Gastbeitrag: Sven Weisbrich | | von Annette Mattgey

Mehr als nur Klassentreffen und Verkaufs-Show: Was der Dmexco fehlt

Die Dmexco ist eine Erfolgsgeschichte: Aus dem einstigen Klassentreffen für Insider ist ein internationaler Branchen-Treffpunkt geworden. Doch wenn man wirklich das Herz der digitalen Welt schlagen hören will, muss die Messe sich für neue Themen jenseits von Technik und Geschäft öffnen. Das fordert Sven Weisbrich,  CEO der Media- und Marketingagentur Universal McCann, in seinem Gastbeitrag für LEAD digital.

Geschichten aus den Anfängen des Online-Marketings hören sich an, als seien sie aus einer fernen Vergangenheit. Etwa so: Ich sitze vor meinem Röhrenbildschirm und lege den Hörer des nicht-schnurlosen Telefons auf, nachdem ich erfolgreich eine Sonderplatzierung mit dem Verkaufsteam besprochen habe. Es geht um ein animiertes Gif (468x60), für einen Monat in Rotation auf der Startseite. Das Banner ist eigentlich mit 16 kb viel zu "schwer", aber die Kollegen in Gütersloh sind Kummer gewöhnt. Noch schnell das Fax ausdrucken und buchen. Da fällt mir auf dem papierenen Poststapel etwas ins Auge: Eine persönliche Einladung zur OMD, der Online Marketing Düsseldorf. Noch nie davon gehört, aber dank Altavista erfahre ich schnell: Es ist eine neue Messe, bei der es nur um Online-Marketing geht. Natürlich muss ich dabei sein und melde mich an.

Das war das Jahr 1999, als das Internet langsam Einzug in die Marketingwelt hielt. Die OMD war der Anlaufpunkt für die Pioniere. In Jeans und Shirt traf man sich mit 900 anderen Digital-Sonderlingen an den Düsseldorfer Rheinterrassen. Es war ein Klassentreffen: Man sah Agentur-Kollegen und Vermarkter, die man nur vom Telefon kannte, und diskutierte neue Werbeformen aus den USA, wie PopUnders oder Interstitials (von Flashlayern war noch lange nicht die Rede).

Das Klassentreffen wurde Ritual: Einmal im Jahr ging es nach Düsseldorf. Die Halle wurde von Mal zu Mal voller, wie die OMD-Party. Die wahren Feste feierten wir allerdings abends an den Ständen. Dann wurde aus der OMD die Dmexco, aus Düsseldorf wurde Köln und aus einem Insider-Treffen die Leitmesse für Digitales Marketing. In diesem Jahr werden 30.000 Menschen erwartet.

Die heutige Dmexco ist ein großartiger Event: Nirgendwo sonst findet man so viele Marketing-Entscheider auf einem Fleck. Heute nutzen wir sie, um mit unseren Kunden zu sprechen. Hinzu kommen die Kollegen aus dem Network: Auch für die Top-Leute aus New York und London ist die Reise nach Köln selbstverständlich.

Aus dem Insider-Meeting ist ein Mega-Business-Event geworden. Doch fehlt was. Die Kreativen haben sich mit der Dmexco nie richtig anfreunden können. Und man vergisst, dass das Internet nicht nur aus Werbung besteht. Die Messe könnte viel mehr sein als eine Verkaufs-Show. Auf ihr könnte man das Herz des digitalen Lebens schlagen hören. Dazu muss sie sich aber neuen Themen öffnen.

Dafür gibt es Vorbilder: Die SXSW ist ein riesiges Event in Austin Texas, auf dem sich sowohl kreative Köpfe und Geschäftsleute aus Musik, Film und Internet treffen. Es gibt nicht nur Messestände und Keynotes, sondern auch Konzerte, Film-Screening und Workshops. Hier wird klar, dass digitaler Lifestyle etwas mit Kultur und Content zu tun hat und nicht nur mit Targeting, Technologie und Realtime Bidding. Das Spektrum könnte auch in Köln breiter sein: Digitale Produkte, Content, Wearables, Entertainment, Games, Blogging, elektronische Musik, interaktive Kunst, soziale Verantwortung und vieles mehr...

Die digitale Welt verändert sich rasant, deshalb sollten wir über die Zukunft nachdenken. Auch das passiert auf der Dmexco zu wenig. Trotz hochkarätiger Keynote-Speaker mangelt es an Visionären, die begeistern und inspirieren. Stattdessen: Panels und Verkaufs-Präsentationen über Werbevermarktung oder E-Commerce. Schauen Sie sich im Gegensatz dazu die Talks auf den TED-Konferenzen an. Warum gibt es auf der Dmexco nicht auch Vorträge mit einem ähnlich breiten Spektrum? Der Branche würde ein Blick über den Tellerrand gut tun.

Mein Wunsch an die Dmexco: Nach dem sie sich vom Klassentreffen zum Branchen-Treffpunkt gemausert hat, muss sie jetzt ihren Horizont nochmals erweitern. Auf Digital-Kultur und gesellschaftlich relevante Themen. Die Gründer von Google und Facebook hatten zum Start noch gar kein Marketing im Sinn. Wenn wir die Zuckerbergs der Zukunft kennenlernen wollen, muss die Dmexco kühle Geschäftsleute UND kreative Köpfe anziehen.

Wir sehen uns in Köln. Vielleicht in Jeans und T-Shirt?

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