Wochenrückblick | | von Yvonne Göpfert

Wie viel Skandal verkraftet ein Unternehmen?

Von 11 auf minus 2: Volkswagen hat seinen Buzz-Score erfolgreich heruntergewirtschaftet. Das Vertrauen der Welt in das Image des deutschen Konzerns ist dahin. In 25 Prozent aller VW-Tweets tauchte plötzlich das Wort Emission auf. Und die waren alle wenig freundlich. Nun fegt ein Shitstorm immer mal wieder über große Unternehmen hinweg. Aber in der Regel geht damit kein derartiger Vertrauensverlust einher. Anders beim VW-Drama. Sogar auf den ORIF Retail Tagen von Oracle, wo Online-Händler intensiv über die aktuellen Probleme des Handels diskutiert haben, wurde das Thema wiederholt und sarkastisch eingeworfen. VW darf sich also in Zukunft dem Wiederaufbau des Vertrauens widmen. Dass das harte Arbeit ist, hört man auch von Brands wie dem italienischen Babybedarf-Anbieter Prenatal oder dem flotten Modeanbieter River Island. Beide Marken nutzen Facebook als Vertrauensbasis, um mit ihren Kunden zu sprechen und sie zu gegebener Zeit zu Käufern zu machen. Ob es ein einmaliger offener Brief wie ihn VW jetzt veröffentlicht hat, richten kann, darf man also getrost bezweifeln.

Neben VW wird auch Nestlé mit einem Skandal in Verbindung gebracht: Ob Nestlé mit seinem Twitter-Feed #FragNestle gerade Vertrauen auf- oder abgebaut hat, wird von PR-Experten kontrovers diskutiert. Und so mancher Experte fragt sich, ob Twitter der richtige Kanal ist für eine tiefgreifende Diskussion, um die es Nestlé hier zu gehen scheint. Oder ob 140 Zeichen nicht zu wenig sind, um so ein schweres Thema zu diskutieren und Facebook die bessere Alternative gewesen wäre.

 

Fest steht: Eine Diskussion ist in Gang gekommen. Der Kunde tut seine Meinung kund. Und Nestlé sucht den Dialog. Da fragt man sich unwillkürlich, was mag wohl der Hintergrund sein? Vielleicht rüstet Nestlé sich so schon mal für die Zukunft, wenn Lebensmittel nicht mehr im Supermarkt, sondern vorwiegend online bestellt werden? Denn das bedeutet: So wie Amazon und Google heute Gatekepper für Shopping allgemein sind, versuchen sich Edeka, Rewe oder Hello Fresh schon mal im Lebensmittelmarkt in die Pole-Position zu bringen. Gut möglich, dass sie, die den direkten Zugang zum Kunden haben, dann lieber ihre Eigenmarken anpreisen als Nestlé-Produkte zu promoten. Ein Hersteller kann da nur gegensteuern, indem seine Marken großes Vertrauen genießen und vom Kunden bewusst nachgefragt werden.

Das Netz als dickes Band zwischen Kunden und Herstellern – das birgt so manches Wohl und Wehe für alle Unternehmen, die sich dort tummeln: Was das Netz und die Digitalisierung für Unternehmen insbesondere für Startups tun kann, wurde diese Woche in Hannover auf dem Spamfilter Festival diskutiert. Darüber hinaus ging es auf dieser innovativen Veranstaltung um eine Gesellschaft ohne kulturelle und soziale Grenzen, um die Geschlechterverhältnisse im Netz und um Rassismus in sozialen Netzwerken. Das sind alles Themen, die in der Diskussion mit Herstellern ebenfalls möglicherweise bald mal eine Rolle spielen können – Stichwort Sustainability. Hersteller tun daher gut daran, soziale und ökologische Werte nicht nur als Phrasen in ihre Unternehmensphilosophie aufzunehmen, sondern die Werte auch wirklich zu leben.

Wie viel Skandal verkraftet ein Unternehmen?

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

Leserkommentar

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht