Rocken für den guten Zweck: Alljährlich veranstaltet Ministry in den Agenturräumen ein Band-Aid-Festival.
Rocken für den guten Zweck: Alljährlich veranstaltet Ministry in den Agenturräumen ein Band-Aid-Festival. © Foto:Ministry

Führungsstil von Marco Luschnat | | von Anja Janotta

2 Jahre Agentur-Anarchie: Die Bilanz von Ministry

Anfang 2014 war bei der Hamburger Agentur Ministry der kritische Punkt erreicht: Damals überstieg die Zahl der Mitarbeiter die 40. Eine klassische Grenze, bei der Management-Handbücher üblicherweise dazu raten, eine weiteren Mittelmanagement-Ebene einzuziehen. Aber genau dieses Üblicherweise wollten die Geschäftsführer von Ministry nicht. Sie gingen einen ganz anderen Weg: Statt einen Head Creation und einen Head Media zu installieren, gaben die Chefs ihre Macht ab - an die einzelnen Units der Agentur. 

"Wir haben uns gegen das klassische Top-down-Prinzip entschieden und stattdessen auf interdisziplinäre Teams gesetzt, die demokratisch darüber entscheiden, was sie machen", erklärt Marco Luschnat, einer der Gründer der Agentur. "Bei uns bekommt niemand Ansagen vom Chef, was zu tun oder zu lassen ist. Die Teams können selbst frei entscheiden über ihre Arbeitszeit, wie viel Urlaub sie nehmen, wer eingestellt wird, welche Kunden sie haben wollen und welche nicht so gut zum Team passen und welche Pitches man angehen will."

Größtmögliche Freiheit also. Doch diese offene Kultur kann Angst machen. So war es auch anfangs bei der Agentur in Hamburg. Die Pläne stießen zunächst nicht überall auf viel Gegenliebe. "Nicht alle haben gleich Hurra geschrien. Maximaler Freiraum heißt auch maximale Verantwortung, und das war vielen unheimlich. Wir mussten viel reden und die Leute bei der Hand nehmen bei dieser Veränderung", erzählt Luschnat.

Die Erfahrungen seien sehr unterschiedlich gewesen, je nach Gruppe: Bei zwei der vier Teams hätten sich gleich ein, zwei Anführer gefunden, die auch bereit waren, Führung zu übernehmen. Ein Team habe sich komplett basisdemokratisch aufgestellt. Nur im vierten gab es damals einen "kleinen Entscheidungsstau", weil sich dort nicht auf Anhieb eine Hierarchie herausbilden wollte. Aber die Anfangsschwierigkeiten seien, so Luschnat, längst überwunden: "So was ruckelt sich ein."

Die Mühe hat sich gelohnt, findet er, denn die Struktur biete viele Vorteile: "Wir bekommen jede Menge guter Bewerbungen auf den Tisch, ohne groß zu trommeln." Das ist offenbar nicht nur Eigen-PR des Firmenchefs - die Agenturbewertungen bei Kununu sind durchwegs ebenso positiv. Sie loben beispielsweise den Humor und den freien Umgang im Haus: "Ein Haufen sehr netter Menschen, die gleichberechtigt sind und von denen man offen und herzlich empfangen wird." In einem Blog-Eintrag auf der Agentur-Website schwärmt zudem ein Neuzugang:

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"Warum ich mich entschloss, den Ministry-Vertrag zu unterzeichnen, ist das unbändige gegenseitige Vertrauen und die ganz besondere Wertschätzung, mit welcher sich bei Ministry die Menschen begegnen."

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Die Kunden würden die Kultur wertschätzen, sagt Luschnat. Auch wenn noch kein neuer großer Wunschkunde gewonnen wurde, hätten sich viele kleinere Aufträge ergeben. "Denn die Kunden merken und honorieren, mit wie viel Spaß und Akribie unsere Leute bei der Arbeit sind."

Damit das auch so bleibt, hat die Agentur im vergangenen Frühsommer eine Flow-Managerin eingestellt. Susanne Reppin soll dabei helfen, dass die Teams ihre Selbstverantwortung besser verwalten können, und sie bei der Organisation der agilen Prozesse coachen.

Die Baustellen gehen ihr so schnell nicht aus: Bald sollen alle Gehälter transparent verhandelt werden. Im September 2015 hatte Ministry außerdem die Urlaubsregelung freigegeben. Jeder Mitarbeiter kann seitdem selbst entscheiden, wie viel Urlaub er nimmt. Auch jeden einzelnen Morgen darf er sich spontan ins Homeoffice und sogar in den Urlaub abmelden. Der Spaß an der Arbeit scheint dann aber irgendwie doch zu überwiegen: "Es ist durchaus nicht so, dass die Hallen jeden Tag leer sind", sagt Luschnat.

Mitte dieses Jahres will Ministry in seiner Agenturrevolution noch eine Stufe weiter gehen: Die Offenlegung der Gehälter. "Vor diesem Schritt habe ich den meisten Respekt", gibt Luschnat zu. Und das nicht, weil er dabei auch sein eigenes Gehalt transparent machen muss, denn das ist mit der für das ganze Haus offenen Bilanz sowieso für jeden einsehbar. Jedes einzelne Gehalt soll dann individuell verhandelt werden - das wird eine große Herausforderung.

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Luschnats Vision für die Agentur in fünf Jahren? "Meine Vorstellung wäre: Die ganze Gruppe besteht nur aus Mitarbeitern, die Lust an der Verantwortung haben, die kompetent und streitbar sind. Nicht um des Streites willen, sondern weil sie das Unternehmen weiterbringen wollen." Vielleicht ist die Kundenliste dann noch größer. Derzeit umfasst sie Namen wie Bauer, Braun, Dr. Oetker, diverse Procter& Gamble-Marken und Otto. Wachstum wäre natürlich auch fein, so Luschnat, aber nicht um jeden Preis:

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"Wir könnten gern doppelt so groß sein in fünf Jahren, aber es dürfte sich am Charakter der Firma nicht viel ändern."

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2 Jahre Agentur-Anarchie: Die Bilanz von Ministry

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