Sedo | | von Annette Mattgey

Schluss mit den Mythen: Was Sie über die neuen Webadressen wissen müssen

Das Gesicht des Internets wird sich Ende dieses Jahres grundlegend verändern - durch eine unendliche Fülle neuer Website-Adressen mit neuen generischen Top Level Domains. Viele haben keine Vorstellung, was das für Marken und User genau bedeutet. Semra Körner, Pressesprecherin des Domain-Marktplatzes Sedo, räumt deswegen in ihrem Gastbeitrag für LEAD digital mit den Mythen auf.

Seitdem die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) die Aufhebung der Beschränkungen bei neuen generischen Top Level Domains (gTLDs) bekanntgegeben hat, gibt es eine schier endlose Debatte: Wird sich das Surfverhalten der Nutzer grundlegend ändern? Wie werden die neuen Adressen genutzt? Und vor allem, wer wird diese verwenden? Welche Endungen werden bestehen und welche nicht? 

Die einfache Antwort lautet: Wir wissen es heute noch nicht. Die Fragen sind zahlreich, aber bevor die neuen gTLDs nicht endgültig vergeben werden und online gehen, gibt es auf vieles noch keine konkreten Antworten. Es ist davon auszugehen, dass die Entscheidung der ICANN die Zahl der gTLDs verzehnfachen wird. Dieses schnelle Wachstum und seine möglichen Folgen stoßen bei einigen Akteuren auf Widerstand. Die Vereinigungen der amerikanischen Autoren und Verlage (Author’s Guild und Association of American Publishers) kämpfen zum Beispiel gemeinsam gegen Amazons Anträge für .book und .read. Sie erheben den Vorwurf, dies seien universelle Begriffe, die den fairen Wettbewerb in der Buchindustrie verhindern, falls sie im Besitz eines einzelnen Akteurs sind.

Im Verlauf der Diskussion scheint das Maß verloren gegangen und das ganze Thema außer Kontrolle geraten zu sein. Deswegen ist es nötig, mit einigen Mythen aufzuräumen.

Mythos 1: Die neuen gTLDs zwingen Unternehmen zu hohen Ausgaben.

Es werden immer wieder Warnungen von Unternehmen laut, die für den Schutz ihrer Marken mit „Kosten in Milliardenhöhe“ rechnen. Obwohl die US Association of National Advertisers (ANA) laut Bloomberg News erhebliche markenrechtliche Bedenken in Bezug auf die neuen gTLDs hat, ist es unwahrscheinlich, dass tatsächlich „Kosten in Milliardenhöhe“ entstehen werden. Diese Überzeugung scheint dem Glauben zu entspringen, Unternehmen müssten zum Schutz ihres geistigen Eigentums für alle möglichen Varianten des Markennamens einen Antrag bei der ICANN stellen. Bei einem Preis von 185.000 Dollar  pro Antrag wäre dies tatsächlich eine sehr teure, wenn nicht sogar extreme Maßnahme.

Im Moment gibt es etwa 20 generische Top Level Domains. Unternehmen sind weit davon entfernt für alle diese gTLDs registriert zu sein. Sie haben in die vom Nutzer am meisten akzeptierten TLDs wie .com, .de oder .net investiert und scheinen sich bisher nicht genötigt zu sehen, alle möglichen Adressvarianten „besitzen“ zu müssen. Also warum sollte es in diesem Fall anders sein? Bei aller Aufregung ist wichtig zu bedenken, dass niemand gezwungen ist eine .irgendwas-Domain zu registrieren, da alle bisherigen weiter wie gehabt in den Browsern und Suchmaschinen funktionieren. Kein Unternehmen wird plötzlich in der „zweiten Reihe“ des Internets stehen, nur weil es keine dieser neuen Domains besitzt.

Mythos 2: Bestehende Domains verlieren an Wert.

Bestehende Domains werden ihren Wert behalten. Sind sie doch aufgrund ihrer hohen Bekanntheit von den Nutzern meist akzeptiert und gelernt. Während die Technologiebranche mit den Entwicklungen im Domainmarkt vertraut sind, ist laut US Domain Consortium erwiesen, dass die Nutzer diesem größtenteils ahnungslos gegenüberstehen. Sicherlich werden große Marken wie Google und Amazon große Marketingkampagnen starten, sobald die neuen Domains eingesetzt werden können. Aber es wird viel Zeit brauchen, bis die Nutzer den Umstieg vollzogen haben.

Mythos 3: Die neuen TLDs bringen markenrechtliche Probleme mit sich.

Unternehmen, die sich um die Verletzung ihrer Markenrechte sorgen, sollten sich an das Trademark Clearinghouse (TMCH) wenden. Von der ICANN ins Leben gerufen, bietet das im Domainbereich einzigartige Register zur Erfassung von Markendaten zwei Formen des Schutzes: Erstens die Unterstützung von Unternehmen bei der Domainregistrierung während der Vorrechtsphase (sog. „sunrise period“) nach der Freigabe neuer Domainendungen und zweitens die Alarmierung von Nutzern, die versuchen eine Domain zu registrieren, die einen markenrechtlich geschützten Begriff enthält. Das TMCH berät Unternehmen außerdem, wenn es nötig ist eine Domain aus defensiven Gründen zu registrieren, eine Marke beim TMCH selbst zu registrieren oder auch gar nichts zu tun. Das TMCH wurde gegründet um dafür zu sorgen, dass die Registrierung der neuen Domains transparent und koordiniert erfolgt, damit Unternehmen sich keine Sorgen machen müssen, dass ihr „Online-Besitz“ in die falschen Hände fällt.

Mythos 4: Die neuen TLDs bringen vor allem großen Unternehmen Vorteile.

Es ist bekannt, dass einige der weltweit größten Marken ihr Interesse an einer Domainendung bekundet haben. Bewerbungen wie .youtube und .microsoft haben bereits die erste Stufe der Evaluation durchlaufen und es wird erwartet, dass ihnen viele weitere folgen werden. Durch den hohen Preis werden die Bewerber wahrscheinlich meist aus großen Unternehmen oder Initiativen bestehen und kleine oder mittelständische Unternehmen sowie Startups scheinen bei dieser preislichen Hürde benachteiligt zu sein.

Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Die Chancen für letztere sind besonders groß: Wer in der Vergangenheit eine passende Domain für sein Business suchte, stellte in der Regel fest, dass die Wunschdomain in 90 Prozent der Fälle schon vergeben war. Häufig gaben sich die Unternehmen mit einer langen und komplizierten Domain dritter oder vierter Wahl zufrieden, da die guten Angebote auf dem Sekundärmarkt meist zu teuer waren.

Mit den neuen Endungen ergeben sich aber vielfältige Chancen gerade für KMUs, wie das Beispiel vine.co zeigt. Als das amerikanische Startup 2012 eine Domain suchte, war vine.com bereits vergeben und wurde auf dem Sekundärmarkt für 500.000 Dollar zum Verkauf angeboten. Da die vor etwa drei Jahren eingeführten .co-Domains ihre Beliebtheit bei den Nutzern immer weiter steigern konnten, stand mit vine.co eine deutlich günstigere Alternative zur Verfügung. Wenn man heute bei Google nach VINE sucht, verweisen die ersten und besten Ergebnisse auf vine.co und spätestens seit Vine für etwa 970 Millionen Dollar von Twitter gekauft wurde, ist der Beweis erbracht, dass auch mit geringen Investitionen Erfolgsgeschichten geschrieben werden können.

Eine Studie der Sedo GmbH hat ergeben, dass 63 Prozent der Besitzer von kleinen und mittleren Unternehmen sich nicht darüber bewusst sind, dass die neuen TLDs bald bereit stehen und somit den Wert dieser Adressen nicht kennen. Hier steckt das größte Potenzial dieser neuen Webadressen. Viele kleine, innovative Unternehmen können auf die neuen TLDs zurückgreifen, die für ihr Geschäft sowie ihre Konsumenten neue Möglichkeiten eröffnen. Genau aus diesen Gründen werden die neuen gTLDs eingeführt: Sie sollen die Zugänglichkeit des Internets für viele Gesellschaftsteile der Welt verbessern.

Schluss mit den Mythen: Was Sie über die neuen Webadressen wissen müssen

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