BLM schürt Debatte | | von Petra Schwegler

Das kann TV von Youtube lernen

Lineares TV, Abofernsehen, Streaming, Video on Demand - Gewinner der rasanten Entwicklung und zunehmenden Konkurrenz auf dem Bewegtbildmarkt ist aus Sicht des BLM-Präsidenten Siegfried Schneider auf jeden Fall der Zuschauer: "So viel attraktiven Content gab es nie zuvor auf allen Kanälen, zu jeder Zeit, an jedem Ort. Der Nutzer kann heute sehr viel gezielter als je zuvor von ihm gewünschte Bewegtbildinhalte auswählen", betonte der oberste bayerische Medienwächter bei den 13. Augsburger Mediengesprächen unter dem Motto "TV im Umbruch: Wie YouTube, Netflix und Co. die Fernsehwelt verändern". Die von Silvia Laubenbacher (a.tv) moderierte Veranstaltung im Rathaus der Fuggerstadt fand auf Einladung der Münchner Medienanstalt BLM, der lokalen Medienunternehmen und der Stadt Augsburg vor mehr als 200 Besuchern statt.

Und das Publikum nutzt die neuen Offerten: Obwohl die TV-Nutzungsdauer immer noch und relativ konstant bei dreieinhalb Stunden täglich liegt, ersetzt laut einer Bitkom-Studie jeder dritte Jugendliche das lineare Fernsehen teilweise oder ganz durch Streaming-Angebote. Was aber hat das Netz, hat Netflix oder Youtube, was TV nicht bietet? Youtube-Kanäle "holen die Jugendlichen mit Themen wie Comedy oder Games ab", erklärte Claudia Wegener, Professorin für Digitale Medienkultur und Medienwissenschaft an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, diese Entwicklung. Die TV-Sender dagegen hätten nur Angebote für Kinder. Außerdem: „Youtube-Stars wirken ehrlich und nahbar, sie sind virtuelle Freunde für ihr Publikum.“
Diese Nähe zu den Nutzern bestätigte die Youtuberin und Schauspielerin Joyce Ilg: "Meine User bestimmen durch ihre Kommentare meine Inhalte mit.“ Ilg nutzt nach eigenen Angaben – ebenso wie ihr ebenfalls anwesender Youtube-Kollege Sebastian Meichsner (Bullshit TV) – kaum mehr lineares Fernsehen. Meichsner äußerte aber, dass er durchaus Lust auf gut gemachtes Eventfernsehen habe: "Ich vermisse die Straßenfeger."

"Wir können auch geil“, verteidigte Tele-5-Chef Kai Blasberg (in gelber Hose) die Branche. Ihm gehe es ausschließlich um Inhalte: "Ich will mein Publikum mit Inhalten unterhalten.“ Dazu brauche er weder Controller noch Quoten. Aus seiner Sicht hat das klassische Fernsehen Zukunft, weil es "die Menschen verbindet". Das Internet dagegen sei "ein Medium für das Individuum" und nur als zusätzliches Angebot einer erweiterten Produktpalette zu sehen. Blasberg verglich die unterschiedlichen Bewegtbild-Angebote mit denen der Gastronomie-Branche: "Netflix ist das Sternerestaurant, Tele 5 und RTL sind die gute Hausmannskost und Youtube das Fastfood.“
Dem widersprach Jannis Kucharz, Gründer und Herausgeber von Netzfeuilleton.de: "Youtube hat sich extrem professionalisiert.“ Es gebe dort heute – ganz wie im linearen Fernsehen – Stars und Sendeschemata. "Nicht umsonst mischen die klassischen TV-Sender jetzt auch dort mit."

 

Aus gutem Grund, so Medienwissenschaftlerin Wegener: "Das Fernsehen muss sich in dieser Umbruchszeit neu positionieren." Dabei müsse es offen für neue Entwicklungen sein, dürfe Youtube aber nicht blind kopieren. Dass in dem Zusammenhang immer öfter Youtube-Stars ins Fernsehen gehen, sei nur natürlich. Meichsner, der seit ein paar Wochen auf Sky Sport als Kommentator zu sehen ist, sagte: "Die Brücke zum Fernsehen funktioniert gut und ist bereichernd." Auch Ilg ist in beiden Bewegtbild-Welten zu Hause und schätzt die unterschiedlichen Vorteile: "Bei Youtube kann ich selbst über meine Inhalte entscheiden, beim Fernsehen gibt es mehr Geld." Zwei Aussagen, die Kucharz‘ Überzeugung bestätigten: "Der schwarze Kasten hat Zukunft. Die Frage ist nur, wer künftig die Inhalte bereitstellt."

Übrigens: Auch die Produktionshäuser stellen sich auf neue Nutzungsbedingungen ein. So hat gerade eben die Endemol Shine Group eine strategischen Partnerschaft mit AwesomenessTV, in den USA eine der führenden Entertainment-Marken für die junge Zielgruppe, bekannt gegeben. Die Firma gehört zu 75 Prozent Dreamworks Animation und zu 25 Prozent zur Hearst Corporation. Im Jahr 2012 gegründet, ist AwesomenessTV eines der führenden Multi-Channel-Netzwerke, bekannt für Formate wie die Reality-Doku "Cheerleaders" oder das Interview-Format "IMO". Darüber hinaus produziert das Unternehmen Serien für Nickelodeon und Netflix, Kinofilme wie "Expelled" und "Smosh" sowie 180 Stunden Originalinhalte für Verizon.

Im Zuge der Partnerschaft werden nun in Deutschland, UK, Frankreich, Spanien und Brasilien AwesomenessTV-Kanäle in der jeweiligen Landessprache gelauncht. Ziel: Die führende Teenager-Marke soll weltweit verankert werden. Neue Serien und Formate sollen gemeinsam entwickelt und sowohl über digitale Videokanäle wie Youtube aber auch im TV vertrieben werden.

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