Adidas | | von Franziska Mozart

Stell Dir vor, es ist Shitstorm und keiner geht hin

Eigentlich hat diese Story alles, um ein ganz großer Aufreger zu werden. Es geht um eine große Marke, um den Vorwurf, miserable Arbeitsbedingungen zu bieten und um die Logistikbranche, in der ohnehin derartige Vorwürfe (siehe Zalando und Amazon) nicht unbekannt sind. Nur: Die Geschichte ist seit einem Tag in der Welt, doch bei Google News finden sich (Stand 22.5.2015 10:00) gerade mal zwei Artikel dazu, dass Adidas offenbar Mitarbeiter in seinem Logistikzentrum in Rieste, Niedersachsen, ausbeuten lässt.

Die inhaltlichen Zutaten sind eigentlich denen sehr ähnlich, die in den vergangenen Jahren zu ausgewachsenen Shitstorms gegen Zalando und Amazon geführt haben, doch die Darreichungsform ist eine andere: Während damals TV-Berichte der Auslöser einer breiten medialen Empörungswelle waren, ist es diesmal ein sehr ausgewogener, fundierter Artikel auf zwei großen Zeitungsseiten.

Die Wochenzeitung "Die Zeit" berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe über nicht erfasste und nicht bezahlte Überstunden bei Adidas, über unklare Arbeitszeiten, monatelange Urlaubssperren und Nachtschichten. Die Arbeiter sind bei den Personaldienstleistern Manpower und Olympia beschäftigt und an Adidas ausgeliehen. Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter in diesem Logistikzentrum sind laut dem Bericht Leiharbeiter. Vier von ihnen lassen sich namentlich von der "Zeit" nennen und zeigen ihre Gesichter, in der Hoffnung, den Konzern zu Änderungen zu bewegen. Der wiederum bestreitet die Vorwürfe, etwa dass es einen unbezahlten Bereitschaftsdienst gebe. Die Arbeiter dagegen berichten, dass sie im Umkreis von zwölf Kilometern zu dem Logistikzentrum leben müssen und sich nicht auf vorhandene Dienstpläne verlassen können, sondern ihre Vorgesetzten oft persönlich oder am Telefon fragen müssen, ob sie wirklich arbeiten dürfen.

Adidas reagierte auf die Recherchen laut Artikel "mit all dem, was Krisen-PR-Manager empfehlen". Doch die Krisen-PR-Manager können in diesem Fall gelassen bleiben, denn Print ist offenbar etwas behäbiger. Ein TV-Bericht mit dem gleichen Inhalt, der die Schilderungen der Mitarbeiter mit der Kommunikationsabwehr des Unternehmens konterkariert hätte, würde vermutlich stärker aufgewiegelt haben. Wir könnten Schlagzeilen wie "Schwere Vorwürfe: Ausbeutung bei Adidas" schon längst auf allen reichweitenstarken Online-Portalen lesen, vielleicht gäbe es schon eine Kommentar-Flut bei Facebook, den Hashtag #BoykottAdidas bei Twitter, der Konzern hätte vielleicht schon eine offizielle Erklärung abgegeben usw.

Nicht dass es bei jedem Thema unbedingt einen Shitstorm braucht. Doch dieses Beispiel ist im Kern dem Zalando- und Amazon-Shitstorm so ähnlich, dass deutlich wird, wie sehr die mediale Präsentation entscheidend ist. Ein TV-Bericht kann Massen bewegen, die Macht der Bilder ist groß. Bei Zalando war es RTL, bei Amazon die ARD.  Nun ist es ein Zeitungsbericht und der hat es augenscheinlich deutlich schwerer, die Massen zu erreichen.

Stell Dir vor, es ist Shitstorm und keiner geht hin

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