Stephan Ritter, Sapient Razorfish.
Stephan Ritter, Sapient Razorfish. © Foto:Sapient Razorfish

Dreamforce-Konferenz | | von Annette Mattgey

"Kundenzentrische Transformation ist DAS Thema weltweit"

Geschwindigkeit und Willensstärke - das sind die Eigenschaften, die Stephan Ritter, Senior Client Partner und Head of Client Services bei Sapient Razorfish, am stärksten an Salesforce beeindrucken. Neue Kooperationen und Best Cases nimmt er von der diesjährigen Dreamforce-Konferenz mit nach Deutschland. Mit über 170.000 Besuchern ist sie inzwischen die weltweit größte Tech-Konferenz eines einzelnen Herstellers. 2017 fand sie bereits in der 15. Auflage in San Francisco statt. Stephan Ritter war dieses Jahr zum zweiten Mal mit dabei und musste sich ob der Fülle interessanter Programmpunkte auf einige wenige Veranstaltungen beschränken – die Wahl fiel ihm bei über 3.200 angebotenen Sessions wahrlich nicht leicht. Von seinen Erfahrungen und Highlights berichtet er im Interview.

S.Ritter

Für wen ist die Konferenz sinnvoll? Welche Inspirationen bekommen Besucher dort im Vergleich zur SXSW, wo seit neuestem ja auch gerne Deutsche hinfahren?

Da sich alles um das Salesforce-Ökosystem dreht, ist die primäre Zielgruppe aus DACH die der CDOs, CIOs und CMOs – und alle, die vor den Herausforderungen einer echten digitalen Business Transformation stehen. Praktisch bedeutet dies, dass sich viele Diskussionen darum drehen, wie sich Unternehmen aus starren IT-Umklammerungen und Cloud-Architekturen lösen können, welche organisatorischen Implikationen mit der Digitalisierung entstehen und wie die nächste Generation kundenzentrischer Lösungen aussehen wird. Dieser Fokus ist sehr Business-getrieben, Inspiration bedeutet hier vor allem, Best-Practices anderer Unternehmen kennenzulernen und sich direkt mit den Akteuren austauschen zu können. Inspirierend ist für viele deutsche Unternehmen – wie so oft – die amerikanische Begeisterung, mit der alle Beteiligten das entstehende digitale Ökosystem und alle Neuerungen feiern.

Das Besondere an der Dreamforce ist die kompromisslos professionelle Ausrichtung eines Mega-Events, das sich trotzdem als "Family Reunion" versteht. San Francisco ist für eine Woche 'Salesforce-City'. Michelle Obama, Natalie Portman und IBM-CEO Gina Rometty sprachen zum Thema Equality. Als 'Hauskapelle' fungierten in den letzten Jahren Bands wie Foo Fighters, U2 oder die Red Hot Chili Peppers – dieses Jahr wurde im Giants Stadion mit Lenny Kravitz und Alicia Keys gefeiert. All-inclusive versteht sich. Inhaltlich gelingt es, alle – vom Systemadministrator bis zum CEO – auf extrem hohen Level mit einem Mix aus Vorträgen, Case-Studies, Product-Keynotes und Networking-Events zu begeistern.

Welche Innovationen haben Sie in diesem Jahr am stärksten beeindruckt? Warum?

1. Neue Partnerschaften: Für viel Furore sorgte die Ankündigung der weitreichenden strategischen Partnerschaft zwischen Salesforce und dem zweiten "Silicon Valley Lovechild" Google. Neben 'Analytics 360' und der Salesforce-Nutzung der Google Cloud-Infrastruktur darf man die "G Suite"-Integration durchaus als Kampfansage an Microsoft Office verstehen. Dass Google den Salesforce-Kunden die "G Suite"-Lizenzen für ein Jahr kostenlos zur Verfügung stellt, begeistert so manchen Umsteigewilligen.

Neben der Hauptankündigung verblassten leider zwei weitere wichtige Themen: Zum einen die Integration von Sitecore in das Salesforce-Ökosystem. Lange wurde gerätselt, wie Salesforce die CMS-Lücke schließen wird. Auf der DF17 (Dreamforce 2017) wurde nun die Partnerschaft und Integration mit Sitecore angekündigt – eine Riesenüberraschung. Wie man munkeln hört, auch für sämtliche Sitecore-Mitarbeiter.

Zum anderen die Addition von Thunderhead, einer kaum bekannte Customer-Journey-Orchestrierungs-Lösung aus London. Sie erweitert als Customer-Journey-Echtzeit-UI primär die Marketing-Cloud, wird aber besonders interessant als Bindeglied zu den anderen Cloud-Systemen von Salesforce. Auch wenn in der kurzen Ankündigung keine Details genannt oder gezeigt wurden, erste Thunderhead-UI-Integrationen konnten bereits in weiteren Produkt-Keynotes ausgemacht werden. Die Resonanz war gigantisch, die Begeisterung beim Team und dem deutschen Integrations-Pilotkunden EnBW groß.

2. AI ist ubiquitär: Einstein, die Salesforce-AI-Engine, die mittlerweile mit IBM's Watson kollaboriert, hat Einzug gehalten in alle Produkte und dient vielfach als Bindeglied zwischen häufig noch isolierten Cloudanwendungen. Bessere Service-Reaktionsfähigkeit, mehr Effizienz in den Verkaufsinteraktionen und intelligente Insights aus dem konsolidierten Unternehmensdatenpool stehen bei der KI im Vordergrund. Bemerkenswerte Neuerung in diesem Jahr: "MyEinstein" erlaubt das Erstellen von AI-Apps und Bots per Click. Und das ohne Programmier-Kenntnisse.

Beindruckend sind für mich diese Innovationen primär, weil sie genau das zu erfüllen scheinen, wonach der Markt verlangt. Alle nächsten Schritte für Ökosysteme sind beeindruckend durchdacht und ehrgeizig konzipiert, das Potenzial der Erweiterungen weckt Phantasien. Hier wird im Gegensatz zu anderen Anbietern, die teilweise noch immer mit ihren Produkt-Versprechen der letzten zwei Jahre kämpfen, eine Geschwindigkeit und Willensstärke an den Tag gelegt, die vielen den Atem raubt. Und damit steigt natürlich die Begehrlichkeit, Teil dieser Pace-Maschine zu werden.

Welche Bedeutung wird das künftig für den deutschen Markt haben?

Kundenzentrische Transformation ist DAS Thema weltweit. Interessanterweise ist in vielen Bereichen der Vorsprung der amerikanischen Unternehmen im Digitalen stark geschrumpft, wenn nicht gar verschwunden. Früher sprach man von einem Vorsprung von zwei bis drei Jahren und rieb sich die Augen angesichts amerikanischer Cases. Für den neuen Partner Thunderhead präsentierten sich auf der DF17 dieses Jahr zwei deutsche Unternehmen als Vorreiter – EnBW mit ihrer Marke Yello und Adidas. Beide zeigten eindrucksvolle Cases und stellten ihre neue, kompromisslose Customer-Journey-Ausrichtung dem Publikum vor. Zudem tätigte Adidas-CEO Kasper Rorsted in einer gemeinsamen Keynote mit Salesforce-Chef Marc Benioff zwei kernige Aussagen: "Adidas' most important store is .COM. Our system of engagement Salesforce".

Ich glaube, dass hier aktuell die "Leapfrog"-Stärke deutscher Unternehmer durchkommt: Nicht beim ersten Trend und Digitalisierungsgeschrei aufspringen, sondern jetzt bei gegebener Produktreife von der vollen Beschleunigungskraft der Cloud-Technologien plus AI profitieren. Hier spielt auch das europäische Recht eine wichtige Rolle, das Unternehmen im Umgang mit Kundendaten stärkt und endlich Verlässlichkeit bietet. 

Wo wird die Entwicklung hingehen?

Diese Entwicklungen und Trends zeigen eine klare Richtung, die sich mit einem Benioff-Zitat zusammenfassen lässt: "Everyone and every thing is connected." Hier will Salesforce mit einem offenen und sich stetig weiterentwickelnden Ökosystem Maßstäbe setzen und sich als Nummer eins positionieren, um künftig andere Plattformen und statische OnPremise-Lösungen abzulösen, die in allen Branchen als zu starr empfunden werden.

Stephan Ritter ist Senior Client Partner und Head of Client Services bei Sapient Razorfish für Kontinentaleuropa und verfügt über langjährige Expertise in den Feldern E-Commerce, digitales Marketing sowie Customer Experience. Vor seinem Wechsel im Jahr 2014 war er als Geschäftsführer der zu Fischer Appelt gehörenden Digitalagentur Fork Unstable Media tätig.

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