Social Media als Event-Format | | von Anika Kehrer

IEB: "So interaktiv nicht im Traum vorgestellt"

Die Jahreskonferenz des an die Universität der Künste in Berlin angekoppelten Institute of Electronic Business (IEB) am 18. April sah etwas anders aus, als man das gewohnt ist: Anstatt auf der Bühne vor Publikum die üblichen Vorträge und Workshops zu halten, standen ein Dutzend Fachleute auf rund 20 Quadratmeter verteilt an Stehtischen mit Mikrofon. Das Publikum schlendert zwischen den Tischen umher und verwickelt den Experten seiner Wahl in ein Gespräch. Das geschieht an allen Tischen gleichzeitig, dennoch kann jeder ein bestimmtes Gespräch verfolgen. Denn die Tischmikrofone übertragen den Ton nicht an einen großen Lautsprecher, sondern an viele kleine, die auf den Ohren der Teilnehmer sitzen.

Das Ergebnis ist ein anregendes, illustres Gewusel und Gesumm, das bedächtige Inseln konzentrierter Einzelgänger mit Kopfhörern umspült. Das Erlebnis ist beeindruckend. Dabei dauerte es als Programmteil nur eine Stunde - und drängt den Rest des Geschehens in der Erinnerung fast in den Hintergrund.

 

Langweilig? Weiterzappen. Spannend? Hingehen.

Das Geheimnis: Wer nicht aktiv an einem der Tische diskutieren will, steht in der Menge herum oder zieht sich an den Rand zurück. Er verfolgte die Tischdiskussion seiner Wahl anhand von Kopfhörern, die zuvor mitsamt Empfangsgerät an jeden Besucher ausgeteilt wurden. Das Empfangsgerät überträgt jede Diskussion an den 13 Tischen auf 13 Kanäle. So zappt man durch die Tischgespräche, während man das Geschehen von fern - oder auch von nah - beobachtet.

"Man spürt, dass sie für das Thema brennen", sagt etwa eine Frauenstimme auf Kanal zwölf. Am Tisch Nummer zwölf steht Anna Riedel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am IEB und Doktorandin, die sich die vergangenen drei Jahre mit der deutschen politischen Blogosphäre befasst hat. Die von ihr ausgewerteten Blogs sollten explizit nicht professionell sein, daher begenet man schonmal gehäuften Ausrufezeichen, erklärt sie ihrem Gesprächspartner. Zusammen schweifen sie zu der Frage, inwiefern Journalisten aber doch andere Quellen zur Verfügung stünden, zum Beispiel in der Auslandsberichterstattung.

 

Schnitt: Umschalten zu Kanal und Tisch zwei, an dem Wikimedia-Geschäftsführer Pavel Richter seinen Tischbesuchern erzählt: "Die meisten Wikipedianer arbeiten nicht in ihrem beruflichen Fachbereich." Anfangs hätte Wikimedia versucht, Fachautoren dort zu erreichen, wo sie beruflich zu Hause sind - mit wenig Erfolg. Die engagiertesten Wikipedianer leben sich gerade in dem Thema aus, in dem sie nicht bereits beruflich unterwegs sind, erklärt er die Community.

Die anderen Tische sind zum Beispiel mit René Arnold besetzt, der als verantwortlicher Referent für Gutachten und Analyse gerade am Institut der deutschen Wirtschaft die Generation-Google-Studie veröffentlicht hat. Weiter stehen etwa Raul Krauthausen Rede und Antwort, Gründer der Engagement-Plattform Sozialhelden.de, oder Eva Missling, Gründerin und Geschäftsführerin der Crowd-Business-Plattform 12designer.

Schaltet man in Ruhe durch die Kanäle, lässt sich das gut mit der Situation vergleichen, stiller Mitleser in Blogs oder Foren zu sein. Mit dem Unterschied, dass sich hier die Sprecher im selben Raum aufhalten - und man sie auf Wunsch direkt ansprechen kann, wenn man sich doch einmischen möchte.

 

Idee: Social Media als Event-Format

Diese Methode der Konferenzgestaltung war ein Experiment, das das IEB erstmalig durchführte. "Das war viel interaktiver, als ich es mit hätte träumen lassen", zeigt sich der Moderator und IEB-Forschungsleiter Hendrik Send überwältigt, als die Zeit der parallelen Dialoge um ist und er das Publikum per Saalmikrofon zum nächsten Programmpunkt lotst.

Weder die Speaker noch die Veranstalter konnten sich vorher so genau vorstellen, wie es eigentlich laufen wird, sagt Wolfgang Hünnekens - IEB-Gründungsvater und Professor für digitale Kommunikation an der Universität der Künste in Berlin - nach dem Event im Gespräch mit LEAD digital. Das kann die Verfasserin bestätigen: Während der Informationsgespräche im Vorfeld der Veranstaltung ging man noch davon aus, dass sich jeder Teilnehmer nacheinander zu den Expertengesprächen begeben und jeder brav auf seiner Seite des Tisches stehen würde. Das unübersichtliche und gemütliche Durcheinanderlaufen war ganz sicher nicht geplant: Wurde doch vorher noch die Warnung ausgesprochen, man solle nicht zwischen den Tischen laufen, weil das die Tonübertragung stören werde (was sich nicht bewahrheitet hat).

Für die Referenten sei es irritierend gewesen, dass Leute mit Kopfhörern an ihren Tischen vorbeigehen, ihnen aber gar nicht zuhören (weil sie gerade einem anderen Kanal lauschen), berichtet Hünnekens vom Feedback. Es sei aber eine positive, auflockernde Irritation gewesen: Unmittelbar nach der Veranstaltung waren sowohl die Referenten und Teilnehmer als auch die Veranstalter überaus positiv überrascht. Natürlich überlege man, das Format zu wiederholen, sagt Hünnekens, der es sich nach eigenen Angaben gemeinsam mit zwei Mitstreitern im IEB ausgedacht hat.

 

Ziel war, das konventionelle Konferenzformat durch eines zu ersetzen, das Anleihen bei Social Media macht. Dazu gehört die Parallelität der Gespräche. Dadurch, dass man bei Bedarf an den Tisch des Geschehens gehen und mitmischen konnte, war sogar eine gewisse Kommentarfunktion implementiert. Es lässt sich höchstens einwenden, dass es keine klassischen Transfer-Tools wie eine Twitterwall gab, die den Real-Life-Input von außen ermöglicht hätten. Doch gemessen an der Intensität war dieses Format so beeindruckend, dass es die weiteren, konventionelleren Angebote des Netzwerktreffens glatt in den Hintergrund drängte.

So stellten sich auch auf der IEB-Jahreskonferenz einzelne Projekte an kleinen Ständen vor. Erwähnenswert ist zum Beispiel das Projekt Luudoo, das Spielsteine für Gesellschaftspiele mit dem eigenen Antlitz aus Fotovorlagen erstellt. Es hat laut Facebook-Pinnwand erst vor wenigen Monaten ein Crowdfunding gestartet und sitzt noch so wenig im Sattel, dass es darüber hinaus noch genau gar keine Informationen darüber im Web gibt. In einem Nebenraum hat Anselm Nehls ein Sound-Projekt Tweetscapes aufgebaut, das Teil seiner Master-Arbeit im Masterstudiengang Sound Studies an der Hochschule der Künste ist: Eine Projektion visualisiert Twitterer anhand der Menge ihrer Follower, und ein Surroundsystem wandelt bestimmte Twittertags in akustische Signale um. Und das Unternehmen Farfromhomepage bietet eine Art webbasierte Video-Software an, mit der sich Filme aus dem Content und aus Ausschnitten verschiedener Webseiten erstellen lassen.

Hört sich kompliziert an? Stimmt. Streiflicht einer dichten Veranstaltung, die sich mit Recht innovativ nennen darf.

 

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