Wearable | | von Sebastian Blum

So denkt die Agenturbranche über die neue Apple Watch

Der Maßstab aller Dinge ist für Apple immer noch Apple: Diesen Anspruch muss auch die neue Apple Watch erfüllen. Doch wie kommt die Smartwatch außerhalb eines eingeschworenen Fankreises von Mobile-Nerds, Digital-Geeks an? Bei den Designern Gregor Ade, Christian Doering, Lars Kreyenhagen und Sebastian Zirfas hat W&V bereits nachgefragt. Jetzt meldet sich die Agenturbranche zu Wort: Laurent Burdin, Simon Loebel, Stefan Mohr, Harald Krefting und Joachim Bader stehen Rede und Antwort zur neuen Apple Watch.

 

Laurent Burdin, Geschäftsführer bei Sinner Schrader Mobile in Berlin:

Der Rummel um die Smartwatch ist kein bloßer Hype, sondern der Kern des Interface der Zukunft: Widgets - kleine Anwendungen, schnell zugänglich, aufs Minimum reduziert, marketingoptimiert, so dass man sie sehr häufig verwenden wird. Die Uhr bringt diese neue Denke eben mit. Kleine Widgets werden wir überall in den Smartphones sehen. Aber auch in Car-Apps.

Im Segment der Smartwatches ist Apple der Meinungsmacher. Seit der Ankündigung der Apple Watch vor genau sechs Monaten haben wir mehr als zehn Aufträge für Smartwatch-Apps bekommen: für Android Wear sowie Apple Watch. Der Markt kommt, weil die Nutzungsszenarien spannend sind. Das zeigen die ersten Tests.

Marken müssen mit eigenen Apps auf der Apple Watch unbedingt dabei sein. Es werden komplett neue Nutzungs-Szenarien erfunden werden - Nutzungs-Szenarien, die überall wieder verwendet werden können. Man sollte diesen Platz auf keinem Fall der Konkurrenz überlassen. Exzellente Ideen für die Smartwatch basieren dabei auf den Gewohnheiten der Konsumenten. Das sind: Der schnelle Zugang ohne "Umherwühlen" in der Handtasche, um etwa Play oder Stop einer Musik-App zu drücken oder mobil zu bezahlen. Spannende Abkürzungen, wie das Prüfen des Kontostands, das Nachladen der Handykarte oder das Ablesen der Push-Notifications.

Für Marken ist es da toll, als erste dabei zu sein, obwohl ich die bisherige Liste der Unternehmen ziemlich unspannend finde. Zum Beispiel ist kein einziges Startup vertreten. Apple hat wenig "Gefühl" für den deutschen App-Markt. Es gilt für alle, sofort Projekte für die Smartwatch zu starten und zu testen. Mit der Smartwatch liegt eine neue digitale Ära vor uns: Die Ära der Widgets.

 

Simon Loebel, COO bei United Digital Group:

„Wearables“ wie die Smart Watch werden dieses Jahr einen großen Schritt zu einer massentauglichen und täglichen Nutzung machen. Akkulaufzeit und vor allem echte Mehrwerte in den Funktionen und Inhalte sind hier entscheidend. Ich traue Apple zu, hier wieder mal Maßstäbe zu setzen. Denn es hat immer wieder geschafft, Dinge, die es schon gab, in einen sinnvollen Kontext zu setzen und damit einen bisher unerkannten Mehrwert zu transportieren. Bei Smartphone und Tablet haben sie es schon vorgemacht, warum sollte es bei der Smartwatch anders sein.

Beim Umgang mit der Apple Watch sollten Marken bei ihrer digitalen Markenführung sämtliche Touchpoints nutzen, um mit ihren Kunden zu interagieren. Genau das macht die Möglichkeiten der Personalisierung ja auch aus: Dem Kunden dort zu begegnen, wo er mit seiner Lieblingsmarke kommunizieren möchte. Das kann dann die Smartwatch für den einen und das Tablet für den anderen Kunden sein. 

Für Unternehmen sehe ich dabei - neben Klassikern wie Fitness-Apps und medizinischen Features - in der Vernetzung der Smartwatches und den damit verbundenen neuen Formen der Kommunikation großes Potenzial. Glaubt heute keiner, aber wer hätte der SMS oder Whats App einen solchen Siegeszug zugetraut? Brands können natürlich davon profitieren, wenn sie bei der "Apple Watch" zu den First Movern gehören. Ob ich zu den ersten gehören muss, ist abhängig von meiner Zielgruppe, der Positionierung meiner Marke und meinem Produkt.

Stefan Mohr, Geschäftsführervon Jung von Matt/next:

Ich halte es nicht für unrealistisch, dass Smartphones einen Großteil ihrer Funktionalitäten an Wearables abgeben. Dass die Smartwatches dabei den Anfang machen, ist nur natürlich. Ich erinnere mich jedenfalls noch begeistert an meine Casio Digital-Uhr mit Taschenrechner aus den 80-er Jahren. Jetzt bin ich ebenso neugierig auf weitere digitale Features am Handgelenk.

Im Bereich der Wearables wird Apple eine wichtige Rolle spielen. Schon allein aus Eigeninteresse – der iPod Classic wird nicht mehr produziert, iPhones sind mit Abstand der stärkste Umsatzgarant, neue Endgeräte müssen her. Und ich bin sicher: Uhren sind dabei nur der Anfang. Zudem zeigt Apple einmal mehr, dass sie sich bewegen und nicht stillstehen. 

Zum Umgang mit der Apple Watch: Ich empfehle meinen Kunden stets, neuen Technologien und Endgeräten mit Augenmaß zu begegnen. Ob es für eine Marke richtig ist, ganz schnell auf den neuesten Zug aufzuspringen, hängt unter anderem davon ab, ob die Zielgruppe erreicht und im besten Fall sogar soziale, emotionale oder unterhaltende Relevanz geboten werden kann. Wenn das gegeben ist – unbedingt rauf auf die Apple Watch! Für Marken ist es zudem nie ein Nachteil, sich frühzeitig mit neuen Technologien auseinanderzusetzen und daraus zu lernen. Sie profitieren schon alleine davon, dass sie im Zusammenhang mit einem Apple-Launch genannt werden.

Potenzial für die Smartwatch haben dabei haben alle Anwendungen und Inhalte, für die ich nicht zwingend ein größeres Display und/oder mein Smartphone benötige. Naheliegend sind Services wie Wetter, Notifications und alles rund um die digitale Unterstützung sportlicher Aktivitäten. Die Vereinfachung und Erweiterung bestehender mobiler Services werden sicherlich die nächste Ausbaustufe auf der "Apple Watch" darstellen. Dazu zähle ich alle Branchen, die mit Mobilität zu tun haben wie Uber, Airbnb oder HRS. Aber auch Automobilhersteller, die mit diesem neuen Device die Chance haben, die Verzahnung vom Auto mit digitalen Services noch weiter voranzutreiben. Die Killer-App wird diejenige sein, die mich davon überzeugt, meinen analogen Marken-Chronographen gegen eine Smartwatch auszutauschen – Platz für zwei Uhren habe auch ich noch nicht auf meinem Handgelenk.

Harald Krefting, Principal Software Engineer bei AKQA:

Die Interaktion mit einer Marke via Smartwatch-App sollte für den Konsumenten einen erkennbaren Nutzen bieten. Marken müssen zuerst überlegen, welchen Mehrwert sie Menschen im persönlichen Kontext des Alltags geben können. Die Präsenz und Interaktion auf einer Smartwatch sind noch viel unmittelbarer und intimer. Jede ungewollte Ablenkung kann hier eher als störend aufgefasst werden. Marken sollten daher den Formfaktor einer Smartwatch verstehen und diese nicht primär als eine Werbeplattform oder einen Posteingang sehen. .

Erfolgreiche Smartwatch-Apps werden deshalb jene sein, die alltägliche Aufgaben noch einfacher machen als etwa das Smartphone. Das Spektrum reicht hier vom direkten Zugriff auf Informationen, wie der Uhrzeit, dem Kalender oder dem Wetterbericht, bis zum schnellen Reagieren auf Notifications, Navigationshilfen oder Fitness-Tracking. Besonders interessant sind die Möglichkeiten einer direkten Interaktion mit Hardware, bspw. dem Öffnen und Starten eines Fahrzeugs.

Joachim Bader, Vize-Präsident bei Sapient Nitro, Kontinentaleuropa:

 

Bisher wurde viel über Smartwatches gesprochen, aber wenig verkauft. Dass Smartwatches mehr sind als nette Gadgets, nämlich eine sinnvolle Erweiterung des persönlichen digitalen Ökosystems der Konsumenten, steht außer Frage – nur fehlte bisher der sexy Zündfunken. Doch Apple ist der „Game Changer“ für komplette Produktkategorien. Es wird den Uhrenmarkt verändern, vom mittleren Preissegement bis zum Luxussegment. Denn sobald Apple in einen Markt eintritt, ändern sich die Spielregeln und – viel wichtiger – die öffentliche Wahrnehmung. Das Marketing von Apple beherrscht es perfekt, Bedürfnisse zu wecken. Das wird auch den bisher eher überschaubaren Markt für Smartwatches verändern und die gesamte Produktkategorie in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken.

Marken und deren Agenturen sind gut beraten, sich jetzt schnell mit dem Thema Smartwatches zu beschäftigen. Sobald Apple hier einsteigt, werden die Konsumenten stärker als bisher erwarten, dass Marken auf Smartwatches präsent sind. Das gilt jedenfalls für jene Marken, die sich als Innovationsführer im Digital-Bereich positionieren. Sie können so bei der Markenbekanntheit und der Kundenbindung profitieren.

Überzogene Erwartungen sollte man aber nicht haben, denn der Markt ist noch überschaubar. Wir selbst arbeiten schon für Kunden an Apps für die "Apple Watch" und werden diese mit unseren Kunden zeitnah launchen.

Interessant für die Smartwatch sind Medienangebote, Anwendungen für Messaging und Social Networks sowie Angebote rund um das Thema Reisen. Auch für Lifestyle- und Premium-Marken bietet die "Apple Watch" eine hochinteressante Plattform, um sich als attraktive Marke zu positionieren. Sehr interessant werden die Integration von "Apple Pay" und die Auswirkungen auf den Handel sein – hier ergeben sich neue Möglichkeiten. Eine "Killer-App" wird es, wie in anderen digitalen Plattformen auch, jedoch nicht geben. Stattdessen wird der Nutzer rund 15 Anwendungen im relevanten Set nutzen, die das persönliche App-Ökosystem konstituieren.

So denkt die Agenturbranche über die neue Apple Watch

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