"Prediction-Society": Wenn Wissen die Macht übernimmt
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Christian Faltin | | von Christian Faltin

"Prediction-Society": Wenn Wissen die Macht übernimmt

"Ich weiß, was Du nächsten Sommer tun wirst". Ja, ich weiß, eigentlich heißt der Film anders. Aber perspektivisch gesehen müsste er eigentlich so heißen. Denn wir leben ab sofort digital in einer Gesellschaft, in der die Vergangenheit höchstens deshalb wichtig ist, um die Zukunft zu prognostizieren. Wir sind auf dem Weg in die Prediction Society, um mal ein völlig neues Buzzword in den Ring zu schmeißen.

An die Amazon-Empfehlungen ("Wer diesen Artikel gekauft hat, kauft auch" …) haben wir uns ja schon lange gewöhnt. Das ist so etwas wie das Neolithikum (bitte googeln, ich analysiere die Suchhäufigkeit dieses Begriffs) der Smart-Data-All-Tracking-Welt. In der schönen neuen digitalen Werbewelt sind künftig Hochleistungsrechner, Algorithmen und Datenpools im Einsatz, um aus dem Menschen einen Konsumenten zu machen.

Dafür werden Interessen erhoben und Wahrscheinlichkeiten für den optimalen Zeitpunkt und Ort der Ansprache errechnet. Wir wissen, wie lange es dauert, bis ein Mensch im Netz eine Bluse oder einen Schuh kauft. Wir können über statistische Modelle ziemlich zuverlässig errechnen, wie oft im Anschluss an einen TV-Spot im Webshop die Kassen klingeln.

Wir bilden digitale Zwillinge (Personas), die den Rückschluss von einem Konsumenten auf das Verhalten eines Noch-Nicht-Konsumenten erlauben. Und die neue Schaltzentrale unseres Lebens ist das Smartphone. Mit ihm werden wir lokalisierbar und über neue Techniken (Beacons) auch ansprechbar. Neue Wearables erfassen außerdem nicht nur unsere Sportaktivitäten, sondern auch unseren Gesundheitszustand.

Gut, bis jetzt sind das Schlaglichter auf Möglichkeiten, die sich noch nicht flächendeckend durchgesetzt haben. Aber spielen wir das Szenario der schönen neuen Werbewelt, von der Aldous Huxley (alp)geträumt hätte, doch mal durch und ein bißchen weiter. Wie sieht die Werbewelt einer Gesellschaft aus, die hauptsächlich auf Regellogiken zwischen automatisierten Großrechenzentren basiert:

Über Single-Login-Netzwerke (Facebook, Google, Amazon etc.) oder ein ausgefeiltes Cross-Channel/Device-Tracking wird künftig die Nutzung des Web über Smartphone, Tablet, Rechner und sogar Fernsehen hinweg perfekt gemessen. Erhoben werden dabei Verläufe von Kaufprozessen (Customer Journey), das konkrete Nutzungsverhalten, Bewegungsprofile, und vieles mehr. Die Daten aus dem "perfekten" Tracking werden im Hintergrund für Echtzeitbuchungen aufbereitet und über Marktplätze für Real Time Advertising buchbar gemacht. Jeder User erhält nur noch die – dynamisch kreierten – Werbeeinblendungen (mit passender Farbe, Motiv und personalisiertem Slogan), die dem SYSTEM für ihn in seiner aktuellen Phase des Interessens- oder Kaufprozesses sinnvoll erscheinen.

Und er landet künftig auf Webseiten, die speziell auf sein Alter, Geschlecht und Interesse zugeschnitten sind. Die digitale Werbewelt wird – im wahrsten Sinne des Wortes – vorhersehbar. Wie reagiert der User (bitte aus pc-Gründen auch immer die Userin mitdenken) darauf?

A) Begeistert. Endlich wird einem nur noch das angezeigt, was man wirklich möchte

B) Stoisch. Er kauft einfach und akzeptiert, was das Netz mit ihm macht, so wie er alle AGB-Änderungen seiner Netzwerke und Ecommerce-Plattformen bestätigt, ohne sie auch nur anzulesen.

C) Gelangweilt, weil ihm sowieso nur das eingeblendet und gezeigt wird, für das er sich eh schon interessiert. Neue Impulse aus der großen weiten Warenwelt? Fehlanzeige, denn der Streuverlust im Web bewegt sich ja im 0,irgendwas-Bereich.

D) Genervt und gestalkt, weil das SYSTEM auf unheimliche Art und Weise seine Wünsche und Bedürfnisse kennt? Big Data oder die Nationale Werbeüberwachung (NWÜ) is watching. Deshalb setzt er Adblocker ein, schaltet die Ortungsfunktionen seines Handys aus, verabschiedet sich aus sozialen Netzwerken und versucht, seine digitalen Spuren so gut es geht zu verwischen.

Was meinen Sie, wie hoch der Anteil der Nutzer in den jeweiligen Gruppen ist? Sie dürften auch einen Telefonjoker anrufen! Meine persönliche Prognose: So lange wir in einem demokratischen System leben, wird die (schweigende) Mehrheit der User zu Typ B oder C gehören. Die lautstärkere Minderheit vom Typ D wird ihre Bedenken zu Datensicherheit und ihr berechtigtes Plädoyer für den Datenschutz vortragen. Und alle zusammen ahnen wir, dass alles, was digital vorliegt, irgendwann gehackt werden kann – egal, wie hoch die Sicherheitsvorkehrungen sind.

Verhalten wir uns als Konsumenten nicht generell irgendwie schizophren? Wir verleihen Preise an Edward Snowden, bewundern seinen Mut und interessieren uns gleichzeitig extrem wenig dafür, was mit unseren Daten passiert. Es sei denn, es geht um unser Auto und die Kennzeichenerfassung auf deutschen Autobahnen.

Und wie reagiert die Digitalbranche auf unser bisher nicht besonders eindringlich formuliertes und eher leise gemurmeltes Unbehagen? In der Regel mit Selbstverpflichtungen, die die Politik bisher davon abhalten, härtere gesetzliche Regelungen zu formulieren. Im Einzelfall auch mit scheinbarer Transparenz, wie die Otto Group, die eben mal einen aufbereiteten Einblick in ihr Webtracking Dashboard gewährt.

Jetzt werden die Technik-Skeptiker einwenden: Das Leben ist doch kein Algorithmus und das Konsumentenverhalten bleibt trotz Rechen-Cloud und ausgefeiltester Regellogiken ähnlich rätselhaft wie das Innenleben einer Frauenhandtasche. Dann, ja dann sind der Prediction Society Grenzen gesetzt. Oder das Wissen über Userverhalten hilft auch nicht weiter, wenn gerade kein frei verfügbares Einkommen vorhanden oder alle Wünsche bereits erfüllt sind.

Sollten die Vorhersagen aber eintreffen und in der Prediction Society die gesammelten Daten und aufgesetzten Prozesse wirklich zu einem Mehrumsatz führen, sollte der User, der seine Profildaten freigibt, dann nicht auch an diesem Mehrumsatz beteiligt sein? Liebes Amazon, Facebook und Google: Wie wäre es mit einer 30-prozentigen Beteiligung an den Erlösen, die ihr mit meinen Profildaten erwirtschaftet? Ich fürchte, die Antwort auf diese Forderung ist vorhersehbar.

Christian Faltin ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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