Wochenrückblick | | von Irmela Schwab

Schirrmacher: Noch im Tod bestimmt er die Netz-Diskussion

Hinterher hat es sich als ein guter Schachzug erwiesen.Typisch Google. Bevor das Unternehmen seit April - in einem Softlaunch und immer noch im Betamodus - Google Glass auf den Markt zum freien Verkauf gebracht hat, blieb die smarte Brille VIPs zum Testen vorbehalten. Damit blieb genug Zeit, um Begehrlichkeiten zu wecken und um auf Kritik und Bedenken einzugehen. Außerdem konnten digitale Agenturen und Dienstleister Entwicklungsszenarien für das Nasenfahrrad vorbereiten, die nun schneller in den Alltag Einzug finden könnten.

Zum Beispiel Salesforce: Der Technologie-Anbieter hat diese Woche sein Wear Developer Pack für Brillen und andere Wearables vorgestellt. Damit lassen sich etwa CRM-Systeme und Kundenservices aufsetzen. Ein Handwerker beispielsweise könnte mit Hilfe der Technologie leichter Geräte im Haushalt reparieren.

Hilfe im Haushalt ist ein Thema, das derzeit einen Boom erfährt. Mit Homejoy ist in dieser Woche die vierte Online-Vermittlung auf den deutschen Markt gekommen, bei der Wohnungs- und Hausbesitzer nach Haushaltshelfern suchen können. Google hat in die Plattform übrigens 38 Millionen Dollar gesteckt. Auch der deutsche Staat will beim Putzen helfen: So soll demnächst ein Portal an den Start gehen, mit den Zielen die Schwarzarbeit einzudämmen und zugleich Familie und Beruf besser zu vereinbaren. Ein weiterer Schritt in der Evolution.

Daran arbeiten auch die Krautreporter. Die 27 Journalisten hatten sich zum Ziel gesetzt, bis Freitagabend 23.59 Uhr 15.000 Abonnenten beisammen zu haben - und sie haben es tatsächlich geschafft. Ähnlich wie bei Google Glass hat das Projekt schon im Vorfeld für viel Presserummel gesorgt - und dabei auch viele Kritiker auf den Plan gerufen: “Zu weiß, zu männlich” sei die Redaktion. Das Projekt, heißt es, sei von Anfang an nicht gut durchdacht. Typisch deutsch. Dabei zeigt es den innovationsmüden Verlagen zumindest eines: Wie man von Anfang an für eine solide Finanzierung sorgen kann.

Alles andere als innovationsmüde ist man bei Facebook. Typisch Startup. So sollen Anzeigen in Facebook künftig genauer die jeweiligen Zielgruppen erreichen, teilt das Unternehmen in einem Blogpost mit. Damit soll die Werbung interessanter und für den Kunden relevanter werden. Wer in Facebook Interesse an bestimmten Inhalte durch Likes, Kommentare oder Klicks auf Links bekundet, sieht dann darauf bezogene Anzeigen in seiner Timeline. Auch die Nutzerinformationen bestimmter Websites und Apps sollen dafür ausgewertet werden.

Die große Bühne gehört seit Donnerstag König Fußball. Im Social Web ziehen die Top 20 Videos schon jetzt ein Drittel mehr Shares auf sich als die Spots des diesjährigen Superbowls, so eine Untersuchung der Plattform Unruly.

Getrübt wird der Wochenrückblick durch die Nachricht, die am Donnerstag nicht zuletzt die Netzgemeinde bewegt hat: Frank Schirrmacher starb im Alter von 54 Jahren an einem Herzinfarkt. Sein Werk prägte die Diskusssion um (Netz-)Öffentlichkeit entscheidend mit. Bei Twitter stieg sein Name zum Trending Topic auf.  Nachrufe kommen nicht nur von Print-Kollegen, sondern auch von Digital-Experten. Die Initiative D64 schreibt etwa:"Schirrmacher hat als einer der wenigen Intellektuellen dieses Landes verstanden, dass die Entwicklung der digitalen Gesellschaft nicht passiv hingenommen werden darf, sondern ein Einmischen erforderlich ist." Sehr berührende und durchaus ambilvalente Worte findet auch Christoph Kappes in seinem Blog-Post: "So verneige ich mich posthum vor seiner Person mit seinem Scharfsinn, seinem Gespür für Themen und seinem Charme, den er haben konnte." Weitere Reaktionen im W&V-Storify-Stream.

Schirrmacher: Noch im Tod bestimmt er die Netz-Diskussion

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