Wochenrückblick | | von Irmela Schwab

Zwischen barmherzigem Vergessen und wichtiger Erinnerung

Das Beste an Erinnerungen ist, dass sie verblassen. Nur so können wir uns mit weniger schönen Ereignissen nachträglich versöhnen, oder haben alternativ die Chance, kleinere bis größere Details so abzuändern, bis sie besser ins persönliche Gesamtbild passen. Moderne Apps wie Snapchat haben diesen menschlichen Wunsch, das Recht auf Vergessen, verstanden und ins Geschäftsmodell integriert: Nachdem der Empfänger eine Botschaft gelesen, ein Bild angeguckt hat, schwupps, löst es sich in wohlgefälliges Nichts auf. Ahhh.

Google zieht nun endlich nach. Nachdem die Suchmaschine seit gut 15 Jahren aufzeichnet, was Individuuen von sich und anderen preisgegeben haben, und je nach “Relevanz” unter den Suchergebnissen rankt, zwingt ein Urteil des Europäischen Gerichtshof die unbarmherzige Erinnerungs-Maschine, endlich das Vergangene ruhen zu lassen: Der Konzern hat diese Woche damit angefangen, Einträge zu entfernen, wie ein Sprecher des US-Konzerns  mitteilt. Der Internetkonzern hat nach eigenen Angaben binnen vier Tagen über 41.000 Wünsche auf Löschung von Suchresultaten erhalten. Jede Anfrage werde individuell bewertet - und laut Google “so schnell wie möglich abgearbeitet”.

Um die Löschung von Links die eigene Person betreffend noch einfacher zu gestalten, kann man auf die Dienste von Forget.me zurückgreifen. Hinter dem Service steht  das französische Unternehmen Reputation VIP, das sowohl Privatpersonen als auch Firmen dabei unterstützt, die eigenen Fußspuren im Netz zu beobachten und gegebenenfalls zu ändern. 

Während Big Data weiterhin ein Reizthema bleibt und die Gemüter entzweit, ist kreative Werbung, die sich digitalen Technologien spielerisch nähert, offenbar bei allen willkommen.  Gegen die Einführungskampagne des BMW i8 hat zumindest noch keiner protestiert: Neben Werbung in TV, Print und Außenwerbung lässt der Autobauer den neuen Plug-In-Hybrid-Sportwagen auch digital erforschen - und zwar an den Flughäfen in München, Frankfurt am Main und Hamburg. Über Google Glass können Flughafen-Besucher das Modell interaktiv erleben und sich Details zu Themen wie Laserlicht, Carbon, oder Plug-In-Hybridantrieb über eine Augmented Reality-Anwendung präsentieren lassen. Die Google-Glass-Tour ist auch als Film auf Wiki8 und Social Media zu sehen.

Vielleicht können die Münchner Autohersteller auch bald von einem ganz neuen Ansatz von AOL und UM profitieren. Die Internetfirma und die Media-Agentur arbeiten an einer Technologie, die digitale Ads an Echtzeitereignisse koppelt: Wenn etwa die Benzinpreise steigen, können Pkw-Firmen das Ereignis nutzen, um im Handumdrehen ihre Hybrid-Autos zu bewerben, führt Advertising Age als Beispiel an. Und wenn Aktienkurse fallen, können Unternehmen konservative Investitions-Möglichkeiten bewerben.

Charmant: Das Ereignis braucht dabei nicht um die aktuellen Bedürfnisse des einzelnen Konsumenten wissen - sondern setzt in gewisserweise voraus, dass jeder im jeweiligen Ereignismoment an der Werbung interessiert ist. Big Data-Gegner dürften darin eine spannende Alternative zum datenbasierten Marketing sehen.

Daten, also Zahlen und Buchstaben schwarz auf weiß, haben nun einmal große Macht. Im Schlechten wie im Guten, sie lassen sich aber auch erst mal ganz neutral betrachten. Wie derzeit bei Facebook - hier werden Daten herangezogen, um die Belegschaft zu durchleuchten - und zwar auf Geschlecht und ethnische Herkunft hin. Das Resultat: Der Großteil der Belegschaft von Facebook ist wie Firmengründer Mark Zuckerberg weiß und männlich. In den Führungspositionen wird diese Dominanz sogar noch stärker. Während im gesamten Unternehmen 31 Prozent Frauen beschäftigt sind, sind es im Management 23 Prozent. Maxine Williams, Global Head of Diversity bei Facebook kommentierte die Daten in einem Blogpost: "Wie diese Zahlen zeigen, müssen wir mehr tun - viel mehr."

Zwischen barmherzigem Vergessen und wichtiger Erinnerung

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