Kinopremiere | | von Eric Kubitz

"Inside Wikileaks": Daten sind nun mal nicht sexy

Wann hat man schon einmal ein Kinosaal für sich alleine? Gestern Abend bei „Inside Wikileaks - Die fünfte Gewalt“ teilte ich mir eine Cineplex-Kinoschachtel mit einem älteren Ehepaar. Wir waren offenbar die einzigen, die sich hier auf dem bayerischen Land für die Story hinter der Whistleblower-Plattform interessierte. Interessant! Ob die Kinos in der Großstadt voller waren? Vermutlich nicht, denn der Film legte selbst in den USA einen miesen Start hin. Woran liegt’s? Schlechter Film? Langweiliges Thema? Grottige Geschichte? Miese Darsteller?

Ich denke, die Darsteller können nichts dafür, die haben tapfer geschauspielert. Benedict „Sherlock“ Cumberbatch hat sogar alles gegeben, vielleicht sogar etwas zuviel. Doch Julian Assange dürfte wohl auch die aktuell schwierigste Rolle sein, an der sich ein Schauspieler versucht.  
Aber das ist alles nicht das Problem. Ich will auch keine Filmbesprechung hier machen, das können SZ, Spiegel, Zeit & Co viel besser. Ich saß im Kino und musste fest stellen, dass ich tatsächlich Zuschauer eines digitalen Umbruchs bin. Aber bei diesem geht es nicht um das Leaken von Geheimnissen sondern von der Verunmöglichung, spannende Filme darüber zu machen. Denn der Film wirkte auf mich vor allem - verzweifelt.

Die Filme-Macher, allen voran Bill Condon, der Regisseur (unter anderem auch von „Twilight 4“), haben wirklich alles versucht: Eine spannende Besetzung selbst der Nebenrollen, schnelle Schnitte in alle Kontinente, ordentliche Musik, coole Komparsen, viele unterstützende Stories für die Action und stilistisch schicke Einblendungen zur Visualisierung des nicht Sichtbaren, der Datenwelt. Und trotzdem hat man das Gefühl, der Film simuliert eine Wirklichkeit, die er eh nicht wiedergeben kann. Leute, die Whistleblower-Plattformen bauen sind nun mal keine Helden im klassischen Sinne. Es sind - bitte verzeiht mir das - vor allem Nerds. Und wer möchte einen Nerd dabei beobachten, wie er mit einer Club Mate feiert? Eben.

Und ja: Wie soll man filmisch einen angreifbaren Server darstellen, die größte Gefahr, die Wikileaks bedroht? Oder wie soll man die Lüge von Julian Assange kinogerecht enthüllen, dass er hunderte von Unterstützern habe - aber Daniel Domscheit-Berg irgendwann doch sagen muss „Wir sind nur zwei Typen mit einem Server“?

Im Kino wollen wir spannende, tragische oder romantische Filme sehen. Daten aber sind weder sexy noch lassen sie sich schick in Szene setzen. Da hilft es auch nicht, wenn man die Protagonisten in schwarze Klamotten steckt und sie lässig durch die Berliner Kultruine Tacheles tänzeln lässt. Männer, die wütend ihre Laptops öffnen, sind lächerlich, wenn im Kinosaal nebenan Thor seinen Hammer auf den Boden knallt. Da hilft auch kein Julian Assange, der Afrikanern in einem Flüchtlingscamp gönnerhaft auf die Schultern klopft, als wäre er der Buschdoktor persönlich. Rasante Szenenwechsel über die ganze Welt wie in Agentenfilmen sind sinnlos, wenn man ihren Grund nicht kennt.

Ganz besonders bemüht war kurz vor dem Ende eine kleine Episode, bei der der beinahe aufgedeckte Spion Tarek mit seiner Familie aus seinem arabischen Unrechtsstaat flieht und sinnloserweise diese Szene am Grenzübergang per Smartphone in ein schickes US-Büro überträgt. Ich hätte am liebsten Popcorn gegen die Leinwand geschleudert.  

Kurz gesagt: „Inside Wikileaks - Die fünfte Gewalt“ verliert sich im Detail, aber bleibt im Kern völlig unklar. Die zerbrochene Freundschaft zwischen dem etwas irren Julian Assange und einem knuddeligen Daniel Domscheit-Berg trägt den Film nicht über die Zeit von zwei Stunden, und die eigentliche Dramatik - nämlich das, was Wikileaks auf dieser Welt möglicherweise bewegt hat - wird vom Aktivismus der Regie verschüttet.

Und dann die Sache mit der fünften Gewalt. Es mag sich im Hirn des charismatischen Nerds Assange so anfühlen, aber eine Whistleblower-Plattform steht nun mal nicht in der Tradition des Buchdrucks und dem Aufkeimen des Journalismus. Ohne den Guardian, die New York Times und den Spiegel hätten die zwei Typen und ihr Server ihre größten Scoops niemals so stark gelandet. Warum wohl hat Edward Snowden seine Dokumente per Guardian verbreitet und wurde erst danach von Wikileaks-Leuten umschwärmt wie eine Lampe von Fliegen? Was ist aus den vielen Me-To-Plattformen geworden? Was mit Domscheit-Bergs OpenLeaks, das seit einem Jahr offline ist? Whistleblower und Wikileaks sind eine gesellschaftlich wichtige Quelle geworden und helfen bei der Kontrolle der Mächtigen. Doch: Revolution sieht anders aus.

Es gibt spannende Daten-Thriller, aber es wird immer schwieriger, der komplexen digitalen Welt im Kino gerecht zu werden. Zumal sich die digitale Welt schneller dreht, als es die amerikanischen Produktionsstudios zulassen. Wohl deshalb mussten die menschlich wirklich wichtigen Geschichten außen vor bleiben, wie das Schicksal von Whistleblower Bradley/Chelsea Manning und die Vergewaltigungs-Anklage gegen den jetzt in der equadorianischen Botschaft in London einsitzenden Julian Assange. Fest steht: Ein Regisseur von Twilight gehört offenbar nicht zu den Helden, die einen solchen Stoff bewältigen können.

Immerhin, der Film war früh genug zuende, dass ich die letzten zwei Folgen der ersten Staffel von „Borgen“ auf Arte anschauen konnte. Vielleicht kommt ja die filmische Zukunft in einstündigen Serien-Häppchen aus Dänemark.

Eric Kubitz ist einer der "Digital Leader", einer festen Gruppe von Bloggern, die ab sofort ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreiten. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

"Inside Wikileaks": Daten sind nun mal nicht sexy

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