Christian Faltin | | von Christian Faltin

"The Circle": Digi-Schmöker mit Aufreger-Potenzial

Warum schreibt man über ein Buch, das einen enttäuscht hat? Weil es trotzdem (oder deswegen) auf Platz eins der dieswöchigen Spiegel-Bestsellerliste (Belletristik) steht! Denn das Ranking (ja, ich glaube gelegentlich noch an Rankings) sagt einiges darüber aus, welches Verhältnis wir als Gesellschaft zu den Themen Internet/Überwachung/Datenschutz haben. Das PR-Trommmelfeuer zur deutschen Übersetzung des Buchs scheint gegriffen zu haben. Mit "Der Circle" des amerikanischen Autors Dave Eggers kommt endlich ein Roman, der uns zeigt, wie Amazon, Facebook, Google, Twitter & Co. (als Stellvertreter im Buch die fiktive Firma Circle) uns alle überwachen und das Geld aus der Tasche ziehen. Von NSA & Co. haben wir das ja eh schon alles gelesen. Wir sind eine hilflose Masse von Konsumenten, die von Algorithmen und ihren Programmierern aus dem Silicon Valley ferngesteuert werden. "Der Circle" bedient sehr geschickt diese Bedrohungssituation, die wir als Gesellschaft wohl fühlen, mit der wir aber anscheinend nicht umzugehen wissen.

Was die literarische Qualität des Romans betrifft, verweise ich auf die Rezension von Ijoma Mangold bei ZEIT Online: "Der Circle erfüllt bilderbuchmäßig die klassischen Kriterien für schlechte Romane: eine banale Sprache ohne ästhetischen Mehrwert, Vorhersehbarkeit der Handlung, klischeehafte Schwarz-Weiß-Kontraste von Gut und Böse, Dialoge, die didaktisch so aufgebaut sind wie ein Besinnungsaufsatz, und Figuren als Meinungsträger, reine Pappkameraden, die alles, was der Leser sich denken soll, für die Doofen noch mal extra sagen."

Was den Inhalt betrifft, ist der Circle für einen Menschen aus der Digitalbranche auch deshalb langweilig, weil vieles von dem, was im Buch als visionär rüberkommen soll, schon Alltag oder kurz vor der Marktreife ist. Für das Tracken der eigenen Kinder gibt es schon Angebote (auch wenn der Chip noch nicht im Knochen eingepflanzt ist). Ja, jede Menge Politiker machen sich inzwischen auf sozialen Netzwerken teilweise nackig (transparent), auch wenn sie noch keine Videocam um den Hals tragen. Und ja, es gibt Menschen, die sich mehr Sorgen um ihren Klout-Score machen als um ihre Angehörigen. Das allein reicht noch nicht, um ein totalitäres Digitalien zu errichten. Natürlich kommen jetzt Sensoren und jede Menge Wearables, die viel mehr über uns preisgeben als bisher. Aber diese Gadgets kauft sich die digitale Avantgarde völlig freiwillig. Und dieselben Journalisten/Medien, die sich sonst lautstark über mangelnden Datenschutz beschweren, bemängeln im nächsten Artikel, dass es doch bitte offene Schnittstellen für alle zu den Daten geben sollte. Wir selbst verhalten uns häufig ziemlich paradox. Wir motzen über die Konzerne und geben Ihnen gleichzeitig die meisten Daten freiwillig.

Der Verkaufserfolg des Circle sollte vor allem der Politik und den Entscheidern der Digital- und IT-Branche zu Denken geben. Vielleicht diskutieren wir künftig mal eher und ausführlicher über das Verhältnis zwischen Technologie und Gesellschaft. Vielleicht definiert die Gesellschaft oder die sie vertretenden Politiker mal eine digitale Agenda, in der es nicht nur um Netzausbau, sondern um den Umgang mit dem Netz und unseren Daten geht. Wir brauchen eine Debatte über das Digital Self, bevor es quantified und qualified wird. Wo soll ein klassischer Verbraucherschutz noch greifen, wenn der Verbraucher selbst sensibelste Daten freiwillig in Hülle und Fülle preisgibt (auch weil er keinen Bock hatte, die 25 Seiten AGB als PDF zu lesen). Soll/darf der Staat dann Einzelne vor sich selbst schützen? Wie soll eine Gesetzgebung funktionieren, deren Prozesse immer langsamer sind als das nächste Software-Update? Und welche Rechte hat ein Mensch, der zwar einer Nation angehört, aber einem globalen Unternehmen gegenübersteht?

Was sich scheinbar abstrakt anhört, kann man auch in realitätsnahe Fragen verpacken: Darf ein älterer, gebrechlicher Mensch seinen Kindern verbieten, ihn zu tracken, obwohl die Kinder damit im Notfall nur helfen wollen? Darf eine Krankenkasse ein Fitness-Armband dazu einsetzen, einen Versicherten anders einzustufen oder zu behandeln? Ist ein Schutz von Daten realistisch überhaupt noch möglich, sobald sie digitalisiert sind? Wo doch wöchentlich das Gegenteil bewiesen wird.

Statt sich einer gefühlt diffusen Bedrohungssituation zu ergeben, wäre es an der Zeit, dass sich die Gesellschaft mal auf ein paar grundsätzliche Spielregeln im Umgang mit den Netz und unseren Daten verständigt. Wie wäre es mit einer Art digitaler Grundrechte-Charta? Eggers Hauptfigur im Roman, die so positive wie unkritische Mae, formuliert drei Grundregeln für ihre Circle-Welt:

-          Geheimnisse sind Lügen

-          Teilen ist heilen

-          Alles Private ist Diebstahl

Wäre doch mal eine Aufgabe, Regeln für unser Digitalien dagegenzusetzen, die wir als Gesellschaft (Menschen wie Unternehmen) für sinnvoll erachten. Oder, um es in der Eggerschen Wortwahl zu sagen: Der Kreis hat sich noch nicht geschlossen. Und: Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" (KEIN Amazon-Link) hat mich persönlich vor Jahrzehnten wesentlich mehr beeindruckt. Aber wenn "Der Circle" eine ernsthafte Diskussion anstösst, dann ist es doch ein gutes Buch.

Christian Faltin ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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