Eric Kubitz | | von Annette Mattgey

Jüngste Google-Änderungen "nicht viel mehr als eine PR-Aktion"

Google hat mit seiner jüngsten Datenschutz-Änderung den Nutzern mehr Macht gegeben, das Ausspielen individualisierter Werbung zu blockieren. Schlechte Zeiten also für die Onlinewerbung? LEAD digital-Blogger und SEO-Experte Eric Kubitz sieht dahinter nicht viel mehr als eine PR-Aktion. Denn wer sich damit nicht ausführlich beschäftigt, verliert schnell die Lust.

Googles Strategie scheint so, als ob das Unternehmen mal mehr für die Nutzer, mal mehr für seine Werbekunden tut. Wie schätzen Sie die aktuellen Änderungen hier ein?

Ich glaube nicht, dass sich Google entscheiden muss. Vielmehr muss der Konzern beide Gruppen gleichermaßen gut behandeln. Denn ohne Nutzer gibt es niemanden, dem die Werbung gezeigt werden kann. Und ohne Werbekunden geht Google schlicht pleite. Deshalb bewegt sich Google mal mehr und mal weniger elegant auf diesem schmalen Grat. 

Die aktuellen Änderungen sind meiner Meinung nach nicht viel mehr als eine PR-Aktion. Vieles davon ging eh schon, nur eben sehr verstreut. Dass dies nun „auf einen Blick“ ist, wie Google selbst schreibt, ist ein Euphemismus. Nicht nur, weil Google das Ausschalten von Informationen für die Werbung nicht unbedingt einfach machen will - sondern auch, weil das ein extrem komplexes Thema ist. Machen wir uns nichts vor: Wer sich damit nicht ausführlich beschäftigt, klickt doch eh nur ein bisschen hin und her und verliert dann die Lust. 

Das weiß auch Google. Man kann dem Konzern immerhin zugute halten, dass sie diese so öffentlichkeitswirksam machen und somit den Umgang damit fördern.  

Wie stark werden die Nutzer die Datensammelei blockieren?

Obacht: Wenn ich den Button "Interessenbezogene Werbung bei Google / im Web deaktivieren" klicke, blockiere ich nicht die Datensammelei sondern deren Verwertung für die Werbung. Das ist ein großer Unterschied; Google weiß trotzdem noch Bescheid. Nur passt die Werbung nicht mehr zum Nutzerverhalten. Und wenn etwa eine staatliche Stelle bei Google nachguckt, findet sie auch weiterhin alle Daten. Du kannst zwar auch diese Daten löschen, aber an einer anderen Stelle. Das wäre mal eine schöne Aufgabe für einen Internet-Führerschein: Wo löschst du den Verlauf in Google Maps? Das schafft sicher nicht jeder...

Dementsprechend schätze ich die Nutzerreaktionen ein: Eine harte Gruppe von Usern wird sich durch klicken und alles ausschalten. Die meisten werden sich das aber sparen - und das werden mehr sein, als die User die KEINEN AdBlocker installiert haben, denn dieser ist ja manchmal voreingestellt. Und eine sicherlich signifikante Gruppe von Usern wird die userbezogene Werbung nach einer Weile wieder einschalten. Denn ich denke, dass wir von der Menge der Werbung genervt sind - und nicht davon, dass sie zu uns passt. Und eigentlich ist es doch besser, ich bekomme Anzeigen die zu mir passen als ungezielte Werbebanner. 

Ich behaupte also - wie schon beim so genannten „Mobilegeddon", dass die Auswirkungen sehr gering sein werden.  

Welche Art von Online-Werbung wird jetzt schwieriger?

Das ist gar nicht so leicht zu sagen. Denn sehr viel Retargeting läuft ja nicht über Google-Server sondern über Cookies und andere Vermarkter. Dagegen ist das Google-Retargeting manchmal ja richtig gut - weil es eher unauffällig und tatsächlich passend ist. Was macht es für einen Sinn, wenn ich nach einem Kauf eines Kamera-Objektives noch wochenlang Werbung für eben dieses Kamera-Objektiv bekomme? Und das ist halt heute noch oft die Realität. 

Ich bleibe dabei: Die Auswirkungen werden nicht sonderlich groß sein und schwerer wird es für die Branche dadurch kaum. Also keep cool! Ich wünsche mir aber, dass es sich viele Werbetreibende von selbst schwerer machen und intensiver darüber nachdenken, wie Retargeting eigentlich aussehen kann, wann und wo es Sinn macht. Denn wenn es clever und gut gemacht ist, wird sich ja auch keiner darüber beschweren.    

Aus Ihrer Sicht hat Google also alles richtig gemacht? 

Wie schon beim "Mobilegeddon" kann man Google auch für diese PR-Aktion danken. Denn mit so etwas schärft der Konzern den Blick von Werbungtreibenden, Webseitenbetreiber und Usern. Es war höchste Zeit, dass sich die Webagenturen um bessere Seiten fürs iPhone kümmern. Und es ist sicher kein Fehler, wenn nicht allzu unüberlegt und plump mit dem Retargeting herum gespielt wird. 

Nun, man könnte fast denken, Google möchte das Internet tatsächlich besser machen...

Noch ein Tipp für Agenturen und Werbungtreibende?

Wie schon gesagt: Überlegt Euch, wofür ihr Benutzerdaten so verwenden könnt, dass es für die User wirklich passt und nützlich ist. Nicht einfach machen, sondern sensibel und vor allem clever damit umgehen. Dann muss man darüber auch nicht mehr gesellschaftlich diskutieren, sondern Ihr spürt das lediglich durch gut gefüllte Warenkörbe. 

Eric Kubitz ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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