Interview | | von Annette Mattgey

Google Glass: Mehr Durchblick beim Einkaufen

Vom Hype zum Rohrkrepierer - sieht so das Schicksal der Datenbrille Google Glass aus? In den vergangenen Tagen ist heftig darüber spekuliert worden, ob Google seine Explorer-Shops für Beta-Tester schließt und das Projekt beerdigt. Dass die Datenbrille gar nicht so schlau ist, wie Google behauptet, schildert etwa der Reporter der Tiroler Tageszeitung, der die Google Glass vor kurzem live getestet hat. Andererseits hat Media Markt seinen innovativen Store in Ingolstadt mit der Technik ausgestattet, um am Point of Sale zusätzliche Eindrücke zu vermitteln, indem etwa Trailer zu Musik-CDs abgespielt werden, die der Kunde gerade betrachtet.

Welche Chancen sehen deutsche Agentur-Leute für die Datenbrille? LEAD digital hat dazu Digital-Experten befragt. Alexander Stendel arbeitet als CTO bei Saatchi & Saatchi Deutschland und ist Geschäftsführer von Saatchi & Saatchi Pro

Wie groß ist die Akzeptanz der Google-Brille heute in Deutschland?

Bisher wurde Google Glass nur an einen engen Kreis von Entwicklern o.ä. (ca. 12.000 Nutzer) in den USA ausgegeben. In Deutschland kann das Produkt offiziell nicht gekauft werden. Die Preise für amerikanische Versionen und Importe sind mit 1250 - 3000 Euro hoch. Zudem fällt für den Verbraucher der Kosten-Nutzen-Faktor aktuell noch gering aus und es bestehen für ihn datenschutzrechtliche Vorbehalte, da das Produkt neben dem Screen auch eine Kamera- und Mikrofonfunktion besitzt. Die deutsche Akzeptanz wird daher nicht von Nutzern, sondern von Medien geprägt. Das so gezeichnete Bild ist zurückhaltend.

Welche realen Marketingpotenziale für die Brille sehen Sie?

Da Google Glass aktuell den privaten Nutzern nicht zur Verfügung steht, bestehen keine Marketingpotenziale, die auf einer solchen Nutzung beruhen könnten. Dies kann sich jedoch bald ändern, denn bestimmte Softwareveröffentlichungen (4.11.2014 myGlass App im PlayStore auf Deutsch) deuten darauf hin, dass die Markteinführung in Deutschland in wenigen Wochen zumindest geplant war.

Anders sieht es mit der Nutzung von Unternehmen aus. Etwa in Branchen mit erklärungsbedürftigen Produkten wie der Auto-, Medizin- oder Flugzeugindustrie, wo Augmented Reality bereits in Industrieprozessen integriert ist. Das hohe Investment rechnet sich möglicherweise, wenn die Datenbrille als Verkaufshilfsmittel eingesetzt werden kann, um komplexe Zusammenhänge zu erklären oder um modulare Produkte aus unterschiedlichen Ansichten zu zeigen. Einzig problematisch dabei ist der OneView: Der Verkäufer sieht nicht, was jeweils der Kunde auf der Brille angezeigt bekommt.

Wie geht es weiter?

In den USA führten entsprechende datenschutzrechtliche Bedenken in Lokalen bereits zu Google Glass-Verboten und zu gewaltsamen Übergriffen auf Google Glass-Träger. Wenn der Verkauf in 2015 auch für Deutschland geplant sein sollte, ist daher ein nicht unwahrscheinliches Szenario, dass die Datenbrille auf Grund von datenschutzrechtlichen Bedenken nicht zum Einsatz kommen darf. Denkbare Ausnahmen wären die Nutzung in geschlossener Umgebung oder mit Einverständniserklärungen der Umgebenden. Sollten sich die gesellschaftliche und soziale Meinung sowie die Gesetzgebung in den nächsten Jahren zunehmend digitalisieren, wird sich dies auch auf die Nutzung von Google Glass auswirken.

Und auf längere Sicht?

Eine langfristige Betrachtung ist durchaus interessant, da das Gerät hardwaretechnisch sehr innovativ ist. Töne werden zum Beispiel über den Kontakt zwischen Brille und Knochen über Schwingungen übertragen. Trends wie die Digitalisierung unserer Umgebung und M2M (Machine-to-Machine) werden das Bedürfnis der Nutzer hervorrufen, sodass die durch M2M generierten Daten einfach und schnell zur Verfügung gestellt werden – zum Beispiel durch eine Datenbrille, die dann sehr spezifisch Daten von jedem einzelnen Nutzer sammelt. Die Daten wiederum können den Marketing-Verantwortlichen in Form von Realtime-Marketinganalysen bereitgestellt werden. In der reinen Displaywerbung in Datenbrillen, also der Einblendung von Werbebotschaften, sehen wir wenig Zukunft. Das Marketing wird sich zukünftig mehr der Kommunikation zuwenden müssen, die in sich einen zusätzlichen Mehrwert oder Service bietet und zum Austausch einlädt. Wir nennen dies Partizipationsmarketing.

 

 

 

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BMW zeigt, wie man Google Glass ins Marketing einbaut

von Annette Mattgey

Welche Chancen sehen deutsche Digital-Experten für die Datenbrille Google Glass? LEAD digital hat dazu Daniel Gelder, Senior Vice President Sales & Marketing bei Metaio, um seine Meinung gebeten. Metaio hat sich auf Augmented Reality-Anwendungen spezialisiert und hat so z.B. den Ikea-Katalog aufgepimpt.

Wie groß ist die Akzeptanz/Nutzung der Google-Brille heute in Deutschland?

Nach unserem momentanen Kenntnisstand wird Google Glass derzeitig überwiegend durch Developer bzw. professionelle Anwender "Early Adopters" genutzt. Generell können wir sehr großes Interesse an einer AR-Datenbrille bei unseren Kunden sehen und ihr großes Potenzial für Anwender erkennen. Momentan werden jedoch in erster Linie Erfahrungen gesammelt, wie sich eine solche Datenbrille in der Praxis bewähren und welche technischen Probleme noch behoben werden müssen. Es ist auf jeden Fall eine sehr spannende Phase für Google Glass und Datenbrillen im Allgemeinen!

Welche realen Marketingpotenziale für die Brille bestehen aktuell?

Wir sehen das Potenzial momentan in erster Linie im Enterprise Markt, bzw. bei professionellen Anwendern. Interessante Themen wären hierbei beispielsweise die Nutzung in Kundenberatung, Support und Wartung von Anlagen und Maschinen, Dokumentation, Medizin, Forschung und Logistik.

Wie setzen Marken Google Glass-Applikationen derzeit im Marketing ein?

Ein spannendes Beispiel ist sicherlich die BMW i8 Innovation Live-Applikation von Vectorform, die mit Hilfe von Google Glass am neuen BMW i8 gezeigt wird. Zur Markteinführung des BMW i8 wurde nach einer Möglichkeit gesucht, das Produkt auf innovative Art und Weise zu präsentieren. Mittels der App und Google Glass bekommt der User eine digitale Führung durch den Aufbau und die Features, die den neuen i8 von anderen Modellen abheben. Man hat die Möglichkeit per Röntgenblick einen Einblick in das Innenleben des Autos zu erhaschen und die Aerodynamik live illustriert zu bekommen. Eine Demonstration der App und des BMW i8 konnte man auf der diesjährigen InsideAR München erleben.

Nicht nur im Bereich Marketing gibt es Potenzial für Marken, sondern auch im Verkauf, der Produktion und dem Aftersales-Bereich. Viele Applikationen, die uns bekannt sind, befinden sich derzeit jedoch noch in der Testphase oder Evaluierung.

Wie sehen Sie die Zukunft von Google Glass langfristig in Bezug auf das Marketing in Deutschland?

Bezogen auf Deutschland muss man die aktuellen Diskussionen zum Thema Datenschutz mit in Betracht ziehen. Videoüberwachung und Eingriffe in die Privatssphäre stellen starke Vorbehalte gegenüber der Google Glass dar, die erst einmal aus dem Weg geschafft werden müssen.

Außerdem müssen Anwendungen Google Glass nicht als "Selbstzweck" betrachten, sondern einen echten Mehrwert für den Anwender bzw. das Erlebnis im Marketing bieten, damit sich diese Technologie im Bereich Marketing zukünftig etablieren kann.  

Daher sehen wir die Anwendung momentan generell weniger im Bereich Marketing, bei dem oft Endanwender bzw. Konsumenten involviert sind, sondern eher in anderen Unternehmensbereichen.

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Google Glass bloß "Spielzeug in der Schublade"

von Annette Mattgey

Ein massives Imageproblem attestiert Felix Heimbrecht, Director Innovation bei Sapient Nitro, der Datenbrille Google Glass. Daher bezweifelt er auch, dass sie bereits 2015 auf den Markt kommt. Welche Chancen sieht er dennoch?

Wie groß ist die Akzeptanz der Google-Brille heute in Deutschland?

Mir ist die Brille bisher nur in verschiedenen Innovation-Labs und dort vor allem für Prototypen im Bereich Logistik und Wartung über den Weg gelaufen. In der Öffentlichkeit taucht sie faktisch nicht auf. Ich kenne einige Leute, die privat eine besitzen, sie aber nicht tragen. Und das liegt nicht nur an der mangelnden Akzeptanz in der Öffentlichkeit, sondern auch daran, dass sie im Moment noch eher ein Spielzeug ist, das nach einer Ausprobierphase in der Schublade verschwindet.

Welche realen Marketingpotenziale für die Brille bestehen aktuell?

Aufgrund der fehlenden Verbreitung sehe ich momentan und in naher Zukunft kein Potential für einen Einsatz im Marketing.

Wie setzen Marken Google Glass-Applikationen derzeit im Marketing ein?

Mir sind keine aktuellen Kampagnen von Marken mit Google Glass bekannt. Gerade in Deutschland ist man sehr zurückhaltend, da die Brille mit Datenschutzproblemen assoziiert wird. Auch, dass Träger der Brille gerne als "Glassholes" verunglimpft werden, fördert natürlich die Einsatzmöglichkeiten im Marketing nicht gerade. Die Brille hat letztendlich ein massives Imageproblem, das sie für Marken weitgehend uninteressant macht.

Wo wird sich die Nutzung 2015 in Deutschland hinbewegen?

Es wäre eine Überraschung, wenn Google die Brille tatsächlich 2015 in den Konsumentenmarkt bringen würde. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass sie – wenn überhaupt – zunächst in Nischenmärkten eingesetzt wird, beispielsweise zur Unterstützung bei Produktions- oder Wartungsprozessen. Hier kann sie auch trotz ihrer aktuell noch eingeschränkten Funktionalität und Optik einen echten Mehrwert liefern.

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Google Glass: Der Werbewert liegt im Neuigkeitsfaktor

von Annette Mattgey

Welche Chancen sehen Digitalexperten für Google Glass? Da die Datenbrille in Deutschland noch nicht erhältlich ist, sind die Marketingpläne noch recht limitiert, findet Adrian Rosenthal, Head of Digital and Social Media bei MSL Germany*. Andererseits nützt Marken der Neuigkeitsfaktor, wenn sie eine Aktion mit Google Glass veranstalten - für ausreichende PR ist gesorgt.

Wie groß ist die Akzeptanz/Nutzung der Google-Brille heute in Deutschland?

Zwar gibt es die entsprechende App "MyGlass" bereits im Google Play Store und bei iTunes, der Verkaufsstart für die Google Glass in Deutschland ist jedoch noch nicht bekannt. Natürlich haben schon einige Leute das Produkt testen oder im Ausland bestellen können, eine Bewertung der Akzeptanz lässt sich deshalb aber noch schwer abgeben. Wir haben neulich in Zusammenarbeit mit Google ein Event zum Thema Wearables in der München veranstaltet, bei dem auch die Google Glass vorgeführt wurde. Große Neugier ist auf jeden Fall weiterhin vorhanden.

Welche realen Marketingpotenziale für die Brille bestehen aktuell?

Für Deutschland ist das Marketingpotenzial aus den bereits genannten Gründen noch recht limitiert, zumindest wenn es um die Einbindung von Nutzern geht. Auf der anderen Seite gab es bisher wenige Kampagnen, die Google Glass auch eingesetzt beziehungsweise thematisiert haben. Kampagnen bekommen daher oftmals gerade Aufmerksamkeit und Berichterstattung, eben weil sie neue Technologien innovativ einsetzen. Hier zieht Google Glass: sowohl Neugier und als auch Neuigkeitsfaktor sind immer noch vorhanden.

Wie setzen Marken Google Glass-Applikationen derzeit im Marketing ein? 

In Deutschland hat BMW Google Glass in der Kampagne für den i8 eingesetzt, online in einem Youtube-Video und offline an mehreren deutschen Flughäfen. Dort konnten Nutzer den neuen i8 interaktiv via Google Glass erleben. Ein anderes Beispiel kommt aus den USA: Dort hat Kenneth Cole zum Launch eines neuen Parfüms eine Aktion gestartet, bei der die Besitzer einer Google Glass dazu aufgerufen wurden, 21 gute Taten zu erfüllen und diese per Google Glass zu dokumentieren. Auch hier galt: Neuigkeitswert gleich Berichterstattung. 

Wo wird sich die Nutzung 2015 in Deutschland hinbewegen?

Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich Google Glass nicht nur in Deutschland bewegt. Ob die Brille ein Produkt für den Massenmarkt wird oder gar hauptsächlich in einem spezialisierten Kontext – zum Beispiel im Healthcare-Bereich oder bei Ingenieuren - zum Einsatz kommt, muss sich noch zeigen. Firmen wie BMW testen Google Glass bereits als Teil der Qualitätssicherung in der Produktion. Auch andere Firmen wie Boeing, HP oder sogar Taco Bell haben in Zusammenarbeit mit Entwicklern eigene, passgenaue Apps kreiert, die innerhalb der Unternehmen in verschiedenen Bereichen zum Einsatz kommen.

Wie sehen Sie die Zukunft von Google Glass langfristig in Bezug auf das Marketing in Deutschland?

Hier bleibt wie gesagt abzuwarten, inwieweit Google Glass wirklich ein Produkt für den Massenmarkt wird. Zudem werden Smartwatches eine immer größere Rolle spielen, die Google ja ebenso im Produktportfolio hat.

*MSL Germany ist die Public Affairs-Agentur von Google Deutschland

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