Finanzkommunikation | | von Annette Mattgey

Salazar: Investor Relations braucht mehr Social Media

Twitter hält Einzug an den Börsen. Den Weg dazu machte eine schlichte Mitteilung der amerikanischen Börsenaufsicht SEC frei. Für Investor Relations-Berater sollte spätestens das der Startschuss sein, sich stärker mit Social Media zu beschäftigen, meint Wigan Salazar, CEO der PR-Agentur MSL Group.

Der Titel der Pressemitteilung ist erfrischend klar: „SEC Says Social Media OK for Company Announcements if Investors are Alerted”. Die trockene Meldung der amerikanischen Wertpapieraufsicht SEC (Securities and Exchange Commission) vom 2. April 2013 mit dem Kernsatz “Most social media are perfectly suitable methods for communicating with investors“ könnte im Nachhinein als Startschuss für eine grundlegende Veränderung in der Kommunikation von börsennotierten Unternehmen mit ihren Anlegern gesehen werden. War die Verbreitung von Investor Relations-relevanten Informationen über Twitter, Google+ und Facebook bislang eine rechtliche Grauzone, stellt die SEC nun klar, dass dies rechtens ist – so lange auf der Unternehmenswebsite darauf hingewiesen wird, dass diese Informationskanäle genutzt werden.

Nur wenige Tage später legte mit Bloomberg einer der wichtigsten Aggregatoren von Daten und Nachrichten für den Finanzsektor nach. Das Unternehmen kündigte an, dass Tweets zu börsennotierten Unternehmen nun Teil des Datenflusses auf den für Analysten wichtigen Bloomberg-Terminals würden: dies sei auch ausdrücklich auf Wunsch einiger Kunden geschehen.

Obwohl Social Media in der Unternehmenskommunikation zum Standardrepertoire gehört (oder zumindest gehören sollte) und obwohl auch in Deutschland einflussreiche Wirtschafts- und Finanzjournalisten Twitter und Facebook für sich entdeckt haben, wird Social Media – auch nach Angaben des Deutschen Investor Relations Verbands DIRK – im Feld der Investor Relations noch zu wenig genutzt. Dabei ist Social Media bekanntermaßen wirklich nicht neu – schließlich ist die Gründung von Facebook schon neun Jahre her und Jack Dorsey’s erster Tweet bereits sieben Jahre alt.

Skeptische Blicke auf das "exotische Phänomen" Social Media

Ein gewisses Unbehagen, was das Thema Social Media angeht, ist in den vergangenen Jahren auch stets bei den Beratern zu spüren gewesen, die mit Finanztransaktionen und Investor Relations zu tun haben: Twitter wird von Bankern, Anwälten und Wirtschaftsprüfern aus dem M&A-Umfeld in Deutschland als eher exotisches Phänomen gesehen. Selbst getwittert wird von wenigen Ausnahmen abgesehen eher nicht.

Negative Reaktionen ließen auch nicht lange auf sich warten: In einer ersten Reaktion kritisiert Claus Döring, Chefredakteur der Börsen-Zeitung, die neue Regelung als anlegerfeindlich: „Nicht allein wegen der offenen Fragen zu Datenschutz und Datensicherheit in sozialen Netzwerken ist es starker Tobak, was die SEC da Anlegern zumutet.“ Döring hält die neue Entwicklung für „aberwitzig“ und empfiehlt einen „ordentlichen ‚Shitstorm’ auf Facebook.“ Die Financial Times in London äußert sich in ihrer Lex-Kolumne ein wenig offener, zeigt sich aber skeptisch, ob genügend Information in 140 Zeichen passt. Passend dazu schlägt die FT anhand von fiktiven Daten für das Unternehmen Alcoa vor, wie Kerndaten in ein Tweet gepresst werden könnten: #Alcoa Q1 results Rev$25bn+5% OP$700m+5% EPS$0,30+3%Ebitda$2b+15%Capex$1.2b+0.2% Tax$200m+5% WACC12% Outlook: US+Asia++Eu—Vols-Prices++

Korrekte Reihenfolge: Erst Online-Meldung, dann Tweet

Eines ist klar: Die Nutzung von Social Media muss auch in Deutschland mit den strengen ad-hoc-Regeln in Einklang gebracht werden. Von Vorteil ist dabei aber, dass die Gesetze kein konkretes Medium vorschreiben. Vermutlich wird es auch in Deutschland aber einbürgern, dass die Kanäle (wenn man sich für Social Media entscheidet) auf der IR-Seite der jeweiligen Gesellschaft angegeben werden. Wichtig ist natürlich auch, dass die Prüf-Fristen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) eingehalten werden – am praktikabelsten wird im erste Schritt vermutlich sein, Tweets erst dann abzusetzen, wenn die entsprechenden Meldungen sowieso online sind.

Mit Twitter machen auch Bilanz-PKs Spaß

Auch jenseits der ad-hoc-Publizität bieten Social Media-Kanäle aber gerade für gelistete Unternehmen große Potenziale. Das französische Unternehmen Air Liquide macht es vor: Sowohl die Ankündigung der Unternehmenszahlen als auch die Jahreshauptversammlung wurden aktiv auf Twitter begleitet – mit großem Erfolg. Auch das ist in Deutschland vorstellbar – zudem könnten Analystenkonferenzen auf Twitter begleitet oder sogar als Google Hangout geführt werden.

Wichtig wird aber sein, dass die Investor Relations-nahen Berufsgruppen sich stärker mit Social Media auseinandersetzen. Viele Unternehmenskommunikatoren und auch der Deutsche Investor Relations Verband tun dies bereits aktiv. Eine Schlüsselrolle sollte aber den Kommunikationsberatern zukommen – doch gerade die auf M&A- und Finanzthemen spezialisierten Berater sind zum Thema Social Media kaum sichtbar – vielleicht, weil eine Mehrheit Twitter für eine Spielerei hält. Dabei scheint, wie ein Bloomberg-Mitarbeiter gegenüber der New York Times betont, bereits ein „Tipping Point“ in der Bedeutung von Social Media für den Finanzmarkt geschehen zu sein.

Wigan Salazar ist CEO der Kommunikationsberatung MSL Germany, mit Büros in Berlin, Frankfurt, München, Köln und Hamburg. Salazar berät Unternehmen an der Schnittstelle zwischen Public Affairs, Unternehmenskommunikation, Krisenkommunikation und Finanzmarktkommunikation. Er hat seit 2006 zahlreiche M&A-Deals auf Kommunikationsseite begleitet. Auf Twitter kann man ihm unter @wigansalazar folgen.

Salazar: Investor Relations braucht mehr Social Media

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

Leserkommentar

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht