Nico Rose | | von Nico Rose

"Dissen" gefährdet Ihre Gesundheit: Wie Twitter uns ans Herz geht

Twitter ist eine tolle Sache. Er ersetzt vielen Menschen die Tageszeitung, macht Fernsehen als Second Screen interessanter – und unterstützt im besten Fall sogar friedliche Revolutionen als Mittel zur Koordination von Menschenmassen. Und nun könnte es auch noch ein Instrument zur Pflege der öffentlichen Gesundheit werden. Und das geht so:

Ein Team um den Forscher Johannes Eichstaedt an der University of Pennsylvania hat herausgefunden, dass sich öffentlich zugängliche Tweets mit Lokalisierungsdaten hervorragend nutzen lassen, um das Vorkommen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in einzelnen Landkreisen vorherzusagen (Studie in „Psychological Science“). Im Rahmen ihrer Studie erhielt die Gruppe Zugang zu Milliarden von Tweets aus den Jahren 2009/10, welche geographisch den einzelnen Counties der USA zugeordnet waren. Ein von den Forschern entwickeltes statistisches Modell lieferte daraufhin bessere Prognosen für das Krankheitsaufkommen, als die sonst üblichen Indikatoren, z.B. der Anteil der Raucher an der jeweiligen Population, oder auch das Einkommensniveau.

Der Schlüssel zu dieser Prognosekraft liegt in der Sprache der twitternden Personen. Psychologen vermuten seit langer Zeit, dass regelmäßiger Stress, aber auch aggressive Gefühle und weitere negative Emotionen uns im wahrsten Sinne des Wortes ans Herz gehen. In diesem Sinne nutzen die Forscher das geschriebene Wort als Proxy (Näherungswert) für den Level an Stress und negativen Emotionen im jeweiligen Landkreis. Etwas vereinfacht gesagt: Wo auf Twitter viel geschimpft und geflucht wird, sagt der Algorithmus ein hohes Aufkommen von Herzkrankheiten hervor. Mit Erfolg.

Grundstein für diesen Prognoseerfolg ist eine komplexe Datenbank, die über statistische Modellierung Verknüpfungen zwischen Wortgruppen und dem inneren Erleben von Menschen abbilden kann. So gelang es in der Vergangenheit bereits, aus Facebook-Posts Rückschlüsse auf die Persönlichkeitsstruktur der Nutzer zu ziehen (LEAD digital berichtete).

Was kann man nun mit den Twitter-Daten außerhalb des Labors anfangen? Der Vorteil für die öffentliche Gesundheit liegt auf der Hand. Während Erkenntnisse über das "Seelenheil" einer Region normalerweise in aufwendigen Umfragen teuer erkauft werden müssen, sind die Tweets im Prinzip kostenlos. Des Weiteren erfährt man durch Umfragen immer nur das, wonach auch gefragt wurde. Die Twitter-Daten spiegeln das Erleben der Menschen hingegen in einer größeren Vielfalt, Echtheit und Granularität wider. Zwar sagt das Modell der Forschergruppe um Eichstaedt nichts über das individuelle Gesundheitsrisiko aus. Es kann der öffentlichen Hand in Zukunft aber wichtige Hinweise geben zu Fragen der ärztlichen Versorgung, der Standortplanung für Kliniken, oder auch der Gestaltung von öffentlichen und betrieblichen Gesundheitsprogrammen.

Für den einzelnen User bleibt noch die Erkenntnis, dass unsere Worte möglicherweise mehr über uns sagen, als uns lieb ist. Wer einmal schauen möchte, was er/sie so von sich gibt: Das Tool www.tweetstats.com analysiert unsere Twitter-Timeline und extrahiert daraus u.a. eine Wolke der am häufigsten genutzten Wörter und Phrasen.

Nico Rose  ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

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