Dominik Frings | | von Dominik Frings

Und ewig lockt das junge Volk

Ich durfte vor nicht allzu langer Zeit den Ausführungen des wohlgenährten Reiner Calmund beiwohnen, der in einer kurzen Geschichte zu fast allem folgendes Zitat an die Wand warf:

"Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer."

Dieses stammt von Sokrates (nein, nicht der Abwehrspieler von Dortmund sondern dem Echten) und dürfte insofern auch den weniger belesenen Menschen verwundern, da der gute Mann bereits viele Jahrhunderte vor sich hin modert. Warum erzähle ich das? Weil es einen unerklärlichen Hang dazu gibt, sich überproportional mit einer Gruppe potenzieller Kunden, Mitarbeiter, Kollegen zu beschäftigen, die man per se über einen Kamm schert, um sie leichter greifbar zu machen. Dies geschieht dann vielleicht aus dem simplen Grund der eignen Überhöhung (ich bin der Weisere) oder der Trauer über den Verlust der eigenen Jugend. Vereinfachungen finden wir ja auch gerne in fehlgeleiteten Bewegungen, die sich um mutmaßliche  Überfremdung sorgen, man hat in Deutschland Erfahrung mit sowas.

Dazu gilt im Marketing immer noch die Weisheit, dass die Markenprägung nicht früh genug anfangen kann. Hierin stimme ich zu, doch man sollte immer aufpassen, die eigentlichen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren und einer im vergreisenden Deutschland eher kleinen Gruppe zu viel Bedeutung beizumessen. Denn es mag durchaus prägende Impulse geben. Ich kann heute noch abstruse  Werbung der 90er mitsingen. Da dies allerdings nicht immer zielführend ist (ich trinke nämlich gar keinen nescafe Senora) und man im Entwicklungsprozess bis zum geldausgebenden Konsumenten durchaus Veränderungen durchläuft, ist nicht immer Hopfen und Malz verloren, wenn der User erster später erreicht wird. Und es geht mitnichten um „gar nicht erreicht“, sondern um „schlechter erreicht“ was in der Debatte gerne untergeht.

Diskussionen um die Erreichung von Zielgruppen können auch sehr hartnäckig sein, ohne dass sie an Substanz gewinnen. Gebe ich bei der sympathischen Datenkrake „Facebook junge Nutzer“ ein, finde ich die ersten Artikel zum Thema Jugend Burn-Out bei Facebook bereits ab April 2013. Ich hatte jetzt in den vergangenen zwei Jahren nicht das Gefühl, dass es dem Netzwerk mit den Wohlfühl-AGBs deswegen auch nur einen Deut schlechter geht, jedoch lass ich mich gerne eines Besseren belehren. Die Jugend ist ja dann im weiteren Lebensverlauf auch nicht gleich weg, sondern begegnet mir dann an anderer Stelle wieder. Erst bei Xing und Chefkoch, später bei Eltern & Co. und noch viel später bei der Apotheken Rundschau (Medium und Verbreitungsweg will ich an der Stelle nicht festlegen) oder derweil auch wieder bei Facebook. Die Leute kommen also schon, die Frage ist nur "wann".

Und wenn es um Mitarbeiternachwuchs geht: Ach herrje, man hat schon mal seine Mühen und ich selber habe lange nach gesellschaftlichen Erklärungen gesucht und mindestens genauso lange gehadert. Im Grunde hätte dann ein Blick in den Spiegel gereicht, denn ich hätte mir auch nicht selber Vorgesetzter sein wollen. Es mag ein anderer Geist durch die Hörsäle wehen, aber so wie sich junge Arbeitskräfte vielleicht selektiver nach passenden Jobs umschauen, muss ein Unternehmen die Geduld haben, nach Leuten zu suchen, die ein gemeinsames Arbeitsverständnis haben. Und wenn sich jemand ungerecht behandelt fühlt und eine ebenso pauschale wie undifferenzierte Generalabrechnung formuliert (so wie andere Memoiren mit 21 schreiben), dann kostet es eigentlich nur ein müdes Lächeln. Zum einen habe ich auch ein 400 Euro Praktikum überlebt ohne, dass ich mich im Nachgang über mein Arbeitsleben ausheulen müsste und zum anderen dröhnt hier dieselbe Stigmatisierung von jung zu alt, wie eingangs erwähnt von alt zu jung. Mutmaßliche Altersweisheit scheint demnach dem jugendlichen Aufbegehren gar nicht so unähnlich zu sein. Und alle brauchen sie Lebensmittel, Versicherungen, Handys etc., weshalb es immer eine goldene Zeit für Werbung gibt!

Dominik Frings ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

Und ewig lockt das junge Volk

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

Leserkommentar

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht