Nico Rose | | von Nico Rose

Warum Social Media nicht auf Klatsch und Tratsch verzichten kann

Das Internet besteht zu einem signifikanten Teil aus Seiten pornösen Inhalts. Schätzungen variieren zwischen vier bis 37 Prozent. Niemand weiß das so genau. Einigen wir uns auf: eine Menge. Das ist nicht zwingend wünschenswert, aber dann auch keine so große Überraschung. Schon unsere frühen Vorfahren haben mit Vorliebe wohlgeformte Körper an die Höhlenwände gepinselt – gleich neben ihr Jagdwild. Das übrige Internet besteht bekanntlich zu großen Teilen aus Katzencontent. Und das ist doch ein großer Fortschritt: die meisten von uns jagen Tiere heutzutage nur noch mit der Kamera, nicht mehr mit Pfeil und Bogen.

Aber halt: eine wichtige Kategorie habe ich bislang sträflich übergangen: Klatsch und Tratsch. Promiseiten. Heiße News vom roten Teppich. Welches Kleid hat Kate Middleton bei der letzten Charity-Gala getragen? Wie viele Liter Tränen flossen bei Heidi Klums GNTM? Und wer war die unbekannte Schöne, die George Clooney am Wochenende in sein Haus am Comer See gefolgt ist? All das bewegt viele Menschen zutiefst, obwohl zunächst einmal kein unmittelbarer Nutzwert erkennbar ist.*

Interessanterweise scheint es eine essentielle Gemeinsamkeit zwischen Körperschau- und Promi-Content zu geben: es ist liegt im Bereich des Möglichen, dass wir einfach genetisch verdrahtet sind, entsprechende Inhalte zu goutieren. Eine Studie aus dem Jahre 2005 mit dem wunderhübschen Titel Monkeys pay per view: adaptive valuation of social images by rhesus macaques hat Folgendes herausgefunden: man kann unseren tierischen Verwandten das Handeln beibringen. Sie sind gewissermaßen bereit, Leckereien gegen Medienkonsum einzutauschen. Konkret hat man den männlichen Äffchen einen Vorrat an schmackhaftem Saft zur Verfügung gestellt. Anschließend hatten sie die Möglichkeit, Teile des Saftes wieder einzutauschen – und zwar für das Recht, eine Zeit lang Bilder zu betrachten. Und es gab genau zwei Arten von Content, für die die Primaten zu zahlen bereit waren.

Erstens: Bilder von Affenhintern. Das ist selbsterklärend. Und zweitens: Gesichter von hochrangigen Mitgliedern der eigenen Gruppe! Wenn Affen schreiben könnten, wären wahrscheinlich noch Autogramme geschrieben worden. Hier zeigt sich also das Primatenäquivalent zur Online-Gossip-Schleuder "Thirty-Mile Zone". Randnotiz: die kleinen Racker erwiesen sich zumeist als sehr gewiefte Geschäftsleute. Während sie wie gesagt bereit waren, für das Bild vom Chef zu bezahlen, mussten sie mit einer Extra-Ration Saft bestochen werden, wenn sie sich Abbildungen von niederrangigen Kollegen anschauen sollten.

Also liebe Damen: schämt Euch nicht, wenn Ihr mal wieder zur Cosmopolitan oder Gala greift. Alles genetisch. Und Männer: naja…

*Es gibt Forscher, die glauben, dass wir Menschen angefangen haben zu sprechen und vor allem zu tratschen (am Ende geht es hier darum, Gemeinsamkeit herzustellen und Allianzen zu schmieden), weil wir in zu großen Gruppen leben, um uns alle noch gegenseitig gebührend zu lausen. An dieser Stelle ein fettes Dankeschön an die Evolution!

Nico Rose ist einer der "Digital Leader", einer festen Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreiten. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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