Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen | | von Petra Schwegler

Wann ein Shitstorm nützlich ist

Ob Dieter Nuhr seinen missratenen Griechenland-Witz bereut, ist unklar. Doch fest steht: Der Kabarettist hat damit einen Shitstorm gegen sich ausgelöst. Über die digitale Empörungswelle hat er sich dann im Gegenzug höchst öffentlich zur Wehr gesetzt - und in der "FAZ" das Phänomen "die Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts" genannt.

Dutzende Beleidigungen und Drohungen habe er von seiner Seite gelöscht, daraufhin sei ihm Zensur vorgeworfen worden, murrt Dieter Nuhr. Hier sein Tweet, der die Welle in sozialen Netzwerken ausgelöst hat:

Nuhr täte gut daran, innezuhalten. Eine Welle der Empörung im Internet kann für ihn, der selbst gesellschaftliche Verfehlungen aufpickt, durchaus lehrreich sein. Zumal der Shitstorm nach Einschätzung des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen einfach zur heutigen "Empörungsdemokratie" gehört. Man müsse ihn nur richtig lesen, meint der Professor in einem Interview mit der Nachrichtenagentur "dpa" – in dem er die pauschale Shitstorm-Kritik der letzten Tage als "falsch" einstuft. Pörksen: "Die Debatte der vergangenen Tage zeigt, dass es im Grunde genommen einen verborgenen Kulturkampf gibt zwischen den vernetzten Vielen, die im Netz protestieren, und denjenigen, die sich in den klassischen Medien artikulieren."

Oft sei es so, dass sich in einem kollektiven Empörungssturm große gesellschaftliche Fragen zeigen würden. Als Beispiele nennt der Medienwissenschaftler die so genannte Aufschrei-Debatte rund um den alltäglichen Sexismus gegenüber Frauen oder die Proteste gegen Markus Lanz und damit verbunden die Frage: Wie viel Privatfernsehen vertragen die öffentlich-rechtlichen Medien? Pörksen rät: "Wir brauchen heute kulturell die Fähigkeit, diese Formen des ungefilterten Protests gleichmütiger zu interpretieren. Wir müssen lernen, den Shitstorm zu lesen, ihn zu dechiffrieren."

Er empfiehlt im Gespräch mit "dpa", bei einem Shitstorm die Beleidigungen gleichsam in Gedanken wegzustreichen und zu ergründen, welches gesellschaftliche Thema dahintersteht. Beispiel der Protest gegen ein Unternehmen im Social Web: "Hier zeigen sich oft brisante, manchmal einfach berechtigte, in jedem Fall ökonomisch hochrelevante Wertkonzepte von Konsumenten und Kunden. Man will kein Greenwashing, man möchte keine Heuchelei, man ist gegen ungerechte Arbeitsbedingungen", so Pörksen.

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen promovierte 1999 mit einer Arbeit über die Medien und die Sprache neonazistischer Gruppen. Der 46-Jährige lehrte in Hamburg und Münster, bevor er 2008 nach Tübingen berufen wurde. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen "Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter" und "Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung".

ps/dpa

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