PR-Kodex | | von Annette Mattgey

So wird Wikipedia sauber

Mehr Informationen für Wikipedia-Neulinge sowie eine Offenlegung der Autoren-Accounts von Unternehmen und Verbänden: Das sind nur zwei der Vorschläge von Marvin Oppong, damit Wikipedia eine möglichst faire Informationsquelle bleibt. Er hat ein sehr ausführliches Arbeitsheft (rund 100 Seiten) zum Thema "Verdeckte PR bei Wikipedia" verfasst, das man kostenlos herunterladen kann. In der Vergangenheit haben sich die Unternehmen nicht gerade mit Ruhm bekleckert. So hat RWE auf die Informationen zum Thema Störfälle im Kernkraftwek Biblis Einfluss genommen. Daimler hat Wikipedia-Einträge zur Beschäftigung von NS-Zwangsarbeitern verändert.

Oppong geht es jedoch nicht um den erhobenen Zeigefinger, sondern er fragt bei Experten aus der PR-Praxis nach, wie sie mit Wikipedia umgehen, nämlich Daniel Rehn von Achtung und Rafael Rahn von Lewis PR.

Als Ausweg aus dem Manipulationsdilemma schlägt er folgende zehn Punkte vor:

1. Förderung der Medienkompetenz in Ausbildungseinrichtungen

In diesem Zusammenhang sind Bildungseinrichtungen wie Schulen gefragt,die entsprechende Medienkompetenz dafür zu vermitteln. Denn mit steigender Medienkompetenz der Nutzer würde es schwieriger, PR in Wikipedia unterzubringen. Änderungen könnten dann leichter nachvollzogen und Manipulationen schneller entdeckt, enttarnt und öffentlich diskutiert werden.

2. Mehr Informationen für Wikipedia-(Neu)nutzerinnen und -nutzer sowie ihre bessere Einbindung, Vereinfachung der Wiki-Software

Könnten sich Nutzer – seien sie neu bei Wikipedia oder schon länger dabei – leichter zurechtfinden, wären sie unter Umständen eher befähigt und bereit, in größerem Umfang aktiv an der Enzyklopädie mitzuwirken. Denn eine ausreichende Zahl von Freiwilligen ist für Wikipedia von existenzieller Bedeutung, um Artikelinhalte hinreichend prüfen und ein Mindestmaß an Qualität innerhalb von Wikipedia herstellen zu können.

3.Offenlegung der Accounts von Unternehmen und Verbänden

Das größte Manko von Wikipedia besteht darin, dass nicht erkennbar ist, wer hinter einer Änderung in Wikipedia steht, wenn die Person, die die Änderung vornimmt, sich vorher nicht registriert hat. Unternehmen, Verbände und andere Interessierte können so theoretisch Wikipedia-Accounts anlegen, die neutral aussehen. Mit einer verpflichtenden Offenlegung von Unternehmensaccounts wäre dieses Problem gelöst.

4. Intensivierung der Quellenverlinkung

Wikipedia ist immer dann stark, wenn Artikel in ihren Fußnoten auf wertige und vertrauenswürdige Quellen verweisen. Auf diese Weise lässt sich einfach und verlässlich überprüfen, woher die Informationen stammen und ob diese korrekt aus Drittquellen übernommen wurden. Denkbar wäre beispielsweise eine Änderung der Wikipedia-Richtlinien dergestalt, dass immer dann, wenn für eine Aussage in einem Artikel ein Beleg im Internet existiert, dieser auch verlinkt werden muss. Die Übernahme von persönlichen Standpunkten und Hörensagen in Wikipedia-Artikeln würde eingedämmt, das empirische Moment gestärkt.

5. Registrierungsmöglichkeit für Nutzer

Für Nutzer besteht keine Registrierungspflicht bei Wikipedia. Unter dem Gesichtspunkt des Datenschutzes und der Anonymität ist dies grundsätzlich zu begrüßen. Hingegen fördert die Anonymität auch Manipulationen an Wikipedia-Artikeln. Es gibt Wikipedia-Benutzer, die mit der Offenlegung ihrer Identität kein Problem haben.  Unternehmen, die offen und ehrlich in Wikipedia agieren, könnten sich ebenfalls registrieren und mit offenem Visier dort auftreten.

6. Demokratische Elemente stärken

An Abstimmungen sollte jeder teilnehmen können, ohne dass eine vorherige Anmeldung und eine Mindestanzahl an Edits erforderlich ist, denn wer Nutzern Editierungen zumutet, muss ihnen auch zumuten, ihren demokratischen Willen zu artikulieren.

7. Interessenerklärung für die Wikipedia-Führung und Wikimedia-Präsidiumsmitglieder

Bislang müssen Funktionsträger von Wikipedia keinerlei Angaben zu ihren Interessen machen. So könnte der Qualitätsbeauftragte theoretisch auf der Payroll eines Unternehmens stehen, welches regelmäßig Manipulationen in Wikipedia vornimmt, während er eigentlich verpflichtet wäre, diesen Dingen nachzugehen – ein klarer Interessenkonflikt. Wären wichtige Funktionsträger von Wikipedia hingegen verpflichtet, ähnlich wie bei öffentlichen Ämtern Interessenerklärungen abzugeben, würden – vorausgesetzt natürlich, diese würden sowohl vollständig als auch der Wahrheit entsprechend abgegeben – etwaige Interessenkonflikte von vornherein transparent und für Außenstehende nachvollziehbar.

8. Sanktionen für Verstöße gegen Wikipedia-Regeln

Bislang waren Verstöße gegen Wikipedia-interne Regeln nur in den wenigsten Fällen mit verbindlichen Sanktionen verbunden. Der Anreiz, Regeln, deren Nichtbefolgung ohne Konsequenzen bleibt, zu befolgen, ist stets geringer als bei solchen, die mit Sanktionen verbunden sind. Eine mögliche Sanktion könnte darin bestehen, Nutzer bei schwerwiegenden Regelverstößen befristet oder unbefristet von der Mitarbeit auszuschließen. Auch könnten Regelverstöße auf einer neu
zu schaffenden Spezialseite veröffentlicht und dokumentiert werden.

9. Unabhängige Kontrollgremien

Um Regelverstöße festzustellen, zu ahnden und die Einhaltung der Wikipedia-internen Regeln effektiv zu kontrollieren, müssten unabhängige Kontrollgremien geschaffen werden. Diese müssten aus Personen bestehen, die über hinreichende Sachkenntnis sowohl in Bezug auf die Wiki-Software als auch hinsichtlich der Regeln und Abläufe in Wikipedia verfügen.

10. Ethik-Kodex

Wie in Abschnitt 3. beschrieben, gibt es in der deutschsprachigen Wikipedia eine Fülle von Richtlinien und Regeln. Was jedoch fehlt, sowohl auf der Ebene des Vereins Wikimedia Deutschland als auch innerhalb von Wikipedia selbst, ist ein Ethik-Kodex oder eine vergleichbare Leitlinie, wie sie viele Organisationen besitzen. In einem solchen Ethik-Kodex könnte beispielsweise der Umgang mit Interessenkonflikten geregelt werden. Der Ethik-Kodex sollte für alle Personen, die Wikipedia nutzen, verbindlich sein.

Das komplette Arbeitsheft von Marvin Oppong gibt es hier kostenlos zum Download.

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