Philipp Wachter | | von Philipp Wachter

Mobilität: Die Autobauer dürfen sich nicht abhängen lassen

Wenn wir künftig im Verkehr unterwegs sind, wer fährt dann unser Auto? Wir selbst oder ein Computer? Google präsentierte in den USA vor kurzem sein Self-Driving Car einer breiteren Öffentlichkeit. Das selbstfahrende Auto orientiert sich mit GPS, Kameras, Sensoren und anhand digitaler Straßendaten. Intern werde noch "intensiv debattiert", ob der beste Weg eine Kooperation mit anderen Autokonzernen oder eher ein Alleingang ist, zitiert Spiegel online Sebastian Thrun, den Vater des Projekts bei Google.

Ähnlich wie Amazons Lieferdrohne ist das selbstfahrende Auto derzeit meiner Meinung nach noch ein PR-Gag oder gezielte Taktik in Richtung Autokonzerne von Google. Zu weit weg von der Marktreife bzw. von strukturellen Gegebenheiten, um relevant für das Business der nächsten Jahre zu sein. Auch die Frage, ob Audi, BMW, Mercedes-Benz oder Google schneller das beste selbstfahrende Automobil produzieren bzw. präsentieren, ist nicht die entscheidende bis 2020. Die viel wichtigeren Fragen lauten: Wer beherrscht künftig die digitalen Datenströme? Wer behält die Datenhoheit und damit die Position auf dem Fahrersitz? Täglich fallen Tausende von wertvollen Daten an, die für Mobilitätskonzepte und –services, die mit der bestehenden automobilen Infrastruktur nutzbar wären (also den bisherigen Straßen und Autos). Sie ermöglichen demjenigen, der sie auswertet, ganz neue Geschäftsmodelle mit und für den Kunden.

"Das Auto ist der ultimative mobile Computer", sagte Audi-Chef Rupert Stadler im Januar auf der größten Messe für Unterhaltungselektronik, der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas. Da hat er grundsätzlich recht. Aber welche Konsequenzen soll die Autoindustrie aus dieser Erkenntnis ziehen? Sie sollte in intelligente Datenerhebung, -verknüpfung und –aufbereitung investieren und die Hoheit darüber nicht den Internetkonzernen überlassen. Nur wer den Nutzer bzw. Kunden und sein Verhalten kennt, wird zukünftig das Produkt "Mobilität" ideal vermarkten können.

Daten: Der Treibstoff für digitalen Wandel in der Autobranche

Denn für die Automobil-Hersteller bahnen sich in den kommenden Jahren große Veränderungen an, der digitale Wandel naht mit Macht. Und dabei geht es auch um neue Mobilitätskonzepte, vor allem aber um Kundenbeziehungen und die dafür zu Grunde liegenden Informationen. Denn den Großteil ihrer Erlöse erzielen viele Hersteller schon nicht mehr durch den alleinigen Handel mit Autos, sondern mit angegliederten Dienstleistungen. Heute verdienen die Autobauer vor allem bei Finanzierung und Leasing, Versicherungen, Werkstattleistungen sowie Teileverkauf - dem sogenannten After Market Sales-Bereich. Genau diese Geschäftsmodelle erfahren ihre Wertschöpfung durch die tiefe Kenntnis von Kundensituationen und -verhalten.

Daten sind dabei der Treibstoff des digitalen Wandels im Automobilsektor. Schon jetzt fallen in einem handelsüblichen Neuwagen jede Menge davon an. In den Steuerungselementen des Motors, im Bordcomputer, in den Navigations- oder Multimediasystemen sowie in den Niederlassungen und Autohäusern der Hersteller. Wer diese Daten erhebt, physisch "besitzen" darf und diese Informationen richtig aggregiert, kombiniert und analysiert, macht in Zukunft das Geschäft. Nur zwei Beispiele: Wer weiß, wie oft sein Kunde wohin und wie weit fährt und wie schnell und risikoreich oder -arm, kann die besten, weil individuellsten Versicherungstarife kalkulieren. Und wer die Wege, das Fahrverhalten und den letzten Werkstattbesuch seiner Kunden kennt, kann ihn im Bedarfsfall darauf aufmerksam machen, dass in etwa 500 Kilometern die Bremsscheiben ausgewechselt werden sollten. Kombinieren könnte man das z.B. mit dem Angebot einer naheliegenden Vertragswerkstätte, zu der einen das Navi selbstverständlich hinleitet –  ein automatischer Kalendereintrag zur Terminplanung im Smartphone inklusive

Das ist keine Designstudie, das sind realistische Szenarien für die kommenden Jahre. Auch deshalb investieren große Internetkonzerne wie Google, Apple oder Intel in diesen Bereich und versuchen selbst, sich über clevere Lösungen die Datenhoheit zu sichern.

Große Internetkonzerne übernehmen das Steuer

Zwei Praxisbeispiele zusätzlich zum selbstfahrenden Auto von Google: Mit der iPhone-Autointegration „CarPlay“ will Apple künftig zum zweiten Bordcomputer aufsteigen: Die Benutzeroberfläche soll Autofahrer sicher durch den Verkehr führen und via Siri über Spracherkennung mit dem Fahrer kommunizieren. Alle Entertainment-Angebote inklusive. Die Funktion soll noch 2014 mit Fahrzeugen von Mercedes-Benz, Volvo und Hyundai ausgeliefert werden, aber Apple ist sich angeblich auch mit anderen führenden Herstellern bereits einig. Übernimmt Apple den Bordcomputer bzw. etabliert sich das iOs als zweites Betriebssystem, dann landen die relevanten Daten künftig nicht mehr bei den Herstellern sondern in Cupertino. Damit sitzt Apple zumindest schon mal auf dem Beifahrersitz.

Autokonzerne müssen die Daten- und Endkundenkompetenz zurückerobern

In eine ähnliche Richtung denkt der Chiphersteller Intel. Das Unternehmen hat eine Plattform entwickelt, die sowohl informieren als auch unterhalten soll. „Kendrick Peak“, so der Name, stammt aus einem Intel-Labor für digitale Lösungen im Auto. Ein Computer kann auf mehreren Bildschirmen unterschiedliche Inhalte wie etwa die Navigation für den Fahrer und Videos für den Beifahrer anzeigen. In einem weiteren Schritt soll das System Autos sogar dazu bringen, sich zu „unterhalten“. Intels Ziel ist nämlich ein System, das automatisch den optimalen Abstand zu den anderen Autos berechnet und Staus vermeidet. Per Datenübertragung „stimmen“ sich die Fahrzeuge ab.

Die Beispiele der großen Internetplayer zeigen, eigentlich ist es Zeit für die Position eines Chief Data Officer bei den Automobil-Produzenten. Wer die Schnittstellen zu entscheidenden Daten an Apple, Google & Co. outsourct, verschenkt einen immensen Schatz an Informationen und damit potenziellen Verkaufsanlässen und Kundenbeziehungen. Die Branche sollte reagieren. Sonst sitzen bald nicht mehr Hersteller wie BMW, Mercedes und VW am Steuer, sondern Google, Apple und Intel. Der Kunde bzw. Fahrer wird so oder so von der Entwicklung profitieren, unabhängig davon, welche Konzernmarke das Rennen macht.

Philipp Wachter ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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