Gastbeitrag von Jörg Meyer | | von einem W&V Leserautor

Internet-TV: Es wird mehr mobil und morgens geglotzt

Seitdem Zattoo 2006 erstmals in Europa das Fernsehen ins Internet brachte, hat sich eine Menge getan. Heute, acht Jahre später, gehört Internet-TV für viele, insbesondere junge Zuschauer, zum Alltag. Wer online glotzt, was abgerufen wird und wann – das weiß der Internet-TV-Anbieter mittlerweile sehr genau.

Blick in die Black Box: Nutzer von Internet-TV gehören ins Scheinwerferlicht

Von Jörg Meyer*

Fernsehen findet immer häufiger online statt. Erst im Herbst 2014 bestätigten die aktuellsten Resultate der ARD-/ZDF-Onlinestudie diese Entwicklung: Der tägliche Konsum von Fernsehinhalten über das Internet war im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent auf acht Minuten angestiegen. Auf den ersten Blick mag diese Zahl gering erscheinen. Bedenkt man jedoch, dass die technisch versierteren Jahrgänge der Digital Natives dem demographischen Wandel entsprechend einen relativ geringen Prozentsatz der Befragten ausmachen, wird deutlich, dass digitale TV-Nutzung nicht mehr nur ein Phänomen weniger Zuschauer ist. Allgemein gehört Fernsehen nach wie vor zu den wichtigsten Medien für alle Altersgruppen. Nahezu jeder Deutsche (96 Prozent) sieht täglich fern und zwar überwiegend im linearen Fernsehen. Gerade die technikaffinen unter den Zuschauern finden diese Inhalte zunehmend auch im Netz. 

Da diese Art fernzusehen aber nicht von der traditionellen Reichweitenmessung erfasst wird, gibt sie den Programmchefs der Sender Rätsel auf. Da die klassische Quotenmessung über stationäre Messgeräte am Fernsehgerät im Wohnzimmer erfolgt, fallen die online Nutzungsszenarien durch’s Raster. Aufgefangen werden sie unter anderem bei Zattoo. Anders als bei der traditionellen Quotenermittlung, deren Daten auf einer Stichprobe basieren, ist bei Zattoo eine Vollerhebung möglich. Jeder Senderaufruf und jeder Senderwechsel wird zeitlich exakt ermittelt. Der Internet-TV-Anbieter ist so in der Lage, ein vollständiges Abbild der TV-Nutzung über seine Plattform zu zeichnen. Hochrechnungen sind nicht erforderlich; die Nutzung aller Zuschauer wird berücksichtigt. Auch kleinste Interessensgruppen, die wachsende Zahl von Nischensendern oder unterrepräsentierte Senderpräferenzen können dadurch exakt abgebildet werden. Auch Fernsehnutzung außerhalb der eigenen vier Wände (z.B. im Urlaub oder auf Geschäftsreisen) wird erfasst.

Wie sieht er aus, der typische Internet-TV-Nutzer in Deutschland?

Die Ergebnisse einer Nutzerumfrage, an welcher 10.000 Zattoo-Nutzern in Deutschland teilgenommen haben, kombiniert mit von Zattoo erhobenen Nutzungsdaten, zeichnen folgendes Bild von einem typischen Internet-TV-Nutzer. In der Mehrzahl der Fälle (78 Prozent) ist der Nutzer tatsächlich ein ‚Er’. Und er ist vergleichsweise jung: überdurchschnittlich häufig verwenden die 21- bis 50-Jährigen Männer Internet-TV. Der Altersdurchschnitt der herkömmlichen Fernsehzuschauer liegt dagegen aktuell bei 52 Jahren und es sind vor allem die Jüngeren, die 14- bis 29-jährigen, die in der konventionellen Quotenmessung zurückzugehen scheinen. Die meisten Anwender von Zattoo leben in urbanen Ballungsräumen wie Berlin, Hamburg, Köln oder München. Viele von ihnen nutzen zu Hause auch noch die herkömmlichen Zugangswege zu TV-Inhalten, wenngleich Kabel- und Satellitenanschlüsse zu rund einem Viertel seltener zu finden sind als bei der Gesamtbevölkerung. Diese werden vor allem durch digitale Angebote ersetzt. Etwa jeder siebte von ihnen verzichtet mittlerweile sogar komplett auf ein Fernsehgerät und schaut stattdessen ausschließlich Internetangebote.

 

Später, mobiler, flexibler

Die schwindenden Zahlen der jungen TV-Zuschauer erklären die Programmverantwortlichen häufig damit, dass diese Altersgruppen verstärkt zu On-Demand-Angeboten – abrufbaren Inhalten – greifen. Dies mag jedoch nur eine Seite der Medaille sein, denn viele junge Erwachsene "verstecken" sich in den von den Quotenmachern etwas benachteiligten Internet-TV-Angeboten. Kehren die Jungerwachsenen den traditionellen Verbreitungswegen den Rücken, entdecken sie doch neue und flexiblere Wege, um digital fernzusehen. Sichtbar wird dies unter anderem an der rückläufigen Nutzung von Fernsehgeräten und der gestiegenen Bedeutung mobiler Geräte. So schauten laut AGF/GfK im Jahr 2014 rund sechs Prozent weniger Zuschauer zwischen 20 und 29 Jahren Bewegtbildinhalte auf klassischen TV-Geräten. Auch bei Zattoo geht der Trend zu den kompakteren Devices: Noch vor zwei Jahren waren Computer die am häufigsten verwendeten Endgeräte bei den Zattoo-Nutzern, heute haben sich die handlicheren Smartphones, vor allem jedoch Tablets klar an die Spitze gekämpft.

 

Anschalten, um abzuschalten

Für viele Zuschauer ist Fernsehen heute ebenso wie früher eine Beschäftigung zur Entspannung, um sich "berieseln" zu lassen. Fast schon automatisiert wird gegen 20 Uhr der "Flimmerkasten" eingeschaltet, um zunächst die aktuellen Nachrichten und anschließend die täglichen Sendungen der Prime-Time zu schauen. Die Spitzenzeit für’s Fernsehen liegt seit vielen Jahren um 21 Uhr, auch bei den jüngeren Zuschauergruppen. Vergleicht man die Tageskurve der traditionell gemessenen und der Internet-TV-Nutzung, so zeigen beide, dass im Tagesverlauf mehr und mehr Menschen den Fernseher einschalten und zwischen 21 und 23 Uhr die "Glotzen" in deut-schen Wohnzimmern glühen. Somit wird deutlich, dass die tägliche abendliche Dosis Fernsehen zutiefst verinnerlicht und Alltag ist. Ebenfalls sichtbar wird, dass der Höhepunkt der Internet-TV-Nutzung der des linearen Fernsehens zeitlich etwas nachgelagert ist.. Diese Verschiebung erklärt sich dadurch, dass sich Smartphone und Tablet aufgrund ihrer Beweglichkeit ideal eignen, um den Film, das Sportevent oder die Doku im Bett zu schauen. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass Internet-TV viel gezielter eingesetzt wird. Wurde ein Sender erst einmal gestartet, ist die durchschnittliche Verweildauer bei Internet-TV-Nutzern höher, als bei traditionell gemessener TV-Nutzung. Es wird weniger gezappt.

Internet-TV, der Wachmacher am Morgen

Einen weiteren bemerkenswerten Unterschied zeigen die Kurvenverläufe der Mediennutzung im Tagesverlauf: Zattoo-Nutzer lassen sich bereits in den frühen Morgenstunden vom Fernsehprogramm begleiten. Zwischen sechs Uhr und acht Uhr, der Zeit nach dem Aufstehen oder auf dem Weg zur Arbeit, zeigt sich ein deutlicher Ausreißer, ein erster Peak auf mobilen Geräten. Während das Gerät im Wohnzimmer also bei vielen noch Pause hat, verwenden die mobilen TV-Zuschauer Smartphone oder Tablet für den Start in den Tag. Sei es schlaftrunken im Bett, beim Zähneputzen im Bad oder während des Frühstücks in der Küche – durch das flexiblere Handling der Geräte hält das Fernsehen Einzug in den morgendlichen Alltag. Damit verdrängt es potentiell jene Medien, die traditionell die frühe Mediennutzung bestimmen: Statt zu Radio und Zeitung greifen die Onliner zu Internetangeboten, darunter auch Live-TV, um sich auf den bevor-stehenden Tag einzustimmen. Insgesamt zeigt sich, dass Internet-TV den veränderten Bedürfnissen beim Medienkonsum der "Digital Natives" stärker gerecht wird, als die traditionelle TV-Distribution. Internet-TV unterstützt die Sender dabei, auch für diese Zielgruppe erreichbar und damit relevant zu bleiben.

Entzauberung des geheimnisvollen Zuschauers

Längst sind die Anwender von Internet-TV von vereinzelten Nutzern zu einem Massenphänomen gewachsen, das sich nicht mehr ignorieren lässt. Dies gilt gleichermaßen für die gesamte Bandbreite an online verfügbaren Bewegtbildinhalten. Egal, ob nun Internet-TV, Online-Video-Flatrates oder einzeln abrufbare Videos, die Bedeutung des Internets als Verbreitungsweg für diese Inhalte wird auch in den nächsten Monaten und Jahren steigen. Dass ursprünglich rein lineare Programminhalte hohe Relevanz bei den jüngeren Zuschauern besitzen, haben die eingangs genannten Zahlen belegt. Flexibilität ist für sie ebenfalls ein wichtiges Kriterium, das sie unter anderem durch Internetfernsehen befriedigen können. Das Internet wird zukünftig eine bedeutsame Rolle bei der Verbreitung von TV-Inhalten spielen. Sendern und anderen Inhalteanbietern bietet es die Chance, ihre Reichweiten zu erhöhen und den Kontakt zu den "Digital Natives" zu halten. Geht der Anschluss an diese Zielgruppe einmal verloren, wird man sie später nicht mehr in Massen zum linearen Fernsehen mit Live-Inhalten zurückholen können.

Jörg Meyer ist als Vice President Content & Consumer bei Zattoo seit mehreren Jahren ein Experte auf dem Gebiet Internet-TV.

Internet-TV: Es wird mehr mobil und morgens geglotzt

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