Christina Philippe sieht auch Youtube in der Verantwortung.
Christina Philippe sieht auch Youtube in der Verantwortung. © Foto:Presse

Christina Philippe | | von Christina Philippe

Warum der Youtube-Rauswurf PewDiePie sogar nützt

PewDiePie, der Youtuber mit den meisten Abonnenten weltweit, wurde von seinem Netzwerk, den Maker Studios (Disney) vor die Tür gesetzt. Auch Youtube kündigte an, die mit ihm als Star produzierte Webserie "Scare PewDiePie" nicht in die zweite Staffel zu starten. Zudem wurde sein Kanal aus dem Google-Preferred-Programm entfernt, dass besonders Werbepartner-freundliche Inhalte auszeichnet. Stein des Anstoßes war ein Artikel des "Wall Street Journal", in dem ihm Antisemitismus vorgeworfen wird. In einem mittlerweile nicht mehr verfügbaren Video hatte er über die Freelancer-Plattform Fiverr Menschen dazu aufgefordert, gegen Bezahlung Dinge für ihn zu tun. Das Resultat war, dass sich zwei junge Männer mit einem Schild ablichten ließen, auf dem zu lesen stand: "Death To All Jews".

Inzwischen hat PewDiePie, bürgerlicher Name Felix Kjellberg, sich via Video entschuldigt und bekommt dafür die Unterstützung anderer Youtuber. Allerdings fiel er schon früher durch Videos auf, in denen er eine Rede von Hitler kommentierte. Das Ganze ging so weit, dass er von nationalsozialistischen Bewegungen in den USA als Held gefeiert wurde. 

Bis hierher klingt es also ganz so, als hätten Disney und Youtube richtig gehandelt. Solche Inhalte darf man nicht dulden, besonders, wenn sie so ein großes Publikum wie das von PewDiePie erreichen. 

Wie weit gehen wir für Geld?

Allerdings war PewDiePies Absicht eine ganz andere. Er wollte darstellen, dass es Menschen gibt, die bereit sind, für Geld fast alles zu tun, um ihre aussichtslose Lage zu verbessern. Er nimmt in einem neuen Video selbst Stellung dazu.

Die Medienberichte dagegen nehmen Bezug auf einzelne Szenen, ohne den Kontext zu beleuchten. Dem Leser wird suggeriert, dass Felix tatsächlich ein Antisemit sei oder zumindest eine solche Einstellung unterstütze. Ein Sprecher von Disney sagte: "Felix ist eindeutig zu weit gegangen und die betroffenen Videos sind unangebracht". Das ist so sicher richtig. Gerade für Disney, deren Fokus auf Familienunterhaltung liegt, spielt es eine wichtige Rolle, mit wem sie zusammenarbeiten. Das gilt natürlich auch für Tochter-Firmen wie Maker.

Ein Umstand darf jedoch nicht außer Acht bleiben: Disney hat nicht von sich aus auf die Videos reagiert, sondern erst auf den Artikel des "Wall Street Journal". Und genau hier liegt das Problem. Durch einen suggestiven Artikel, der Inhalte aus dem Kontext reißt, lässt sich ein Milliarden-Konzern wie Disney zu einer Handlung bewegen, die auf den ersten Blick gravierende Folgen für Felix hat. Sicherlich sind seine Mittel hier fragwürdig und eher von schlechtem Geschmack, allerdings daraus direkt eine Nazi-Keule machen zu wollen, ist etwas weit hergeholt, besonders wenn man berücksichtigt, dass er sich schon in früheren Videos immer wieder geäußert hat, um mit ähnlichen Missverständnissen aufzuräumen.

Bei 53 Millionen Abonnenten ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein paar rechtsgedrehte Idioten dabei sind, die alles nach ihrer eigenen Ideologie interpretieren, leider recht hoch. Anstatt Felix hier abzustrafen, seinen Account aus Google Preferred zu streichen und seine Serie einzustellen, sollte Youtube sich lieber mal um die Kanalbetreiber kümmern, die wegen Volksverhetzung rechtskräftig verurteilt worden sind, ihrem minderjährigen Publikum erzählen, wie viele Anzeigen sie schon gesammelt haben, oder sich für hirnlose Pranks ahnungslose Opfer suchen. (An dieser Stelle sei vermerkt, dass ich mit voller Absicht nicht auf die Videos verlinke, da jeder Klick einer zu viel ist.)

Die Folgen für PewDiePie

Wer jetzt allerdings wirklich glaubt, Felix und sein Account wären dem Untergang geweiht hat Youtube nicht ganz verstanden. Eine wunderbare Zusammenfassung dazu liefert Phil DeFranco, seinerseits News-Youtube und Mitgründer der Maker Studios https://youtu.be/DtlDC1sZFSg

Ja, natürlich hat die ganze negative Presse Auswirkungen auf PewDiePies Account, allerdings nicht so, wie viele Journalisten es sich erhoffen. Im Gegenteil. Seine Abonnentenzahl steigt gerade stärker an als je zuvor. Als Live-Count wirkt das im übrigen sehr beeindruckend. 

Noch dazu ist er jetzt unabhängig von einem Netzwerk, kann sich selbst vermarkten und im Prinzip machen, was er möchte, ohne Rücksicht auf die gewünschten Inhalte des Netzwerks nehmen zu müssen. Besser hätte das alles für ihn also kaum laufen können. Und genau an dieser Stelle landet man dann wieder bei der Frage, inwiefern Youtube selbst die Verantwortung für solche Eskapaden trägt. 

Die Profiteure der Skandalisierung

Youtube-Videos zu machen ist ein aufwendiges Hobby. So aufwendig, dass bei jedem irgendwann der Punkt kommt, eine Entscheidung treffen zu müssen. Entweder man monetarisiert oder man lässt es ganz sein. Und um mit Youtube Geld zu verdienen, braucht man Klicks. Viele, viele Klicks. Und die bekommt man, dank des jungen Publikums, dass auf der Suche nach leichter Unterhaltung ist, nur mit zwei Dingen: Kätzchen und Skandalen. So ein Skandal ist leicht erzeugt. Man lässt sich über Nacht in einem Ikea-Markt einschließen, stellt an einem Bahnhof einen unbeobachteten Koffer ab oder lässt sich einfach mal wegen Volksverhetzung verurteilen. Dann laufen der Kanal und der Subscriber-Counter von ganz allein. Und dank der vielen neuen Abonnenten rückt man auch ganz schnell ins Interesse der Mediaagenturen und Netzwerke, die einen sogar noch zusätzlich für solche Aktionen bezahlen wollen. Wer kann da schon nein sagen? 

Es ist mehr als problematisch, wenn Youtube nun plötzlich den Zeigefinger hebt und sensationslüsterne Videos wie die von PewDiePie wegen Medienberichten abstraft. Immerhin tut Youtube selbst rein gar nichts dafür, hochwertige Inhalte zu belohnen. Das wird jedem klar, der sich kurz die Trends-Seite mit den aktuell beliebtesten Videos anschaut. 

Was bleibt also zu tun? Anstatt weiterhin nur auf Klickzahlen zu schauen, wenn man nach Kooperationspartnern bei Youtube sucht, sollte man Zeit investieren und sich die Inhalte anschauen. Nur so kann gesichert werden, dass auch kleinere Youtuber mit guten Inhalten weiterhin Videos produzieren und ihre Zielgruppe erreichen können.

Christina Philippe, Social-Media-Expertin und Texterin, ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zur Autorin und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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