Wochenrückblick | | von Tobias Weidemann

Krautreporter, die Junge Union und das Zwei-Klassen-Internet

Jetzt also doch: Nachdem die Pläne vor einigen Wochen schon gerüchteweise durchgesickert waren, hat die amerikanische Regulierungsbehörde FCC nun beschlossen, dass die Internetprovider ein Zwei-Klassen-Internet einrichten dürfen. Unternehmen, die für ihre Dienste mehr bezahlen (und folglich auch von den Kunden einnehmen müssen), können somit auf die Überholspur und profitieren von schnellerem Datenverkehr. Ob das aus netzdemokratischer Sicht in Ordnung ist, ist eine Frage, ob es die Kosten korrekt verteilt, steht auf einem anderen Blatt. Denn bislang sind es tatsächlich die Provider, die hierzulande die Telekommunikationsinfrastruktur zahlen, von der andere Dienste profitieren (die aber umgekehrt mit ihren Inhalten erst das Netz attraktiv machen)… So oder so – es besteht Gesprächsbedarf auch hierzulande. Immerhin sind die Pläne vom Tisch, dass nicht zahlende Dienste explizit ausgebremst werden dürfen.

Und dann hat da noch der Europäische Gerichtshof beschlossen, dass es ein „Recht auf Vergessen“ gibt. Das betrifft vor allem Google, denn Bürger können in Zukunft verlangen, dass bestimmte Links aus den Suchergebnislisten getilgt werden, die auf unangenehme Dinge in ihrer Vergangenheit hinweisen. Ob das ein kluger Schachzug ist, bleibt dahingestellt – denn die Informationen sind ja weiterhin im Netz auffindbar und es wird sicherlich Seiten geben, die genau auf solche „Geheimnisse“ verlinken werden (Stichwort Streisand-Effekt ). Geklagt hatte ein Spanier, weil sich bei der Eingabe seines Namens auch heute noch ein Artikel über die Zwangsversteigerung seines Hauses vor 15 Jahren finden lässt. Google selbst muss das Urteil jetzt umsetzen – und ist darüber natürlich wenig erbaut. Man werde in einigen Wochen eine passende Lösung vorstellen heißt es offiziell in Deutschland, man fände das Urteil zu hart, war dagegen von Eric Schmidt auf der Hauptversammlung zu hören. Google-Justiziar David Drummond mahnte gar an, die freie Rede werde dadurch eingeschränkt.

Außerdem startet mit Krautreporter diese Woche der Versuch, mit qualitativ hochwertigem Online-Journlismus auch in Deutschland werbefrei und ausschließlich über Abonnentenbeiträge Geld zu verdienen. Nach dem niederländischen Vorbild De Correspondent sollen Abonnenten jährlich 60 Euro zahlen, um ein tagesaktuelles Online-Magazin mit den Nachrichten hinter den Nachrichten zu erhalten. Hinter dem Projekt stehen gut zwei Dutzend mehr oder minder bekannte Medienmenschen, darunter Ex-Wired-Chefredakteur Alex von Streit, Bild- und Medienblogger Stefan Niggemeier, Autorin Theresa Bäuerlein und Blogger Richard Gutjahr, um nur einige zu nennen. 15.000 Unterstützer will man gewinnen – dann geht’s los. In der ersten Woche (Stand Freitag Mittag) sind immerhin 3350 Mitstreiter gefunden. Ob sie das ehrgeizige Ziel „900.000 Euro“ schaffen, bleibt abzuwarten, bemerkenswert ist das Projekt aber allemal – auch weil es eine wichtige Nagelprobe für durch Leser honorierten Onlinejournalismus in Deutschland ist.

Das Recht auf Vergessen würde zurzeit sicherlich auch die Junge Union Darmstadt gerne für sich in Anspruch nehmen. Die wollte nämlich auch mal „Supergeil“ sein und hat sich an dem Edeka-Werbespot mit Friedrich Liechtenstein (Projekt Der Tourist) vergriffen, um daraus einen hippen Wahlwerbespot für die anstehende Europawahl zu basteln. Die fanden das wiederum gar nicht komisch und polterten bei Facebook gegen das Machwerk. Die JU nahm’s vom Netz und ist dennoch blamiert. Beschließen wir die Woche mit dem Facebook-Post  von „Der Tourist“: „Wir haben bisher wirklich JEDEM erlaubt, unseren Song zu covern, und da waren nicht nur Glanzstücke dabei. Aber Euch haben wir das nicht erlaubt. Warum? Weil ihr nicht gefragt habt. Und wir hätten das auch nie erlaubt. Warum? Weil ihr die Junge Union seid. Das reicht als Begründung vollkommen aus.“

Tobias Weidemann auf Twitter:

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