Jan Thomas im Interview | | von Mike Schnoor

"Investoren zu kurzfristig, zu gierig, zu gleichgetaktet"

Wie man ein neues Projekt vom Start weg zum Erfolg führt, hat Jan Thomas, Herausgeber des kostenlosen Print-Magazins „the Hundert – Standpunkte zur Online-Hauptstadt Berlin“, bewiesen. Investoren spielen seiner Meinung nach die unwichtigste Rolle in der Wertschöpfunkskette. Im Interview mit Mike Schnoor spricht er über die Distanz der Politiker zum #Neuland Internet und den irrationalen Wunsch nach Cat-Content.

Die Startup-Szene findet nur wenig Gehör in den etablierten Medien und wird erst seit kurzem auf der politischen Bühne wahrgenommen. Was muss die digitale Branche unternehmen, um stärker von Meinungsmachern, politischen Entscheidern und natürlich von den Nutzern wahrgenommen zu werden?

Ich finde es auch merkwürdig, dass die Start-up-Branche vermeintlich wenig Aufmerksamkeit bekommt. Das mag an mehreren Faktoren liegen. Zum einen, da die Startups fast alle eine Bedrohung für etablierte Branchen darstellen. Und zum anderen – und das kennt man aus anderen Bereichen – da viele Fakten und Details, die man über die die Startups liest, für den Otto-Normal-Verbraucher einfach nicht relevant sind. Diesem langt es, wenn ihm die Bild-Zeitung irgendwann Instagram als App der Woche vorstellt. Wer das Gründerteam ist, wie sie so schnell so erfolgreich werden konnten und welche Technik oder welcher Exit dahinter steht, ist ihm relativ egal. Das kennt man aus anderen Industriezweigen wie der Film- oder Musikbranche. Es gibt überall Nerds, aber das Gros sind doch eher normale Menschen mit einem normalen Maß an Interesse.

Wie wird sich dies am Standort Deutschland auswirken und wo muss angepackt werden?

Der große Unterschied zwischen der Startup-Branche und anderen ist jedoch, dass es hier nicht um Kunst oder Kultur geht, sondern um die wirtschaftliche Zukunft unseres Landes. Das haben viele nicht verstanden. Deutschland steht international im digitalen Abseits. Und unsere Regierung hat noch gar nicht verstanden, welche Folgen es hat, wenn beispielsweise eine simple Car-Sharing-App dafür sorgt, dass Endverbraucher weniger Autos kaufen werden. Uns werden ganze Exportbranchen wegbrechen – nicht erst in 20 Jahren, sondern sehr bald.

Und da Deutschland im internationalen Vergleich ein eher dürftiges Bildungswesen hat, sehe ich insgesamt eine ziemlich schwierige Zeit auf Teile der Couchkultur in Deutschland zukommen. Doch zurück zum Thema: Das Problem ist einfach, dass die Internetindustrie sämtliche etablierten Industrien entweder radikal verändern wird oder diese sogar obsolet macht. Darauf ist in der deutschen Politik niemand vorbereitet. Hier regiert noch die #Neuland-Distanz – und das ist meines Erachtens ein Skandal.

Berlins regierender Bürgermeister hat gerade angekündigt, dass er Berlin zur Gründerhauptstadt in Europa machen möchte. Ohne in irgendeiner Form Partei ergreifen zu wollen: Ein ähnliches Signal ist Angela Merkel seit acht Jahren schuldig.

Wir haben bereits viele deutsche Erfolgsgeschichten, aber zugleich ein deutlich größeres Scheitern erlebt. Was sollten Gründer, Startup-Teams und Investoren voneinander lernen?

Für eine sinnvolle Antwort bin ich zu wenig Investor. Grundsätzlich missfällt mir der Herdentrieb bei Investoren. Siehe Social Games oder Daily Deals. Man erliegt dem Hype, treibt die Sau gemeinsam mit weiteren 20 gleichgetakteten Investoren durchs Dorf und wundert sich hinterher, dass fast alle auf der Strecke bleiben. Die Denke ist mir zu kurzfristig, zu gierig und sie zeugt weiß Gott nicht von ausreichendem Verständnis für Geschäftsmodelle. Ich finde Investoren spannend, die ihr Kapital, das ja nicht umsonst Risiko- oder Wagniskapital heißt, in Unternehmen stecken, die tatsächlich etwas umkrempeln wollen Wir haben mal einen ausführlichen Bericht über MyTaxi gebracht, der genau das thematisiert. Investoren sollten auch unternehmerischer denken und eine eigene Vision mitbringen. Investoren, die nur Verwalter von Kapital sind, sollten sich einen neuen Job suchen. Grundsätzlich müssen Investoren begreifen, dass sie in der ganzen Wertschöpfungskette eigentlich die unwichtigste Rolle einnehmen. Da fehlt es oft an gesunder Selbsteinschätzung, denn es sind die Gründer und ihre Ideen, die Großes bewegen – nicht die Investoren.

Wenn aber eine Idee doch nicht als Geschäftsmodell funktioniert, wann sollte ein Startup besser beendet werden? Und welche Warnsignale sollten Gründer beachten?

Wenn die Idee funktioniert, aber nicht das Geschäftsmodell, hat man trotzdem eine Basis für ein Top-Unternehmen. Klar will man mit dem Unternehmen irgendwann Geld verdienen. Aber Twitter geht gerade an die Börse – und zwar ohne substanzielles Geschäftsmodell. Ich bin kein Investor, deshalb finde ich die Idee wichtiger als das Geschäftsmodell. Facebook, das immer noch kein vertretbares Geschäftsmodell hat, hat gezeigt: Wenn man attraktiv für die Nutzer ist, kommt das Geld von ganz alleine. Gleiches gilt für Youtube. Aber das entspricht nicht der deutschen Investorenmentalität. Als Gründer solltest Du aufhören, wenn Du entweder nicht mehr an Deine Idee glaubst oder die Investitionen zum „pivoten“, also zum Anpassen des Geschäftsmodells, die Investitionen eines Neuanfangs übersteigen würden.

Welche Vorteile bietet Crowdfunding für Gründer - und in welcher Phase des Startups macht diese Art der Unterstützung überhaupt Sinn?

Es gibt Unternehmen, die beim Crowdfunding sehr erfolgreich waren. Unternehmen wie 5Cups oder Tollabox blicken gerade auf sehr erfolgreiche Kampagnen zurück. Crowdfunding führt jedoch teilweise zu – wie ich finde – utopischen Bewertungen. Gefühlte Jahrzehnte nach Kickstarter kommt das Thema also auch nach Deutschland. Die Brötchen, die hierzulande gebacken werden, sind deutlicher kleiner als in den USA. Das ist wieder symptomatisch. Aber man sieht anhand der Investmentgrößen auch, dass Crowdfunding eigentlich nur für Seed- und Earlystage-Unternehmen interessant ist. Nicht zu verachten ist jedoch der PR-Effekt und die Möglichkeit, Nutzer zu Evangelisten heranzuziehen. Schaut man sich z.B. das Social-TV-Unternehmen Zapitano an: Dort wurden über hunderttausend Euro durch fast 500 Investoren eingesammelt – im Schnitt als etwas über 200 Euro pro Investor. Das ist doch klasse – diese 500 Mikro-Investoren werden ihrerseits helfen, das Unternehmen bekannter zu machen, indem sie Freunden und Kollegen davon erzählen.

Natürlich gründen viele Startups in der Hauptstadt, aber die größeren Ballungszentren von Hamburg, Köln oder München besitzen ihre eigene Startup-Szene. Welche Vorteile bietet Berlin gegenüber diesen Städten?

Schwer zu sagen. Was in Berlin schmerzlich vermisst wird, ist die Präsenz der Old Economy und Industrie. Nur vier der 30 Dax-Unternehmen haben eine echte Dependance in Berlin. Aber es ist genau die etablierte Industrie, die auf dem Geld sitzt und in Zukunftsthemen investieren könnte.

Ansonsten punktet Berlin natürlich mit seiner Internationalität, seinem reichhaltigen Angebot von Kultur und Nachtleben, der Nähe zur Politik und sehr günstigen Lebenshaltungskosten. Das alles macht Berlin im Vergleich zu anderen deutschen Startup-Hochburgen deutlich interessanter. Im internationalen Vergleich zu London sowieso. National war zum Beispiel der Umzug des VCs EarlyBird von Hamburg nach Berlin ein klares Signal für die Neugewichtung der Standorte. Zur Zeit fehlt Berlin noch der internationale Flughafen.

Welche Startups oder Branchensegmente haben deiner Meinung nach das größte Potenzial und Aussicht auf Erfolg in der breiten Masse?

Das kann man nicht pauschal beantworten, weil fast jedes Segment in seiner Nutzerschicht eine Berechtigung haben kann. Die Frage ist also, wo die breite Masse beginnt. Außerdem funktionieren im Netz die Dinge etwas anders - manchmal irrational. Es könnte also durchaus sein, dass das nächste große Ding eine Mobile-Community zum Tauschen von Katzenbildern ist…

Grundsätzlich hat aber alles, was einen Mehrwert bietet, Aussicht auf Erfolg. Dann stellt sich nur die Frage: Ist das Unternehmen schneller als die nationale und internationale Konkurrenz, hat es genügend USPs und hat es seine Prozesse im Griff. Blickt man aber auf einzelne Branchen, so wird es meines Erachtens in den meisten Segmenten langfristig nur zwei bis drei große Player geben.

Aber auch bei der Marktsegmentierung muss man etwas aufpassen. Shopping-Portale, Couponing-Seiten oder Rabatt-/Cashback-Seiten nähern sich in ihren Geschäftsmodellen immer mehr an. Entscheidender ist wahrscheinlich die Frage, wie viele unterschiedliche „Walled-Garden-Systeme“ wie Apple, Amazon, Google, oder Facebook sich durchsetzen werden.

Hier geht's zum ersten Teil des Interviews, in dem Jan Thomas mit den Etablierten abrechnet: "Keiner zahlt im Netz für flachen Einheitsbrei".

Mike Schnoor ist einer der "Digital Leader", einer festen Gruppe von Bloggern, die ab sofort ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreiten. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

"Investoren zu kurzfristig, zu gierig, zu gleichgetaktet"

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