Interview | | von Annette Mattgey

PR bei Wikipedia: Was in Deutschland möglich ist

Freundlich im Umgangston, wahrhaftig bei den Inhalten und mit einem verifizierten Konto - so haben PR-Agenturen und Unternehmen eine Chance bei Wikipedia. Während in der englischsprachigen Wikipedia-Version gerade die Sperrung von Autoren-Konten für Aufmerksamkeit sorgte, sieht man die Sache in Deutschland gelassener. Was den Regeln entspricht, wird akzeptiert. LEAD digital sprach mit Markus Franz, Geschäftsführer der auf Wikipedia spezialisierten Agentur Sucomo OHG, über die wichtigsten Regeln für Autoren.  

Was bedeutet die Entscheidung der englischsprachigen Kollegen für die deutsche Wikipedia?

Auf den ersten Blick: Nicht viel. Natürlich schärft jeder Skandal dieser Art die Aufmerksamkeit der Community für kommerzielle Einflussnahme – und gerade Autoren, welche die Beteiligung von Unternehmen generell kritisieren, nehmen die Steilvorlage natürlich dankbar auf.

Allerdings war Wiki-PR, soweit bekannt, nicht in der deutschen Wikipedia aktiv. Somit betrifft speziell dieser Fall auch die hiesige Community überhaupt nicht. Zumal jede Sprachversion von Wikipedia unterschiedliche Richtlinien hat. Was in der englischsprachigen Variante als nicht akzeptables Verhalten angesehen wird, kann in der deutschen Version durchaus Zustimmung finden.

Wie läuft die Auseinandersetzung mit PR-Inhalten hierzulande?

Hier wird genauso intensiv debattiert wie in der englischen Wikipedia – speziell seit diesem Jahr. Die Community hat Anfang 2013 ein Projekt ins Leben gerufen, das sich dem Umgang mit bezahltem Schreiben generell widmet. Daraus ist ein Meinungsbild entstanden, das erst vor wenigen Tagen beendet wurde.

Das Ergebnis war eindeutig: Eine überwältigende Mehrheit war gegen eine Verschärfung der Regeln im Umgang mit PR-Leuten oder bezahlten Autoren allgemein. Der deutschen Community ist es egal, woher Inhalte der Enzyklopädie kommen: Solange sie den Regeln entsprechen, geht das in Ordnung.

Wenn PR-Leute Inhalte in einem Artikel ändern, die neutral geschrieben und ausreichend belegt sind, kümmert das die meisten Autoren eher wenig. Schließlich hätten Freiwillige den angeblichen PR-Inhalt vielleicht auch nicht anders geschrieben.

Was sind absolute No-Go‘s?

Zunächst einmal haben PR-Leute im deutschen Raum die gleichen Rechte wie alle anderen ehrenamtlichen Autoren auch – schließlich darf jeder in Wikipedia mitmachen, das ist ein Grundsatz des Projekts. Ein absolutes No-Go ist aber Werbung: Wer versucht, ein eindeutig irrelevantes Unternehmen in Wikipedia einzutragen – wie es Wiki-PR offensichtlich getan hat – wird damit auf die Nase fallen.

Außerdem versteht es sich von selbst, dass besonders PR-Leute immer freundlich bleiben sollten und andere Autoren niemals angreifen dürfen. Schließlich opfern diese ihre Freizeit – und haben vielleicht einfach keine Lust, sich um ein bestimmtes Problem zu kümmern, ohne dass böser Wille dahintersteckt.

Worauf müssen Agenturen und Marketer achten, wenn sie als Autoren auftreten?

Wo immer möglich, sollten PR-Leute ein verifiziertes Konto verwenden. Dabei handelt es sich um ein gewöhnliches Profil, das den Namen des Unternehmens oder Kunden trägt. Der Inhaber muss sich gegenüber dem Support-Team ausweisen. Wer in Wikipedia mit einem solchen Konto arbeitet, hat schon viel gewonnen: Jeder andere Autor kann dann nämlich sehen, woher seine Änderungen kommen und welchen Geistes Kind sie sind.

Zuverlässige Quellen sind ebenfalls absolut unerlässlich. Zu oft wird versucht, einfach etwas in Wikipedia zu schreiben, das sich so nicht belegen lässt. Und natürlich taugen die offizielle Website des Unternehmens und sein Blog nicht als neutrale Quelle, sondern schon eher die klassischen Medien.

Obendrein ist es wichtig, die Relevanzkriterien zu kennen. Darin steht eindeutig, ab wann ein Unternehmen und andere Dinge in Wikipedia in Form eines eigenen Artikels erwähnt werden dürfen. Ein Blick darauf vermeidet unnötigen Frust und Ärger auf beiden Seiten.

Wie kann man sich als Unternehmen gegen diffamierende Beiträge wehren?

Es gilt der die Regel: Wenn PR-Leuten etwas nicht passt, was in Wikipedia steht, sollten sie bessere PR machen! Das heißt, ein Problem zunächst auf der Diskussionsseite des Artikels anzusprechen. Erhält man dort keine Hilfe, kann man sich beispielsweise auch an das Support-Team wenden. Das ist per E-Mail erreichbar – was den Vorteil hat, dass Anfragen nicht öffentlich sind. Besonders bei heiklen Problemen eignet sich das.

Markus Franz ist geschäftsführender Gesellschafter der Sucomo OHG. Die Jenaer Kommunikationsagentur hat sich auf freies Wissen und speziell die deutsche Wikipedia spezialisiert. Er vertritt sowohl Unternehmen, die ein berechtigtes Interesse an inhaltlich korrekten und aktuellen Artikeln haben – als auch die Community, die mit Werbung zu Recht nichts anfangen kann. Markus Franz twittert unter dem Kürzel @einfranz.

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Die Goldenen PR-Regeln für Wikipedia

von Annette Mattgey

Kurzen Prozess macht die englischsprachige Wikipedia-Gemeinde, wenn sie einen Hauch von PR wittert. Die deutsche Wikipedia ist da lässiger. "Wenn PR-Leute Inhalte in einem Artikel ändern, die neutral geschrieben und ausreichend belegt sind, kümmert das die meisten Autoren eher wenig", erklärt Markus Franz im LEAD digital-Interview. Unternehmen und bezahlte Schreiber sind in der Online-Enzyklopädie nach gewissen Regeln willkommen. Darüber hat die deutsche Wikipedia Ende Oktober abgestimmt. Franz, der sich mit seiner PR-Agentur Sucomo auf Wikipedia spezialisiert hat, hat zusammen mit Anja Floetenmeyer (Bild), Aufgesang Public Relations, einen aktuellen Leitfaden mit den wichtigsten Regeln rund um Wikipedia verfasst.

„Wer sich engagieren möchte, will nicht über Fallstricke stolpern – versteht aber schon das Wikipedia-interne Vokabular nur selten“, so Floetenmeyer, Mitautorin des 22-seitigen Guides, der in einem Glossar das Wikipedia-Sprech auch für Laien verständlich übersetzt. Wem die Relevanz von Wikipedia bisher noch nicht klar war, dem geben Franz und Floetenmeyer Nachhilfe: Wikipedia ist eine der meistgenutzten Websites. Wer hier präsent ist, erreicht alle seine Stakeholder gleichermaßen. Außerdem misst Google Wikipedia einen hohen Wert bei, so dass Wikipedia-Artikel regelmäßig unter den vorderen Treffern zu finden sind.

Zum Einstieg machen die Autoren die Leser mit den Goldenen Regeln von Wikipedia vertraut:

# Transparenz: Wikipedia garantiert jedem Autor uneingeschränkte Anonymität und befürwortet gleichzeitig Transparenz. Ein verifiziertes Konto ist daher am besten geeignet, um die Herkunft eines Autors auszuweisen und mit kommerziellem Hintergrund Artikel zu ändern.

# Quellenarbeit: Wikipedia ist eine Enzyklopädie – und nicht der verlängerte Arm der Website des Unternehmens. Der Leser soll in der Lage sein, sämtliche Angaben durch reputable Quellen zu überprüfen. In den meisten Fällen sind PR-Informationen, die Website des Unternehmens sowie Blogs nicht als Quelle geeignet.

# Lernfähigkeit: Wikipedia verlangt nicht, dass ein neuer Autor sämtliche Regeln und Richtlinien auswendig kennen muss. In der Regel belohnt die Community mutige Autoren und verzeiht gravierende Fehler – sofern sie nicht absichtlich geschehen.

In den folgenden Kapiteln geht es etwa um die Relevanzkriterien bei Wikipedia. In der Regel fallen darunter etwa Unternehmen, wenn sie mehr als 100
Millionen Euro Umsatz oder 1.000 Mitarbeiter aufweisen. Aktiengesellschaften werden ebenfalls als relevant eingestuft. Ausnahmen gibt es für Branchen, in denen üblicherweise eher kleinere Akteure agieren.

Warum ein verifiziertes Benutzerkonto sinnvoll ist, wann man bei Einträgen nachbessern muss und wie man mit Bildern und Lizenzen umgeht, sind weitere Themen. Der Leitfaden beschreibt zudem praxisnah, was das Support- und das Mentorenteam leisten können und sollen, welche Hilfe man auf Diskussionsseiten erhält und wie sich knifflige Situationen von vornherein vermeiden lassen.

Gegen Tweet oder Facebook-Share steht der 22 Seiten umfassende Guide „Public Relations in Wikipedia: Leitfaden für erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit“ kostenlos hier zum Download zur Verfügung.

von Annette Mattgey - Kommentare Kommentar schreiben

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