"Werbe-Opi" André Gebel mit den beiden Protagonistinnen der Tempo-WG.
"Werbe-Opi" André Gebel mit den beiden Protagonistinnen der Tempo-WG. © Foto:Coma

André Gebel | | von André Gebel

Premiere für die Marke Tempo: So entstand die Snapchat-Soap

"Jetzt haben sie mich schon in der S-Bahn erkannt," schnaubt mir eine aufgebrachte Jenny entgegen, als sie die Agentur betritt und ihre Handtasche arglos in die Ecke pfeffert. Was war passiert? "Naja, so ne Mutter mit ihrer Tochter. Fragte, ob ich die Jenny aus der Tempo-WG bin." Innerliches Aufatmen bei mir. Alles richtig gemacht, die Jungdarstellerin wird sich schon wieder einkriegen und ihren kleinen Starruhm verarbeiten.

Die Tempo-WG ist der erste Vorstoß des Marken-Dinosauriers in die junge, bunte Snapchat-Welt. Nach Facebook, Youtube und Instagram ist Snapchat mittlerweile der vierte Social-Media-Kanal, der insbesondere junge Zielgruppen an Produkt und Marke binden soll. Doch natürlich funktioniert auf dieser Kurz-Video-Plattform alles gänzlich anders als bei den etablierten Social-Media-Giganten.

Auch auf mich machte Snapchat am Anfang einen total chaotischen und durchgeknallten Eindruck. Was mich aber direkt fasziniert hat, war die gänzlich neue Form des Storytelling, angereichert durch Emoticons und verrückte Filter. Es geht um kurzweilige Unterhaltung und jede Menge Blödsinn. Zudem sind die Inhalte nur einen Tag verfügbar, wirken frisch und wenig inszeniert. Also nix für alte Werbe-Haudegen, sondern eher was für die Fraktion Nachwuchs.

Nachdem die Kundin an Bord war, lautete das Briefing ans medium-affine Mädels-Team: "Denkt euch aus, was ihr wollt, aber langweilt mich nicht und bringt die Marke subtil ins Spiel." Die Lösung klang zunächst verrückt, hatte aber ihren Reiz: Wir etablieren eine WG aus zwei Freundinnen, die sich zufällig in denselben Typen verlieben. Jenny kann sich dabei als stets gestylter Partyvamp in Szene setzen, während Vicky als graue Maus mit Brille und Schlabberpulli positioniert wird. Und natürlich wird jede Menge geschnieft, geheult und auch geschminkt. Wir wollen unser Hauptprodukt ja nicht vergessen.

Da die Agentur im Wohnzimmerstyle gestaltet ist, brauchten wir nicht lange nach einer geeigneten Location zu suchen. Der Essraum wird zum Restaurant, der Konfi schnell zum Wohnzimmer und mein Büro mittlerweile von Jonas, dem  Objekt der weiblichen Begierde bewohnt. Jener Jonas, der mir noch vor einer Stunde als Art Director im Meeting gegenüber saß.

Das komplette Drehbuch besteht aus einem Zettel, der die geplanten 20 Szenen lediglich grob definiert. Genaues Wording Fehlanzeige. "Das machen wir spontan. Ist doch Snapchat", wird der Werbe-Opi von seinen Hauptdarstellerinnen belehrt. Tja, das muss ein Kunde erstmal mitmachen. Und dann wird erstaunlich flüssig gedreht und auch erstaunlich wenig gealbert. Das Interessante: Es gibt keine Nachbearbeitung wie beim Film, sondern die Takes werden sofort live gestellt, damit die App Platz für Nachschub schaffen kann. In gut zwei Stunden ist der eigentliche Dreh gegessen und der Rest der Agenturmitarbeiter sichtlich genervt. Inklusive der Komparsen.

Wir sind live, also sind wir. Möchte man meinen. Doch bei Snapchat geht halt erstmal nix von selbst. Und so hilft uns der üppige Facebook-Account, Awareness auf die neue Soap zu leiten. Die ersten 100 Abonnenten und Views sind schnell gefunden, was uns in Anbetracht der Zielgruppe positiv überrascht.

Das interne Echo in der Agentur? Zweigeteilt. Von verständnislosem Kopfschütteln (Webentwicklung), hin zu Begeisterung (Kreativ-Team) und Respekt (Vorstand) ist alles dabei. Denn trotz RTL-Niveau muss ich zugeben, dass es mich zumindest nicht gelangweilt hat. Der Kunde? Total begeistert, selbst als Szene-Blogger Schlecky Silberstein Folge 3 als "Content Marketing aus der Hölle" bezeichnet und entsprechende Kommentare den Untergang deutscher Medienkultur zelebrieren. Doch aus seinen Worten klingt auch ein Hauch von Respekt und der Buzz um die Tempo-WG wird zusätzlich erhöht.

Grund für uns, die hochformatigen Filmchen auf die Branding-Plattform Tempo World zu hieven. Und siehe da, Folge 1 kratzt mittlerweile an der 30.000er View-Marke, obwohl es gar nicht für Youtube optimiert wurde. Inzwischen ist die fünfte und vorerst letzte Folge online gegangen. Das Schöne ist, dass die Tempo-WG ähnlich polarisiert wie eine RTL-Soap. "There will be Haters", aber die schauen trotzdem und "There will be Lovers" und die schreien auf der Tempo-Facebook-Seite schon nach der nächsten Folge. Wenn dann blöderweise die Hauptdarstellerin krank zu Hause liegt, hat man womöglich ein Problem. Eigentlich. Denn Jenny hat sich natürlich nicht lumpen lassen und selbst vom Krankenbett ihre Botschaft an die Fans gerichtet. Respekt Mädels, so geht Snapchat.

Folge 1:

André Gebel, Geschäftsführer der Münchner Digitalagentur Coma, ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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Premiere für die Marke Tempo: So entstand die Snapchat-Soap

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