Kommentar "Casual Friday" | | von Tobias Weidemann

Die unlogische Angst vor Prism, Tempora und Co.

Der amerikanische Geheimdienst spioniert das Internet aus, die Briten machen fleißig mit, Microsoft gibt angeblich ebenfalls bereitwillig Daten heraus, dementiert dies aber – die vergangenen Wochen sorgten unter Datenschützern für viel Empörung und selbst beim normalen Bürger dürfte endlich angekommen sein, dass im Internet so mancher Administrator Kommunikation mittracken und mitlesen kann. Die Frage ist vielmehr, was man mit all den tollen Daten anfangen soll und ob sich hieraus überhaupt Erkenntnisgewinne ergeben. Insbesondere wenn man zeitnah Informationen sucht, die beispielsweise Straftaten wie Terroranschläge verhindern sollen. Wie lange die Empörung der Bürger anhält, ist unklar – und wahrscheinlich wird es nur wenige Wochen dauern, bis wir wieder zur Normalität übergehen und auch die guten Vorsätze wieder vergessen sind.

Willkommen in der Realität, mag man da dem aufgebrachten Bürger entgegenrufen. Denn man muss nicht wirklich paranoid sein, um zu wissen, dass Netzkommunikation einer Kommunikation via Postkarte gleicht. Dabei sind es nicht nur die Geheimdienste, die flächendeckend mitlesen können und dies im Zweifelsfall auch tun – übrigens nicht nur die genannten, sondern möglicherweise auch viele andere inklusive der deutschen Dienste. Die größere und vor allem greifbarere Gefahr für Unternehmen liegt dagegen in der Wirtschaftsspionage – denn während es in ersterem Fall „nur“ um unsere Privatsphäre geht, ist in letzerem Fall ein handfester, finanziell messbarer Erkenntnisgewinn drin. Und den lassen sich andere Unternehmen oft einiges kosten, weil es sich für sie oder für ihre Auftraggeber rechnet.

Doch zum Thema Privatsphäre muss man noch etwas anderes anmerken: Solange ein Nutzer im Netz sein Profil bei Facebook oder Linkedin hat, dort regelmäßig Einträge verfasst und bestenfalls noch Bilder aus dem eigenen Urlaub hochlädt, ansonsten noch regelmäßig bei Foursquare kundtut, wo er sich gerade aufhält, wer noch alles dabei ist und was man da tut – solange hat derjenige kein Recht, jemandem etwas über den Verlust an Privatsphäre vorzujammern. Dasselbe gilt für Menschen, die aus Nachlässigkeit Ihre E-Mails nicht verschlüsseln (das dürfte die überwiegende Mehrheit sein), die sich leichtsinnigerweise auf unverschlüsselten Banking-Seiten in einem öffentlichen WLAN-Netzwerk tummeln oder die, weil es einfacher zu konfigurieren ist, mit einem ungesicherten WLAN arbeiten (auch das sind gar nicht so wenige, wenn man mal mit einem Smartphone durchs Wohngebiet geht, sieht man das).

Hundertprozentigen Schutz gibt es übrigens nicht – bei fast allen IT-Technologien, die wir nutzen, vertrauen wir irgendeinem Dienstleister – entweder dem E-Mail-Provider, dem Cloud-Dienstleister oder sogar dem VPN-Anbieter. Oft reicht es aber schon aus, hierbei auf deutsche oder Schweizer Dienste zu setzen, deren rechtliche Rahmenbedingungen deutlich restriktiver sind als die Gesetze in den USA oder anderen Ländern: Also GMX statt Outlook.com, Wuala statt Dropbox, etc. Hilfreich ist außerdem das Einfordern von einfach zu bedienenden und wirksamen Verschlüsselungstechnologien. Das tut nicht nur der hiesigen Volkswirtschaft gut, sondern verschafft auch noch ein sicheres Gefühl im Netz.

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Es ist mal wieder „Casual Friday“, der Freitag, an dem die neue Ausgabe von LEAD digital in die Druckerei gegangen ist und an der Sie sich auf das neue Heft in der kommenden Woche freuen können (noch kein Abo? Dann hier entlang). In und am „Casual Friday“ kommentiert LEAD-digital-Redakteur Tobias Weidemann jeweils ein aktuelles Thema.

Der "Casual Friday" geht übrigens jetzt in die Sommerpause - die nächste Folge lesen Sie hier am 30. August...

Die unlogische Angst vor Prism, Tempora und Co.

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