Christian Faltin | | von Christian Faltin

Macht der Computer vom Dienst uns alle überflüssig?

In zehn Jahren gibt es mich nicht mehr. Also nicht mich als Person (hoffe ich), sondern mich als Kommunikationsberater. Weil: Pressemitteilungen, Gastbeiträge und ähnliche buchstabengefütterte Erzeugnisse schreibt dann der CvD, der Computer vom Dienst. Bevor Sie jetzt jubelnd aufspringen liebe Journalisten (endlich erwischt es diese blö… PRler), sie erwischt es (vielleicht) auch. Keine Etatmeldung mehr "Kunde X entscheidet sich für Agentur Y", kein Börsenbericht mehr à la "Firma X steigert Quartalsumsatz um 15 Prozent" und auch kein Sportbericht mehr "Werder schlägt Bayern 2:1" (gut, manchmal macht der Computer noch Fehler), die noch aus menschlicher Hand kommt. An der Tastatur sitzt künftig der Algorithmus.

Totaler Quatsch, sagen Sie? Na ja, sag ich! Früher hat Ihnen als Autofahrer (meist oder hoffentlich) der/die Beifahrer/in mit dem Stadtplan oder der Landkarte den Weg zum unbekannten Ziel gewiesen. Heute kombiniert die Software im Navi die verschiedensten Wortbausteine in Bruchteilen von Sekunden so, dass am Ende flüssig der Satz "in 400 Metern im Kreisverkehr die zweite Abzweigung nach rechts nehmen" herauskommt. Das ist eine Automatisierung des gesprochenen Wortes, über die sich in unserer Gesellschaft niemand mehr wundert. Warum soll das nicht auch für geschriebene Worte gelingen?

Die Nachrichtenagentur AP hat Anfang Juli bekannt gegeben, dass ihre kurzen Quartalsberichte künftig aus dem Computer kommen. Lou Ferrara, Managing Editor von AP, hat in einem Blogbeitrag berichtet, dass mit der neuen Lösung bis zu 4400 automatisierte statt 300 bisher manuell von Journalisten geschriebene Quartalsreports-Geschichten (die 150 bis 300 Wörter umfassen) erstellt werden können. AP setzt dabei auf Technologie der Firma Automated Insights und füttert diese zusätzlich mit Daten eines Investment Research-Unternehmens. Auch im Sportjournalismus, besonders in unteren Ligen, gibt es bereits Beispiele aus den USA wie aus Spieldaten automatisiert Spielberichte erstellt werden.

Was kann intelligente Textsoftware gut: Aus standardisierten Daten (z.B. Wahl- oder Spielergebnissen, Unternehmenszahlen, Börsenkursen o.ä.) mit variablen Textbausteinen Berichte erstellen, die eine geringe Komplexität aufweisen und hauptsächlich Ergebnisse bzw. Zahlen wiedergeben. Was kann die Software heute noch nicht: Ironie, Satire, Kommentar, Meinung, Einordnung, Bewertung – kurzum so ziemlich alles, was zur Meinungsbildung beiträgt und was eigentlich die Grundlage des Journalismus sein sollte. Jetzt ist der Journalismus derzeit finanziell sowieso nicht gerade auf Rosen gebettet und dann kommt auch noch Kollege Roboter ums Eck?! AP-Chef Ferrara hat Bedenken entgegnet, dass die Texterstellungs-Software bei AP Jobs kostet: Stattdessen sollten sich die AP-Journalisten stärker darauf konzentrieren, die Quartalszahlen inhaltlich einzuordnen sowie übergreifende Trends und Exklusivstories finden.

Liebe Journalisten, Standardtext schreibt in nicht allzuferner Zeit Kollege Computer. Und liebe PRler: Die 08/15-Pressemitteilungen wahrscheinlich auch. Nur: Journalismus und Kommunikation bestehen – gerade im Netz – hoffentlich aus viel mehr Elementen als standardisierbaren Texten: aus Videos, Bildern, Infografiken, Querlinks und vor allem aus so analytisch aufbereiteten oder so brilliant formulierten Texten, dass der Computer vom Dienst noch mindestens drei Software-Releases hinterherhängt. Ich glaube, ich konzipiere jetzt als erstes mal eine Seminarreihe zum Thema "Nicht vom Algorithmus zu kopierendes Schreiben". Oder noch besser: Ein Software-Update für Pressemitteilungen, die automatisch von Medien veröffentlicht werden, weil der Chef vom Dienst- alias Computer vom Dienst-Algorithmus des Mediums die Inhalte der automatisiert erstellten Meldung als relevant klassifiziert und automatisch publiziert. Willkommen in der schönen neuen Botsworld!

Christian Faltin ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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