User Experience | | von Annette Mattgey

Smart Home: Der Super-Schalter ist unerwünscht

Das intelligente Heim ist längst kein Science-Fiction-Szenario mehr. Doch können sich echte Nutzer für die automatische Steuerung ihres Zuhauses ebenso begeistern wie deren Entwickler? Eher nein, meint Agentur-Chefin Bettina Streit. Längst nicht alles, was machbar ist, entspricht auch dem Nutzerwunsch. Das hat die User Experience-Agentur Coeno in Kontextinterviews mit potenziellen Smart-Home-Nutzern und Endverbrauchern, die bereits verschiedene Smart-Home-Komponenten und Sensoren in ihren eigenen vier Wänden installiert haben, ermittelt.

Aus diesen Gesprächen kristallisierte Bettina Streit acht Thesen für wahrscheinliche und unwahrscheinliche Anwendungsszenarien im Smart Home.

#1: Licht an.

Auf den simplen Schalter an der Wand wird auch in Zukunft niemand verzichten. Der Taster bleibt als User Interface die erste Wahl für die Steuerung von Licht im Heim, weil er sich so intuitiv nutzen lässt, dass selbst eingefleischte Smartphone-Fans nicht erst ihr Handy suchen, die App starten und den Regler für den Lichtschalter aktivieren würden.

#2: Automatisch steuerbare Licht-Szenarien braucht keiner.

Der Super-Schalter, mit dem sich für die Fernsehstunde das Licht dimmen, die Jalousie herunterfahren und das TV-Gerät anschalten lässt, ist überflüssig. Derartige "Multi"-Szenarien decken nur ganz bestimmte Situationen ab und sind damit unflexibel. Nicht jedes Haushaltsmitglied will bei gedimmtem Licht und geschlossenen Jalousien fernsehen.

#3: Mobile Szenarien sind (fast) überbewertet.

Auf die Steuerung von Geräten im Haus per Smartphone kann man gut verzichten. Außer Haus sieht es anders aus: In den Interviews äußerten die Nutzer, dass sie benachrichtigt werden möchten, wenn während ihrer Abwesenheit eine Gefahrensituation im Haus auftritt. Aufgeschlossen zeigten sie sich auch für den Fernstart der Waschmaschine und die Aktivierung der Heizung vor dem Nach-Hause-kommen. Ob der Nutzer diese Geräte dann tatsächlich fernsteuern will, muss sich noch erweisen.

#4: Benutzung schafft Anwendungsideen.

Mit der Nutzung von Smart-Home-Technologien werden sich die Anforderungen verändern, weil die Technik die Fantasie der Anwender beflügelt. Voraussetzung dafür ist eine einfache, intuitive und flexible Konfigurierbarkeit des Smart-Home-Systems.

#5: Automatisierung macht Angst.

Die meisten Menschen empfinden Automatisierung als bedrohlich. Eine gelungene User Experience erlaubt den einfachen manuellen Eingriff in automatisierte Prozesse, damit die Technik gelernt und so Vertrauen aufgebaut wird. Hilfreich sind Zwischenschritte zur Einübung: von der zentralisierten Bedienung zu automatisierten Teilprozessen.

Bettina Streit erklärt das so: "Automatisierung bedeutet, Annahmen über normale Abläufe zu treffen, ohne sicher zu sein, ob sich diese Annahmen dann in der Praxis bewähren. Deshalb hat eine Automatisierung immer auch etwas Experimentelles und es ist besonders wichtig, dass jeder im Haushalt jederzeit Anpassungen vornehmen kann."

#6: Monitoring interessiert keinen.

Nur wenige Menschen wollen ihren Energieverbrauch überwachen. Die Mehrheit nimmt an, dass sie an ihrem Verhalten nichts ändern kann und hält ein permanentes Verbrauchs-Monitoring folglich für zwecklos. Zudem sagt eine individuelle Verbrauchskurve ohne Referenzverbrauch nichts aus.

Bettina Streit findet eine Warnfunktion nützlich: "Falls Geräte plötzlich weniger oder mehr verbrauchen, also Anomalien auftreten, macht eine automatische Info für den Smart-Home-Besitzer Sinn."

#7: Aus!

Das Top-Feature für ein wirklich smartes Heim ist der "Alles-aus"-Schalter. Jeder Mensch hat das Bedürfnis, sein Zuhause beim Verlassen per Knopfdruck in einen Ruhezustand zu versetzen, sei es, um Energie zu sparen, oder aus Sicherheitsgründen.

#8: Freudvolle Bedienung ist Pflicht.

Jede Konfiguration muss einfach, intuitiv und freudvoll sein. "Smart-Home-Besitzer nutzen das bereits vorhandene Angebot an Funktionen bei weitem nicht aus, weil sie vor der komplizierten Einrichtung zurückschrecken", gibt Streit die Meinungen aus der aktuellen Anwenderbefragung wieder.

Mehr zum Thema findet sich auf den Seiten des heute in Frankfurt stattfinden UX Kongress. Dort stellt Streit in ihrem Vortrag eine Multiscreen-Anwendung vor, die eine innovative und anwenderfreundliche Nutzeroberfläche für eine Smart Home-Schaltzentrale präsentiert

Smart Home: Der Super-Schalter ist unerwünscht

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