Stefan Krüger, Gesellschafter und Geschäftsführer der PR-Agentur Cocodibu.
Stefan Krüger, Gesellschafter und Geschäftsführer der PR-Agentur Cocodibu. © Foto:Cocodibu

Stefan Krüger | | von einem W&V Leserautor

40 Stunden im Büro: Warum Agenturen spießig sein dürfen

Agenturen wollen sexy sein wie die Startups und versprechen den High Potentials von überall aus arbeiten zu können, gern weit weg von den traditionellen Büroräumen. Stefan Krüger, Chef der PR-Agentur Cocodibu, fragt: Muss das sein?

Heiß wie Carmen Geiss

Jede Generation bleibt der vorherigen ja immer ein bisschen unergründlich. Das macht es uns über 40-Jährigen nicht gerade einfacher, zu verstehen, warum Agenturen bei den Millennials an Attraktivität verloren haben. Dass es so ist, daran scheint es keinen Zweifel zu geben. "Alarmstufe rot!" lasen wir etwa diese Woche besorgt in der Fachpresse (W&V, Ausgabe Nr. 31), "Agenturen haben ein Personalproblem. Mitarbeiter sind oft schwer zu halten. Oder gar nicht erst zu kriegen". Wir ertappten uns, bei jedem dieser Sätze zustimmend genickt zu haben. Natürlich nur so dezent, dass es keiner im Team mitbekommen hat.

Und so richtig die Diagnose, so holzschnittartig ist in diesem Zusammenhang leider häufig die Beschreibung unserer Nachwuchskräfte: Jungen Bewerbern gehe es vor allem um Work-Life-Balance, ihnen fehle es an Ehrgeiz und sie wollen nicht mehr gefordert werden, heißt es dazu häufig. So einfach ist es nicht. Leider. Und zum Glück. Denn wer will schon mit einer Generation antriebsloser Schlaffies arbeiten?

Drei Beobachtungen dazu aus unserem klitzekleinen Cocodibu-Mikrokosmos: Eine ehemalige Mitarbeiterin, die hier das Thema Work-Life-Balance geradezu zelebrierte, wird anschließend bei einem Startup zum Arbeitstier. Das Goodie, mal eine Woche von Mallorca aus zu arbeiten, wird verschmäht, während die Volontärin im Rahmen ihrer Ausbildung als Medienkoordinatorin einer Hilfsorganisation mit Ärzten durch ukrainische Gefängnisse ziehen will und dafür in ihrer Freizeit Zusatzausbildungen absolviert. Morgens um sieben im Stil der Ninja Warriors trainieren und dann Homeoffice im Schlafanzug mit Powernapping fordern, das ist längst kein Gegensatz mehr, müssen wir lernen. Und so widersprüchlich das alles erscheint, so lässt sich das vielleicht auf einen Nenner runter brechen. Die High Potentials von heute haben offensichtlich eine ganz eigene, ganz  pragmatische Sichtweise auf die Arbeitswelt: Entweder es nutzt mir oder der Allgemeinheit. Oder, im Idealfall, beiden.

Lieber Kuchentratsch als Jung von Matt

Die Startup-Kultur spiegelt das idealtypisch wider: Die Faszination, die vom Silicon Valley und seit einiger Zeit auch von Berlin ausgeht, ist ja weniger eine primär technische, sondern das Versprechen, die Welt ein bisschen besser zu machen. Staunend sehen wir, dass junge Leute hier auf Work-Life-Balance und Homeoffice pfeifen und sich für wenig Geld die Nächte um die Ohren schlagen. Also genau das, was sie nicht mehr bereit sind für Agenturen zu leisten. Und so ringt ein Startup wie Kuchentratsch unserem jungen Cocodibu-Team, so mein Eindruck, mehr Respekt ab, als jede neue Kampagne von Jung von Matt. Weil es allen eine Sinnhaftigkeit gibt, die wir in der Form kaum aufbringen können.

Agenturen, wie auch immer sie spezialisiert sind, sehen dagegen alt aus. Wir stehen für Konsum, selbstreferentielle Bling-Bling-Debatten und Branchen-Events, die seit 20 Jahren so überraschend sind wie Dinner for One. Wehmütig schmeißen wir uns abends ein paar Folgen von "Mad Men" rein und umschmeicheln die High Potentials tagsüber mit neuen Arbeitszeitmodellen: Home Office, Mobile Office und in ganz fortschrittlichen Läden schlurfen Arbeitnehmer mit ihren Rollcontainern durch die Flure auf der Suche nach einem freien Arbeitsplatz. Und zu guter Letzt soll jetzt auch noch eine Kampagne das Image der Agenturen aufpolieren. Verzweifelt laufen wir dem Zeitgeist hinterher. Wären wir eine Frau, wir würden Carmen Geiss heißen. Nicht mehr die jüngste, aber immer noch genug Kohle im Spiel, um sich vor der Altersarmut zu fürchten. Ein bisschen viel schminki, schminki, aber immer noch zu wenig, um mit dem Sex-Appeal der Twens – in dem Fall den Startups – konkurrieren zu können.

Spießig statt spaßig

Und weil wir dieses Rennen eben nicht gewinnen können, wäre es eine Überlegung wert, jetzt einfach den Turnaround zu wagen. Also die genau gegensätzliche Richtung einzuschlagen. Mal wieder rein in die spießige Normalität des Arbeitsalltags. Feste Arbeitszeiten, 8 Stunden-Tage, Anwesenheit im Büro. Genau so, wie wir es in den Arbeitsverträgen vereinbart haben. Zugegeben: das wirkt nicht unbedingt immer spaßig. Aber das ist von Arbeit vielleicht auch einfach zu viel verlangt. Erst recht von einer, die eher von KPIs denn von Idealismus getrieben ist.

Ein solch geradezu reaktionäres Modell, so wird man an dieser Stelle einwenden, wird die Generation Y komplett verschrecken und die Attraktivität der Branche empfindlich schmälern. Aus meiner Sicht wäre das ein Armutszeugnis. Wenn wir es jungen, motivierten, hervorragend ausgebildeten Menschen nicht mehr zumuten könnten, 40 Stunden in der Woche (aber eben auch nicht 50 oder 60) am Schreibtisch nach den richtigen Worten, Bildern, Ideen oder was auch immer zu suchen, dann aber gute Nacht.

Der Text von Stefan Krüger erschien zuerst im Agenturblog von Cocodibu. Mehr über das Personal- und Imageproblem von Agenturen lesen Sie in der Titelgeschichte der aktuellen W&V. Hier geht es zur Einzelheftbestellung. 

40 Stunden im Büro: Warum Agenturen spießig sein dürfen

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