Cebit 2015 | | von einem W&V Leserautor

Sascha Pallenberg: "Nehmt euch eine Woche Cebit-Urlaub!"

Coole Leute fahren zur SXSW nach Austin und der Rest zur Cebit nach Hannover. Wirklich? Mobile-Geeks-Gründer Sascha Pallenberg kann das Cebit-Bashing nicht mehr hören und erklärt, warum die Messe so wichtig ist wie noch nie.

Cebit 2015: Eine Ode an den Wandel

von Sascha Pallenberg*

Ach du Messegelände in Hannover. Uns verbindet inzwischen seit 30 Jahren eine Hassliebe, die ich mit keiner anderen Event-Location so er- und durchlebt habe. 1985 stieg ich zum ersten Mal in einen Bus, der mich zusammen mit meinen Klassenkameraden Richtung Hannover fuhr, damit der Mob an 13-Jährigen auf die Stände der Hannover Messe losgelassen werden konnte. Gut sechs Stunden hatten wir damals, um die gefühlten 500 Hallen zu durchstreifen und unseren Durst nach den neuesten Infos zu unseren geliebten "Heimcomputern" zu stillen. Ja, ich gebe es zu: Auch ich war eine dieser "Beutelratten", die von Stand zu Stand zogen und so ziemlich alles an Merchandising freudig annahmen, was auch nur annähernd an eine IT-Firma erinnerte.

Ostern, Weihnachten und Geburtstag innerhalb von einem halben Tag abzuarbeiten, das war die Messe in Hannover für mich. Ja, und man war natürlich auch ein wenig stolz, diesem Ereignis persönlich beiwohnen zu können. Hey, ich war 13 und auf der weltgrößten IT-Messe! Was mehr oder weniger bedeutete, dass ich in den nächsten vier Wochen in den Pausen wie auf einer Wolke (hach, wie geschickt ich nun die Brücke hin zum Cloud-Computing schlage) über den Schulhof schwebte. Seht her, ich habe an der großen weiten Welt geschnuppert und die Zukunft gesehen.

Nun, 30 Jahre später, sitze ich im ICE von Berlin nach Hannover und lasse all diese Erfahrungen noch einmal Revue passieren, wobei ich auch ein wenig mit Wehmut an diese wunderbare Naivität der 80er-Jahre denke. Zuweilen hatte ich den Eindruck, dass die Cebit konzeptionell genau in diesem Zeitalter festhing und sich mit einer erzkonservativen Konzeptionierung an den dicken B-to-B-Strohhalm klammerte. "Seht her, wir sind immer noch die Nummer 1."

Nein, Cebit, das war ein Irrtum. Und ein verdammt wichtiger. Die Konkurrenten CES, MWC, Computex und Ifa sowie die spezifischen Produktlaunches der einzelnen Hersteller, all das setzte der Cebit ordentlich zu. Mit der gleichzeitig stattfindenden SXSW in Austin schien man auch noch die Netzgemeinde und die Influencer verloren zu haben, welche auch nicht müde wurden zu erklären, warum sie nicht mehr nach Hannover kommen.

Ganz ehrlich? Ich vermisse diese Leute nicht. Mein Mantra lautet auch 2015 "Substance > Style", und genau aus diesem Grunde zieht es mich wieder nach Niedersachsen. Wer in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts immer noch meint, man müsse B-to-B von B-to-C trennen, hat immer noch nicht verstanden, welche Aufgaben in den nächsten Jahren vor uns liegen. Das Internet der Dinge, das exponentielle Wachstum von Geräten, die mit dem Internet verbunden sind: Die Cebit bildet das wie keine andere Show auf diesem Planeten ab.

Im Kombination mit dem Code_n-Format, einer neuen Halle, die den Gründern und Start-ups in Deutschland nicht nur eine wichtige Bühne gibt (auf diesem Level gibt es nämlich kein weiteres Event um Lande), sondern auch die Möglichkeit, mit potenziellen Kooperationspartnern und Investoren aus der Industrie in Kontakt zu kommen, zeigt die Messe AG, wie wichtig ihr der Nachwuchs und der Standort Deutschland sind.

Hinzu kommt die Global Conference, die auch in diesem Jahr wieder mit namhaften Rednern (u.a. Xiaomi-CEO Lei Yun, Investigativ-Journalist Glenn Greenwald und Alibaba Gruender Jack Ma) aufwarten kann und sich längst die Spitzenposition vergleichbarer Veranstaltungen in Deutschland gesichert hat.

Mit dem Rock-the-Blog-Konzept versucht man nun auch noch, am Cebit-Freitag die Medienschaffenden einzuladen, die man in den letzten Jahren eher ein wenig vernachlässigt hat. Blogger-Keynotes von Branchengrößen, Erfahrungen von professionellen Bloggern und Panels zu aktuellen Entwicklungen: Die Cebit bildet inzwischen nicht mehr nur die digitale Transformation der Industrie, sondern der gesamten Gesellschaft ab.

All die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte nützen nichts, wenn man sich auf den vermeintlichen Lorbeeren ausruht. Dies hat die Messe AG bereits vor einigen Jahren begriffen und eine der weltweit wichtigsten Branchenmessen neu aufgestellt, ja nahezu reanimiert. Weg von der sehr starren Ausrichtung, die letztlich viele Premiummarken verschreckt hat, hin zu der vielseitigsten Veranstaltung der Zunft.

Die Cebit 2015 ist eine inspirierende, digitale Erlebniswelt, für die man sich weit mehr als einen Tag Zeit nehmen sollte. Eine Woche Urlaub nehmen, Dauerkarte bestellen und vor allen Dingen auch die Konferenzangebote wahrnehmen. Kompakter, kompetenter und günstiger wird man auf keiner Veranstaltung über die aktuellen Entwicklungen informiert.

Wandel tut manchmal weh, aber Veränderungen sind bitter notwendig in einer Zeit, in der Jahrtausende lineaere Entwicklung nun von einer exponentiellen abgelöst wird. Die Cebit hat diese Transformation, durchaus auch mit viel Reibung, in meinen Augen geschafft, und deshalb schließt sich nun für mich ganz persönlich der Kreis. 30 Jahre später bin ich wieder in Hannover und froh darüber, dass die Cebit all diese Schritte vollzogen hat.

* Sascha Pallenberg ist mit Mobile Geeks in Hannover präsent und Medienpartner der Cebit.

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