Carsten Sander (li.) mit André Gebel.
Carsten Sander (li.) mit André Gebel. © Foto:André Gebel

André Gebel | | von André Gebel

Fotograf Carsten Sander: "Ich poste lieber die Geschichte hinter dem Motiv"

Heimat ist für mich heute ein entweihter Ort. Das St.-Kamillus-Kolumbarium in Mönchengladbach ist eine Grabeskirche, in der keine Messen mehr stattfinden, keine Predigt mehr verlesen und keine Beichte mehr abgenommen wird. Vielmehr ist man umgeben von Verstorbenen, die in elegant beleuchteten Schubladen zu Sternenstaub zerfallen. Das klingt düster, doch die Anmutung ist sehr modern, hell und positiv und vielleicht deshalb genau der richtige Ort für die neue Ausstellung von Star-Fotograf Carsten Sander. Der gebürtige Neusser und wohnhaft in Berlin ist wie ich in die Heimat zurückgekehrt, um seine Portraitreihe: "Heimat. Deutschland - Deine Gesichter" vorzustellen.

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Doch heute bleibt die Presse draußen und auch das Publikum. Ich treffe meinen Freund Carsten ganz allein auf einer ehemaligen Kirchenbank, umgeben von den Toten und den 1.000 Portraits der Lebenden, die verteilt auf 100 Quadratmetern übereinander geschachtelt an der Wand hängen. Und wie nahtlos der Übergang zwischen Leben und Tod ist, zeigt mir allein das Portrait von Hans-Dietrich Genscher.

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Ich kenne Carsten seit über sieben Jahren und bewundere sein Talent und seine Leidenschaft, für die "Sache" zu kämpfen. Projekte entstehen bei ihm im Kopf, ohne Budget, ohne KPI's, ohne den Anspruch auf Performance und Gewinn. Eigenschaften, die der Werbung ein wenig abhanden gekommen sind. Doch wie viel sind die Leidenschaft und das Können eines Top-Fotografen heute noch wert, wenn doch jeder mit iPhone, Snapseed und Instagram aufregende Fotos und Videos einfangen kann. Und das "Live" und nicht von Gestern.

Eine Spurensuche.

Eine Fotoausstellung mit 1.000 Fotos von zahllosen Promis in einer entweihten Kirche? Braucht es heute schon Spektakuläres, um im Foto- und Video-Overkill der sozialen Netzwerke wahrgenommen zu werden?

Carsten Sander: Natürlich geht es auch leiser. Bei "Heimat" hing es tatsächlich vom Inhalt ab. Am Anfang war es nur die simple Idee, einen Querschnitt unserer Bevölkerung zu zeigen. Jeder ist dabei gleichberechtigt, ob Promi oder Normalo. Und genauso gleich habe ich die Menschen auch fotografiert. Erst später wurde mir bewusst, dass es zur Visualisierung der Idee auch eine entsprechende Anzahl von Bildern braucht. So sind es jetzt halt 1.000, denn ein echtes Gefühl entsteht erst bei einer gewissen Größe. Man muss die Menschen wegblasen, damit es tief unten ankommt.

Heute kann ja praktisch jeder tolle Fotos machen. Handy-Kameras werden immer leistungsstärker, dazu noch ein Instagram-Filter und fertig ist das Kunstwerk. Wie kann man sich als gelernter Fotograf im Social-Media-Dschungel noch durchsetzen? Wie und wo zeigt sich der Qualitätsunterschied?

Leute mit gutem "Foto-Auge" sind in der Tat die Hauptkonkurrenz. Mit den ganzen Schönmachwerkzeugen, haben sie zudem ein gewisses Repertoire, um gute Ergebnisse zu erzielen. Das Problem ist nur, dass sie gar nicht wissen, was sie da eigentlich tun. Im Studio mit Profikamera und dem ganzen Equipment, wären sie völlig aufgeschmissen. Auf Kommando ein gutes Bild machen ist extrem schwierig. Per Zufall kann das jeder. Da zeigt sich dann der Unterschied. Ein Bild sollte immer auch eine Geschichte erzählen. Ich weiß, wie ich Menschen in Szene setze und sie in eine bestimmte Richtung lenke. Dazu kommt das Wissen um Licht, Hintergründe und Make-up. Letztlich muss man ein ganzes Orchester dirigieren, um am Ende ein gutes Bild zu haben, welches die Geschichte trägt und erzählt.

Und überhaupt soziale Netzwerke. Ein Foto hat ja kaum noch Langzeitwirkung, sondern ist in der Regel Star für 15 Minuten. Machst du da auch mit? Gibt es deine Fotos auf Instagram, Facebook & Co.?

Ich sehe natürlich schon, wie man mit einem Post über 1.000 Menschen erreichen kann. Selbst bin ich auf Facebook & Co. jedoch eher faul und froh, mittlerweile ein Team zu haben, das sich um die Befüllung der einzelnen Kanäle kümmert. Ausstellungsbilder poste ich jedoch selten, sondern lieber die Geschichte hinter dem Motiv. Beispielsweise habe ich früher nie zusätzliches Material zu meinen Promi-Shootings geschossen. Das konnte mein Management kaum glauben. Mittlerweile versuche ich. hier mit Stars wie Mario Adorf auch Bilder abseits des Leitmotivs zu produzieren und diese dann exklusiv auf Facebook zu posten.

Wenn du ein Foto bei Facebook oder Instagram siehst. Wo bleibst du hängen? Was ist aus deiner Sicht wichtig um Erfolg zu haben?

Für mich muss ein Foto kreativ, inspirierend und irgendwie extra sein. Man muss die Vision dahinter sehen und es darf nicht einfach zufällig entstanden sein. Dabei sind Snapshots durchaus Kunst, auch wenn sie eine Überraschung inszenieren. Die meisten "großen" Schnappschüsse sind jedoch nicht zufällig entstanden, sondern die Arbeit eines ganzen Shooting-Tages, um diesen einen zufälligen Moment einzufangen.

Für deine neue Ausstellung "Heimat" hast du neben Normalos aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten auch viele Promis fotografiert. Wie kommt man an die ran und auf wen bist du besonders stolz?

Besonders stolz bin ich auf Mario Adorf, Hans-Dietrich Genscher, Frank-Walter Steinmeier, Hannelore Elsner und Dieter Hallervorden. Wie kommt man an die ran? Mit unglaublich viel Konsequenz, Herzblut, Leidensfähigkeit und natürlich mit Kontakten. Eine gute Mappe hilft natürlich auch. Ich bin halt eine Nervensäge und gebe nie auf.

Noch ein abschließender Tipp für alle Hobbyfotografen da draußen?

Gerade wenn man Menschen fotografiert, sollte man sich nicht zu sehr auf die Technik verlassen. Einfach nur eine teure Kamera kaufen, reicht nicht, auch wenn die Hersteller gern anderes kommunizieren. Vielmehr sollte man sich auf die Person und dessen Charakter einlassen und damit beim Fotografieren spielen und umgehen.

André Gebel, Geschäftsführer der Münchner Digitalagentur Coma, ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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