Nitro nicht auf den Lebenslauf verzichtet

von Ute Maria Zankl

Sollten deutsche Agenturen beim Recruiting nach dem Lebenslauf fragen? Ein Curriculum Vitae (CV) ist schnell gefälscht, wie der Fall der SPD-Politikerin Petra Hinz beweist. Vielleicht ließe sich durch den Verzicht zudem mehr Vielfalt am Arbeitsplatz garantieren? Die Agentur JWT London handhabt es so und stellt ihren Bewerbern erstmal online ein paar Fragen, bevor sie zum Jobinterview lädt. Bei Sapient Nitro möchte indes niemand auf den CV verzichten, so Ute Maria Zankl, Director People Strategy von Sapient Nitro für Deutschland. In ihrem Beitrag erklärt die Lead Digital-Bloggerin warum. 

Auch in der Kreativ-Branche ist ein CV plus Portfolio nach wie vor ein wichtiges Kriterium für die Bewerbung. Er ist in der Regel ein Türöffner für die Kandidaten. Ein Hinweis darauf, ob ein Dialog mit einem Interessenten oder einer Interessentin für beide Seiten lohnenswert sein könnte. Bei einer Mitarbeiterempfehlung – oder wenn der Kandidat aus anderen Gründen bekannt ist – kann in Ausnahmefällen auch ein Gespräch stattfinden, bevor der Lebenslauf vorliegt. Oftmals geben Xing- oder Linkedin-Profile bereits einen Eindruck davon, ob sich ein Gespräch lohnen könnte.

Das Argument, dass ein Bewerbungsverfahren ohne CV zu mehr Vielfalt am Arbeitsplatz führt, kann ich nicht nachvollziehen. Wir haben aber festgestellt, dass nicht die Einladung zu einem Interview ein Hindernis für Diversity ist, sondern der anschließende Interview-Prozess.  Das Thema ist zu komplex, als dass man es mit einer singulären Aktivität angehen könnte. Eine wichtigere Maßnahme, um den sogenannten "Unconscious Bias" zu verhindern, ist es, das Thema bei Recruitern und Entscheidern zu thematisieren - es durch Trainings bewusst zu machen. Zudem sollten das Hiring-Team und die Interviewer-Pools divers zusammengesetzt sein, damit unterschiedliche Sichtweisen bei der Entscheidung für oder gegen die Kandidaten zum Tragen kommen.

Bei Sapient Nitro sehen wir keinen Grund, unseren bewährten Recruiting-Prozess grundlegend zu ändern, gehen aber nach wie vor flexibel damit um. Um die Anzahl der Interessierten zu erhöhen, ist unter anderem eine familienfreundliche Arbeitgebermarke entscheidend. Zudem eine explizite Selbstverpflichtung des Managements, bei Gehältern keinen "Gender Gap" zuzulassen. Das heißt: Der Mensch, nicht der Prozess, steht im Mittelpunkt, und wenn wir einen interessanten Menschen finden, suchen wir das Gespräch – so oder so.

von Ute Maria Zankl - Kommentare Kommentar schreiben

Kolle Rebbe: "Lebensläufe spielen bei uns keine zentrale Rolle"

von Sebastian Blum

Hat der Lebenslauf beim Recruiting ausgedient? Die Agentur JWT London stellt ihren Bewerbern etwa erstmal online paar Fragen, bevor sie zum Jobinterview lädt. Und hierzulande? Während Sapient Nitro nicht ohne Lebenslauf auskommt, sieht man das bei Kolle Rebbe etwas anderes. W&V Online hat bei der Personalchefin der Hamburger Susanne Dera nachgefragt. 

Frau Dera, wie wichtig ist der Lebenslauf für Kolle Rebbe? Worauf achten Sie, bevor Sie den Bewerber zum Interview einladen?

Lebensläufe per se spielen bei uns keine zentrale Rolle. Zu erfahren, was der Bewerber oder die Bewerberin schon gemacht hat, für welche Kunden hat er oder sie gearbeitet und was genau an den jeweiligen Stationen die individuellen Aufgaben waren, schon.

Dabei bietet ein Lebenslauf den Vorteil, dass er schnell alle relevanten Fakten zu den Kandidaten liefert: Die standardisierte Form ist auf beiden Seiten gelernt und verschafft uns einen ersten Eindruck von der Person. Ein aussagekräftiges Xing- oder Linkedin-Profil erfüllt zum Beispiel aber denselben Zweck und reicht uns auch völlig aus.

Aber uns interessiert auch immer, was die Kandidaten außerhalb der Agentur, neben der Arbeit so umtreibt. Sind sie leidenschaftliche Musiker, Extremsportler, Langschläfer, ganz egal. Je besser man die Person hinter dem Lebenslauf kennenlernt, umso spannender für uns – Ecken und Kanten inklusive.

Was halten Sie von der Änderung bei JWT?

Kandidaten stehen heute nicht mehr in Zweierreihe bei uns vor der Tür, deshalb finde ich es immer spannend, sogar notwendig, innovative und neue Wege zu gehen. Das machen wir bei Kolle Rebbe im unternehmerischen Bereich, indem wir in Produktinnovationen oder Start-ups investieren. Gleiches gilt aber auch fürs Recruiting. Ich bin in jedem Fall gespannt, ob JWT mit dem neuen Vorgehen erfolgreicher ist als zuvor und würde mich über einen Erfahrungsbericht der Kollegen freuen.

In der ersten Bewerbungsphase auf den Lebenslauf zu verzichten bedeutet laut JWT auch mehr Diversity: Stimmen Sie zu? Wie garantiert Kolle Rebbe Vielfalt am Arbeitsplatz?

Wie allein der Verzicht auf den Lebenslauf zu mehr Diversity führt, sehe ich nicht. Wenn, dann müsste das Verfahren anonymisiert werden, wie es in einigen großen Unternehmen üblich ist. Für uns sind bei der Personalauswahl einzig die Erfahrungen, Fähigkeiten und persönliche Eindrücke wichtig. Alles andere spielt für uns keine Rolle.

Welche sechs Fragen würden Sie stellen, um den richtigen Kandidaten für das Bewerbungsgespräch auszuwählen?

Das hängt sehr stark vom Job ab und ist nicht pauschal zu beantworten. Aber auch ohne Lebenslauf interessiert mich natürlich trotzdem, welche Erfahrungen die Bewerber mitbringen, für welche Aufgaben sie sich interessieren, was sie antreibt oder wie sie zum Beispiel im Team funktionieren. 

von Sebastian Blum - Kommentare Kommentar schreiben