Wochenrückblick | | von Irmela Schwab

Digital gleich asozial? Uber unter Beschuss

Keine Frage: Hip ist, was digital ist. Angesichts der bevorstehenden Digitalmesse Dmexco hat das auch endlich Thomas Koch, der in W&V als Mr. Media bloggt, erkannt. Lange Zeit hat er den Onlinern die Zähne gezeigt, und Thesen aufgestellt, die für Ärger sorgten: von Behauptungen wie klassische Medien hätten nach wie vor einen Platz im Mediamix bis hin zur Beschwörung des nahen Todes der Digitalwerbung. Hups! Und nun ist plötzlich alles in Butter: Unter dem Motto "Plötzlich ergibt Online einen Sinn" erklärt Koch, der auf der Dmexco moderiert, wie EBDA (Enriched Big Data Advertising) AIDA ablöst. "Wir geben unsere Umsatz- und Werbeziele einfach oben in die Media-Box ein - und unten kommt der fertige Digitalplan heraus. Planung ist überflüssig und obsolet. Es wird gleich optimiert und selbstverständlich real-time eingekauft." Na also, Thomas Koch - geht doch!

Wie hip digitale Firmen heute sind, zeigt auch Google. Die Veränderung seines Logos hat große Marktgespräche entfacht. Branchenübergreifend wird heiß debattiert, teilweise mit Schaum vorm Mund, ob der neue Schriftzug nun hop oder top ist. Dabei wurde eigentlich nur die Schriftart geändert. Eine Lappalie eigentlich. Auch ein paar neue Elemente gibt es: wie beispielsweise ein farbenfrohes Google-Mikrofon, sollen helfen, Google zu erkennen und mit Google zu interagieren, ob per Sprache, Touchscreen oder Tastatureingabe.

Und während das Netz das Google-Logo in tausend Stücke reißt, will einer verstanden haben, um was es Google da wirklich geht: das Logo überflüssig machen. Ein paar bunte Punkte würden künftig genügen, und jedermann wüsste, um was es sich handelt, urteilt Norbert Möller, Executive Creative Director der Peter Schmidt Group, in W&V: "Denn mit dieser medialen Macht lässt sich alles durchsetzen, von der 3D Baskerville mit Schatten bis hin zu vier bunten Punkten. Und das hat Google verstanden."

Zu solchen starken Marken der Zukunft darf sich auch Uber zählen. So hat die "Süddeutsche Zeitung" die Sharing Economy diese Woche als "Gig-Wirtschaft" abgestempelt: Eine Wirtschaftsform, in der Freiberufler nur mehr von Job zu Job tingeln - und dafür den Mindestlohn erhalten. Derzeit wird das Startup mit optimistischen 50 Milliarden Dollar bewertet - etwa soviel wie BMW. Doch während die Mitarbeiter des Automobilherstellers fest in Lohn und Brot stehen, übernimmt Uber keinerlei Risikoabsicherung für seine Fahrer, auch Abnutzung des Fahrzeugs oder Reparaturen werden auf die Freiberufler abgewälzt. Ganz schön uncool - aus sozialer Sicht. Das gleiche fand wohl die Arbeitsbehörde von San Francisco, im Juni hat sie eine Uber-Fahrerin nachträglich als Mitarbeiterin klassifiziert und ihr 4000 Dollar zusätzlich zugesprochen.

Auch bei Crowdfunding-Prozessen könnte man ruhig etwas sozialer agieren: Das legt eine Studie der Wissenschaftler Paulo Crosetto und Tobias Regner nahe. Spenden für neue Projekte würden schließlich selten nur aus Altruismus oder Enthusiasmus für Innovation gegeben. Nur ein Fünftel der Gaben erfolgt wegen der Sache selbst oder einem einfachen "Dankeschön", so die Ergebnisse der Studie. Damit ein Projekt erfolgreich ist, müsse aber die Belohnung stimmen.

In der digitalen Welt, in der vieles entpersonalisiert und dafür automatisiert erfolgt, sollten die - klassischen - Sitten nicht verrohen. Sonst könnte Digital zwar heute hip, aber morgen schon ganz schön uncool sein.

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