Aufreger der Woche | | von Frederik Birghan

Vom Enthüllungshype zum enthüllten Hype

Unsere tägliche NSA-Enthüllung gib’ uns heute: Ob Spitzenpolitiker in aller Welt, Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Nutzer von E-Mail-Diensten von Google und Yahoo – alle werden überwacht und ausgehorcht von NSA und britischem GCHQ. Inzwischen haben wir gelernt: Wenn sie leugnen, Daten im Land abzuschöpfen, haben sie Überseeleitungen angezapft. Wenn sie behaupten, nicht auf Server zuzugreifen, schnüffeln sie bei der Übertragung. Alles natürlich im Kampf gegen den Terror und zum Schutz der Bürger, ganz klar. Wenn die Bürger sich dabei unwohl fühlen, heißt es: Dient doch nur Eurer Sicherheit, habt Euch nicht so! Ganz nebenbei schrumpft ein Friedensnobelpreisträger Obama in Rekordzeit zum Onkel Tom des digital-industriellen Komplexes. Zyniker haben nur Grund zur Freude, weil die Bundesregierung erst sauer wird, wenn sie selbst betroffen ist. Scheinbar haben Mark Zuckerberg, Facebook, und der Sauna-Phobiker Jeff Jarvis doch recht: Privatsphäre war gestern, ist jetzt aus der Mode gekommen. Bürgerliche Freiheiten müssen im digitalen Zeitalter halt neu definiert werden.

Aus der Mode gekommen ist auch eine gesunde Skepsis gegenüber neuen Hypes. Nicht wenige Events des digitalen Business leben von einem geistigen Dreisprung, der ungefähr so geht: Thema X ist bei den Entscheidern noch nicht angekommen, weil sie zu alt sind und „den Schuss noch nicht gehört haben“.  Gerne werden dann gigantische Wachstumsraten präsentiert, ohne zu erwähnen, dass sie von einem sehr niedrigen Level aus starten. Und schließlich droht der Referent, wer nicht „jetzt sofort“ auf den Zug aufspringt, wird morgen schon obsolet sein. Überrollt von einer Entwicklung, die sattsam bekannte Referenten schon lange auf der Agenda....

Facebook etwa hat gesteigerte Umsätze und Gewinne präsentiert. Gut für Unternehmen und Anleger – insbesondere im mobilen Sektor hat das soziale Netzwerk Marktanteile erobert. Schon stehen Apologeten bereit, die eine totale Eroberung des Internets durch den Marktführer in Sachen Social Media prophezeien: Facebook wird das neue Google, der totale Gatekeeper, der die gesamte relevante globale Kommunikation erfasst, beherrscht und monetarisiert. Anderen Marktbegleitern und anverwandten Unternehmen blieben nur Brosamen im Aquarium. So die Zukunft demnach. Da bleibe ich skeptisch.

Skepsis ist auch Facebooks neuester Idee gegenüber angebracht: Sie wollen die Maus-, respektive Fingerbewegungen auf dem Bildschirm verfolgen, speichern und auswerten. Die NSA wird sich freuen. Outsourcing heißt das in anderen Zusammenhängen.

Vom Enthüllungshype zum enthüllten Hype

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