Wochenrückblick | | von Irmela Schwab

Leere Städte, volles Netz: Das Leben findet digital(er) statt

Wer seine Hausaufgaben macht, ist - so banal es auch klingt - im Vorteil: Konsequent hat Außenwerber Ströer in die Digitalisierung seiner Klebe-Plakate investiert. Und bekommt nun diesen schönen Blumenstrauß überreicht, quasi stellvertretend für die gesamte Gattung: Nielsen misst 7,1 Prozent mehr Bruttowerbe-Umsatz für Out of Home: Lange Jahre auf niedrigem Niveau stagnierend hat die Gattung jetzt sogar Radio überholt. Nach Prozenten siegt indes erneut Mobile: Mehr als doppelt so viel Bruttoumsatz wie im Vorjahreszeitraum erzielen die Unternehmen und Vermarkter mit mobilen Kampagnen.

Die Digitalisierung aller Lebensbereiche hat Konsequenzen für die alte Lebenswelt. So traurig das auch sein mag. Im Münchner Stadtviertel Haidhausen, bekannt für seine Flanierstraßen mit kleinen Läden und edlen Boutiquen, bangen Händler um ihre Existenz: "Erst wenn der letzte Laden verschwunden ist ... werdet ihr feststellen, dass online shoppen doch gar nicht so toll war”, mahnen Aufkleber in den Schaufenstern. Der Absender ist die Händler-Initiative Buy local, zu der sich vor anderthalb Jahren 40 Händler aus Haidhausen zusammen. Sie verhüllten nach dem samstäglichen Ladenschluss ihre Schaufenster, um auf die Übermacht der Online-Händler und Shopping-Malls hinzuweisen. Und auf die Folgen für die Stadtviertel, wenn Kunden lieber anonym im Internet einkaufen als im Laden vor der eigenen Haustür.

Des einen Leid, des anderen Freud: Wie Peter Betzel, Geschäftsführer von Ikea Deutschland, am Mittwoch im hessischen Hofheim verkündete, hat der schwedische Möbelhändler seinen Wachstumskurs in Deutschland fortgesetzt. Auch dank eines stärkeren Online-Geschäfts: Der Online-Anteil am 4,35 Milliarden Euro-Gesamtumsatz ist zwar noch klein, legt aber kräftig zu: um 30,6 Prozent auf knapp 190 Millionen Euro.

Eines muss man fairerweise dazu sagen: Es ist nicht alles Gold, was digital glänzt.  So berichtet Zalando von einem bereinigten Verlust vor Zinsen und Steuern (EBIT) von 18 bis 32 Millionen Euro. Gründe dafür sind nicht nur aggressive Wachstumsinvestitionen, sondern auch Betrugsfälle. Vielleicht liegt es auch an der hohen Retouren-Quoten: Nicht alles, was Online-Shopper bestellen, gefällt ihnen am Ende auch. W&V-Redakteurin Frauke Schobelt singt ein Lied davon.

Doch gibt es noch ein weiterer Beleg dafür, dass die digitale Sphäre mit weiterem echten Leben angereichert wird: Nachdem Facebook angekündigt hat, neben dem klassischen Daumen endlich auch Emojis zur Verfügung zu stellen - damit man auch bei traurigen Anlässen passend kommentieren kann - kam Flirtmoji mit der frohen Kunde: Auch Vaginas haben Gefühle, yes Sir! Und das selbstverständlich auch beim Flirten im Netz. Daher hat das Startup nun 15 verschiedene Vaginas gelauncht, um das Flirten zu erleichtern. Daumen hoch! Ein digital-emotionales Bravourstück. Ohne Worte.

Leere Städte, volles Netz: Das Leben findet digital(er) statt

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