Verlage | | von Annette Mattgey

E-Books sollten mehr als "Resteverwertung" sein

Musik, Filme und Bilder, die den Text begleiten - E-Books könnten so viel mehr, als die Verlage derzeit ihren Lesern präsentieren. Deswegen setzt Ralf Biesemeier, Geschäftsführer des E-Book-Dienstleisters Readbox, auf die Fantasie und prognostiziert, dass sich die Produktion von E-Books dank technologischer Neuerungen weiter verändern wird. 

Der E-Book-Markt in den USA ist Deutschland zwar immer noch ein gutes Stück voraus, dennoch sind die Wachstumsraten hierzulande beachtlich: Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) meldet, dass der E-Book-Umsatz 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 77 Prozent angestiegen ist. Im ersten Halbjahr 2012 summierten sich die Download-Umsätze von Musik, Games, Software, Filmen und Büchern auf 392 Millionen Euro. Auf E-Books entfallen 11 Prozent der Umsätze, insgesamt 44 Millionen Euro, vermeldet die GfK. Einen E-Reader besitzen 2,2 Millionen Deutsche, aber die Leserschaft digitaler Bücher ist weit höher: Einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Branchen-Verbands Bitkom zufolge lesen mittlerweile elf Prozent aller Bundesbürger digitale Bücher.

Allerdings besteht noch Luft nach oben: Gemessen am Umsatz machen E-Books in Deutschland gerade mal zwei Prozent des gesamten Buchmarktes aus. Aber auch in technischer Hinsicht ist das Potenzial von E-Books noch längst nicht ausgeschöpft.

Zu wenig Multimedia und Interaktion

Notgedrungen orientieren sich die heute verfügbaren E-Books an den Möglichkeiten der Lesegeräte. Die Aufmachung dieser digitalen Bücher erinnert häufig an die Anfangszeit des Internets und frühe Webseiten; weitergehende technische Möglichkeiten für eine ansprechendere Gestaltung werden noch kaum eingesetzt: es gibt kaum Interaktionsmöglichkeiten, wenig Bilder, kein Multimedia. Das liegt nicht nur an der Technik, sondern auch daran, dass E-Books von den Verlagen oft als eine Art "Restverwertung" der normalen Buchproduktion gesehen werden und nur besonders günstige Kosten der Konvertierung, nicht aber die Qualität des hergestellten Produkts im Vordergrund steht. Das Ergebnis ist dann zuweilen desaströs: Werden die technologischen Herausforderungen der E-Book-Herstellung unterschätzt, so entstehen ärgerliche Fehler, und die von falschen Umbrüchen und Registern über fehlplatzierte Fußnoten bis zu fehlenden Bildern reichen können. Dass Leser angesichts solcher Produkte die Lust am E-Book gleich wieder verlieren, versteht sich.

Mehr Fantasie gefragt - und technologisches Wissen

Um Titel auf den Markt zu bringen, die auf allen gängigen Lesegeräten inhaltlich und optisch gut sind, ist ein umfangreiches Software-Wissen notwendig. Ziel der E-Book-Produktion muss hier sein, den größten gemeinsamen Nenner unter den Readern zu finden, um dem Anwender ein Leseerlebnis zu bieten, das dem gedruckten Buch möglichst nahe kommt – und das ihm darüberhinaus den E-Book-spezifischen Mehrwert bietet, also vor allem Speicherkapazität, Handlichkeit, Aktualität und schnelle Zugriffsmöglichkeiten.

Durch die Weiterentwicklung der Software-Technologien werden E-Books in Zukunft hier deutlich mehr bieten. Neue E-Book-For­mate wie EPUB3 oder KF8 (Kindle) stehen bereits in den Startlöchern und ermöglichen neben deutlich mehr Gestaltungsspielraum auch die Einbindung interaktiver und multimedialer Inhalte.

Dabei können problemlos Audio- und Video-Dateien integriert werden und es bestehen neue Möglichkeiten, wie Javascript gestützte Animationen oder eine direkte, dynamische Interaktion mit dem Leser. Bestand das alte EPUB2-Format im Grunde nur aus reinem HTML, so geht das EPUB3-Format nun viel mehr auf die speziellen Bedürfnisse einer Buch-Veröffentlichung ein: So können bisher in E-Books nur schwer umzusetzende Elemente wie Fußnoten ganz einfach definiert werden, ohne dass sich die Verlage noch Gedanken um die programmiertechnische Umsetzung machen müssen. Das iPad ist damit beispielsweise in der Lage, Fußnoten bei Bedarf anwählbare "PopUps" umzusetzen.

Nur das iPad ist bisher für Neuerungen gerüstet

Noch leidet die Branche hierbei unter dem Henne-Ei-Problem, denn bislang gibt es jedoch noch kaum E-Book-Reader, die mit den neuen Formaten etwas anfangen können – von Apples iPad mit eigener iBooks-App abgesehen. Entsprechend rar sind wiederum Inhalte, die diese Möglichkeiten nutzen. Es ist jedoch mehr als nur wahrscheinlich, dass in naher Zukunft vermehrt Geräte und Reader-Anwendungen auf den Markt gebracht werden, die die technologischen Voraussetzungen mitbringen, um auch anspruchsvollere Inhalte darzustellen.

Durch die Weiterentwicklung der Software-Technologien werden E-Books in Zukunft gegenüber dem Print-Buch jedenfalls einen höheren Mehrwert bieten, insbesondere im Bereich Fach- und Sachbücher sowie bei Kinderbüchern, weniger bei Bestsellern oder Krimis. Wenn dem Leser etwas geboten wird, das ein Buch aus Papier ihm nicht liefern kann, so wird er das auch preislich honorieren. Um diesen Effekt nutzen zu können, müssen Verlage allerdings auch in das entsprechende Know-how investieren, denn die Entwicklung von E-Books wird dadurch nicht einfacher – im Gegenteil.

Ralf Biesemeier ist Geschäftsführer des Spezialisten für E-Book-Herstellung und -Distribution Readbox in Dortmund.

E-Books sollten mehr als "Resteverwertung" sein

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

Leserkommentar

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht