André Gebel: Mars-Feeling bei der SXSW.
André Gebel: Mars-Feeling bei der SXSW. © Foto:A. Gebel

SXSW | | von André Gebel

Etwas Rollsplitt im Getriebe – Eine gemischte Zwischenbilanz von der SXSW 2017

Das Digitalmekka ruft und überall auf der Welt steigen Marketing- und Digitalmanager in ihre Flieger und machen sich auf den Weg nach Austin, Texas, zur South by Southwest (SXSW). Und so füllt sich mein Facebook-Stream bereits seit Tagen mit den abstrusesten Flugverbindungen, damit "Freunde" auf keinen Fall die erste Schlange an der Badge-Ausgabe verpassen. Doch diesmal mischen sich auch kritische Stimmen unter die eindrucksvollen Check-Ins. Es wird mit "Rücktritt", "zum Letzen Mal" und "nie wieder" gedroht. Was ist passiert?

Anscheinend liegen vielen Teilnehmern noch die aufgeblähten Warteschlangen, ausgebuchten Vorträge und überfordernden Parallelveranstaltungen aus dem letzten Jahr im Magen. 37.600 Besucher verteilten sich auf über 3.000 Veranstaltungen. Aber natürlich nicht gleichmäßig. Dafür waren Zugpferde, wie der amtierende Präsident Barack Obama oder Star-Wars-Regisseur J.J. Abrams, einfach zu reichweitenstark. Man muss sich fokussieren und aus dem Wust an Talks, Key Notes und Partys sein eigenes SXSW-Erlebnis kreieren. Und genau das macht den besonderen Zauber dieser Veranstaltung aus. Jeder erlebt Austin anders, hört andere Geschichten, probiert andere Gadgets aus, entdeckt seine ganz eigenen Trends. Von daher sind die Gespräche am Abend, vorzugsweise im German Haus, auch so inspirierend. Man ergänzt beim Feierabend-Bier seinen eigenen Bruchteil an Erlebnissen, um die Geschichten der Anderen. Die SXSW ist ein Festival, wo die Vorträge stets nur einen Teil des Gesamtpakets ausmachen, vielleicht sogar den kleineren.

Doch widmen wir uns dem diesjährigen Programm. First things first, also starte ich direkt mal mit dem höchsten Berg der Welt. Extrem-Bergsteiger Adrian Ballinger und Abenteuer-Fotograf Cory Richards referieren über biometrisches Storytelling. Mit Hilfe der Social-Media-App Strava versorgen sie die Sport-Community mit Herzfrequenz- und GPS-Daten ihrer letzten Everest-Besteigung. Und weil das Ganze zwar interessant, aber stets etwas trocken daherkommt, schwingen sie mit Snapchat-Stories (#EverestNoFilter) noch additiv die Emotionskeule. Über zweieinhalb Monate lassen sie Fans an ihrem Abenteuer teilhaben. Dazu gehören selbst Niederlagen, wie der frustrierte Abbruch von Ballinger kurz vor dem Gipfel. Für einen Krakauer-Fan wie mich der perfekte Einstieg und für Freunde biometrischer "Schwanzvergleichs-Posts" ein wunderbares neues Tool. Angeblich hilft Strava zukünftig auch bei der Früherkennung von Herzbeschwerden und Höhenkrankheiten. Über 15.000 Entwickler arbeiten gerade an der API, um Gesundheits- und Sportdaten auf ein neues Level zu heben.

Die Attraktivität der Vorträge bemisst sich meist nach Länge der Warteschlange und wenn es danach geht, scheint die NASA mit dem Thema "Space 360" ganz weit vorne zu liegen. Seit zehn Jahren arbeitet die US-Weltraumbehörde bereits mit 360-Grad-Videos. Doch diese waren in den ersten Jahren einfach zusammengestückelte Panoramen. Mittlerweile lädt das Social-Media-Team ca. sieben Videos im Jahr auf Youtube hoch und katapultiert den User mal eben auf den Mars oder in das Innere eines Raumschiffs. Das ist natürlich spektakulär, genau wie die Entwicklung von Bauteilen mittels Microsoft Hololens-Brillen. Mit Hilfe der Brillen können gleich mehrere Ingenieure an unterschiedlichen Orten in die Produktion von Raumschiffteilen eingreifen. Schöne neue Entwicklung, auch was die Meeting Räume angeht. Einmal in der Woche trifft sich das Entwickler-Team der NASA zum Stand-up auf dem Mars.

 

Erstaunlich konservativ geben sich dagegen die vielen Social-Media-Vorträge auf der SXSW. Dass Snapchat die Zielgruppe der Millennials im Fokus hat und Influencer für Marken als Fan-Katalysator fungieren, hat man auch schon vor zwei Jahren so gehört. Dass die "New York Times" mit "Facebook Live" ein neues Lieblings-Medium gefunden hat, bezeugen ca. 45 Live-Übertragungen pro Tag. Immerhin ein Authentizitäts-Kontrast zu den "trumpschen" Fake News, die in den USA ja so beliebt sind.

Etwas gelangweilt von "ollen Kamellen" schlendere ich über die begleitende Exhibition, und staune über die unzähligen VR-Stände. Gefühlt wachsen Brillen, Standards und Software aus dem Boden. Künstliche Intelligenz und Smart Services, wie der elektronische Paycheck, der vom Mitarbeiter per Daumenaufdruck in einer App ausgelöst wird, sind die Treiber der diesjährigen Innovationsmesse.

Es wird Zeit für die erste große Party und die findet heute Abend im German Haus statt. Die deutsche Repräsentanz hat mit dem Barracuda eine neue Heimat gefunden, die zwar etwas größer ist, aber leider den Charme der alten Gründerzeit-Villa vermissen lässt. Das Motto heute Abend heißt Bayern Munich, auch wenn es so gar nichts mit dem Wirken des Rekordmeisters zu tun hat. Es ist Zeit für die zweite Halbzeit der SXSW und das sind nun mal die intensiven Gespräche. So erzählt mir Miles & More-Chef Roland Adrian von seiner Begeisterung für Sprachassistenten und Chatbots, DFL-Digital-Sports-Geschäftsführer Andreas Heyden von der ersten Bundesliga Live-Übertragung in VR und Deutsche-Bahn-Digital-Geschäftsführer Mathias Hüske von der Zusammenarbeit mit Amazons Alexa.

Wer sich danach noch auf die Partymeile 6th Street traut, braucht dieses Jahr ein wirklich dickes Fell, denn mit acht Grad Celsius werden Erinnerungen an deutsche Wintertage wach.

 

 André Gebel, Geschäftsführer der Münchner Digitalagentur Coma, ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

Etwas Rollsplitt im Getriebe – Eine gemischte Zwischenbilanz von der SXSW 2017

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