Kommentar "Casual Friday" | | von Tobias Weidemann

Microsoft: Vorwärts, wir müssen zurück!

In Redmond brennt die Hütte. „A rechte Watschn“ würde man das in Bayern nennen, was die Kunden Microsoft mit Windows 8 verpasst haben. Die Financial Times bezeichnet es als „eines der größten Eingeständnisse von Unternehmensversagen seit New Coke vor 30 Jahren“: Microsofts Marketingchefin Tammy Reller hat diese Woche angekündigt, dass bereits im Laufe des Sommers die überarbeitete Version „Blue“ von Windows 8 auf den Markt kommen soll, bei der „diverse wichtige Elemente“ an die Wünsche der Nutzer angepasst werden. Was das genau sein wird, ob der Nutzer die Kacheloptik gänzlich deaktivieren kann und ob der Start-Button zurück kommt, ließ Reller offen. Klar ist aber, dass Microsoft offenbar von allen Seiten Druck bekommen hat – von Kunden, Analysten und Hardwareherstellern. Denn zumindest hinter vorgehaltener Hand hört man von vielen Herstellern, dass man mit dem Absatz von Windows-8- und erst recht Windows-RT-Geräten alles andere als zufrieden sein kann. Dass man Microsoft die sinkenden PC-Absatzzahlen vorhält, wie zahlreiche Journalisten dies nach Verkündung schlechter Zahlen durch die Marktforscher von IDC taten, ist allerdings auch etwas übertrieben. Man kann das Rad nicht mehr zurückdrehen, man muss eben nicht mehr alle drei Jahre einen neuen PC kaufen wie früher und für viele Nutzer reicht das Tablet zum Surfen, Filme schauen und Bilder bearbeiten.

Marketingfachleute und Produktmanager können von Microsofts Produkt-GAU eine Menge lernen. Zum einen lassen sich Produkte nicht am Nutzer vorbeiplanen, auch wenn sie noch so durchdacht sein mögen (was sie im Falle der Kacheloptik aber definitiv nicht sind). Das ist umso bedauerlicher, da einzelne Elemente der Phone-Variante von Windows durchaus bei Einführung innovativ waren und mal eben nicht abgekupfert von (zumeist) Apple oder (manchmal) Android. Gut kopiert ist eben doch manchmal besser als erklärungsbedürftig selbst erfunden – das beweisen Libre Office und die neue Version von Ubuntu Linux.

Außerdem bekommt man einfach nicht zwei gänzlich unterschiedliche Welten – Desktop und Mobile – unter einen Hut, auch wenn das aus Sicht der Produkt- und App-Entwickler wünschenswert wäre. Es ist schon schwierig genug, Apps und Services zu entwickeln, die in ihren Grundfunktionen für Tablets und Smartphones gleichermaßen geeignet sind. Der Markt für mobile Anwendungen und Betriebssysteme ist diffizil genug und eine Mobile Site ist eben gerade nicht die geschrumpfte Web-Variante.  Zudem ist es geradezu fahrlässig, bei einem Betriebssystem für Desktop-PCs dem Nutzer die Touchscreen-Bedienung aufzwingen zu wollen – bei einer Hardwareunterstützung im einstelligen Prozentbereich.

Der Fall zeigt aber auch, was man von den Marktzahlen halten muss, die Unternehmen in die Welt posaunen. So sollen bislang rund 100 Millionen Lizenzen an den User gebracht worden sein. Bei Preisen ab 15 Euro kann man wohl eher von verschleudert sprechen – denn 40 Prozent davon waren bereits im ersten Monat abgesetzt worden. Wer die eigentlich nutzt – unklar. Denn viele Unternehmen setzen aus Kompatibilitätsgründen gar noch auf XP oder planen erst die Einführung von Windows 7. Und in vielen Foren liest man eher, wie man diverse Eigenmächtigkeiten von Windows 8 wieder los wird, etwa welche Freeware den gewohnten Startbutton zurückbringt. 

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Es ist mal wieder „Casual Friday“, der Freitag, an dem die neue Ausgabe von LEAD digital in die Druckerei gegangen ist und an der Sie sich auf das neue Heft in der kommenden Woche freuen können (noch kein Abo? Dann hier entlang). In und am „Casual Friday“ kommentiert die LEAD-digital-Redaktion ab sofort jeweils ein aktuelles Thema.

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