Das Industrieunternehmen Linde - hier einige Helium-Tanks - nimmt die digitale Transformation nicht sonderlich ernst.
Das Industrieunternehmen Linde - hier einige Helium-Tanks - nimmt die digitale Transformation nicht sonderlich ernst. © Foto:The Linde Group

Studie | | von Annette Mattgey

Diese Dax-Konzerne versagen bei der digitalen Transformation

Vor allem im B2B-Geschäft scheint die digitale Transformation noch nicht angekommen zu sein. Unternehmen wie Linde, K+S und Fresenius erwähnen sie in ihren Geschäftsberichten kaum. Vorbildlich agieren dagegen die Deutsche Telekom und die Deutsche Bank. In einem Forschungsprojekt der Hochschule für Wirtschaft und Technik Berlin wurden die Geschäftsberichte der im Dax zusammengefassten 30 bedeutendsten deutschen Aktiengesellschaften untersucht. Als Begründung für diesen Blickwinkel führte Prof. Julian Kawohl, Inhaber der Professur für Strategisches Management, an: " In Expertenkreisen ist unstrittig, dass die Überführung von Technologien, Strategien, Geschäftsabläufen, Führungsstrukturen und Mitarbeitern in das digitale Zeitalter zu den wichtigsten Herausforderungen zählt. Wie die Konzerne mit dem Thema umgehen, sollte sich daher aus den Geschäftsberichten ergeben." Sie enthielten Informationen, die sowohl für Anteilseigner als auch für Mitarbeiter und Kunden wichtige Orientierung bieten. Daher verlange der Gesetzgeber hier eine wirklichkeitsnahe Darstellung nach einheitlichen Kriterien.

Das Resultat:Unter den Dax-30-Firmen gibt die Deutsche Telekom am umfassendsten Auskunft zur Transformation des eigenen Unternehmens. Knapp dahinter folgt auf Platz zwei die Deutsche Bank, dann die Commerzbank, Bayer und Eon. Im Spitzenfeld liegen ebenfalls noch die Deutsche Post, die Lufthansa sowie Henkel.

Zu geringer Stellenwert der Digitalen Transformation ist gefährlich

Ermittelt wurde für dieses Ranking, wie häufig und in welcher Form die Transformation von Strategie, Technologien und Unternehmensorganisation in den Geschäftsberichten 2014 thematisiert werden. "Mehr als 6000 Fundstellen in den 30 Geschäftsberichten wurden daraufhin untersucht, ob ein transformationsrelevanter Vorgang thematisiert wurde. Am Ende war das 212 Mal der Fall", erläutert Kawohl: "Dass die Großkonzerne insgesamt nur so spärlich über Transformationsaktivitäten berichten, hat  uns dann doch erstaunt. Das spiegelt nicht die notwendige Bedeutung des Themas wider". Diese geringe Beachtung kann unterschiedliche Ursachen haben. Möglicherweise gibt es noch nicht genügend Aktivitäten in Richtung Digitaler Transformation. Oder entsprechenden Veränderungen im Unternehmen wird nicht genug Bedeutung für die Zukunft des Konzerns beigemessen, so dass sie gar nicht kommuniziert werden. "Beides aber läuft auf einen gefährlichen, zu geringen Stellenwert des Themas hinaus", so Kawohl.

Für Kawohl sind die Top-Platzierungen keine Überraschung: "Die Telekom als ehemaliger Staatskonzern befindet sich schon seit längerem in einem umfassenden Wandlungsprozess, bei der die Digitalisierung eine wichtige Rolle spielt." Die Deutsche Bank nehme in zahlreichen konzernweiten Projekten eine digitale Transformation ihrer Geschäftsaktivitäten und ihrer Kultur vor. Und die Commerzbank habe vielfältige Aktivitäten gestartet, um sich an die neuen Rahmenbedingungen in der Finanzbranche mit Niedrigzinsen und neuen Wettbewerbern aus der Startup-Szene aufzustellen.

Schlusslichter in Bezug auf die im Geschäftsbericht skizzierten Transformationsaktivitäten sind der Medizintechnikhersteller Fresenius SE & Co. KGaA, der Düngemittelhersteller K+S sowie der Industriegase-Anbieter Linde. Bei diesen drei Unternehmen konnte in der Analyse kein in den Geschäftsberichten beschriebener Vorgang als transformationsrelevant verifiziert werden.

IT- und Telekommunikationsindustrie mit Spitzenposition

Aufschlussreich ist auch der Branchenvergleich. Danach haben die Unternehmen der IT- und Telekommunikationsindustrie die Spitzenposition beim Stellenwert der notwendigen Transformation inne. Dahinter liegt die Finanzdienstleistungsbranche gefolgt von der Logistik und dem Pharma-/Medizintechnik-Bereich. Mit etwas Abstand reihen sich die Automobil-, Konsumgüter-, Chemie- und Technologiebranche danach ein. Die Schlussposition belegen die Rohstoffhersteller und -händler.

Lediglich das Abschneiden eines Unternehmens wie SAP nur auf Platz 22 muss laut Prof. Dr. Kawohl nicht zwangsläufig heißen, dass digitale Geschäfte dort eine untergeordnete Rolle spielen. So sei ein Softwarekonzern wie SAP "schon von Natur aus" auf das Thema Digitalisierung ausgerichtet. Eine weitere Transformation des Geschäftes könne daher im Geschäftsbericht unter Umständen keinen so großen Stellenwert finden wie in anderen Unternehmen. Doch solche Sonderumstände verändern die magere Transformationsbilanz der 30 DAX-Konzerne nicht. Professor Kawohl: "Vor allem die deutlich hinten platzierten Konzerne sollten ihre Unternehmens- und Kommunikationsstrategie auf jeden Fall überdenken."

Das Stellenwert-Ranking zur Transformation in den DAX-30-Unternehmen

  Ranking Unternehmen               Transformationsindex (in  Geschäftsberichten beschriebene und als transformationsrelevant verifizierte Entwicklungen)
1 Deutsche Telekom AG 25
2 Deutsche Bank AG 24
3 Commerzbank AG 17
4 Bayer AG 15
5 E.ON SE 12
6 Merck KGaA 10
7 Deutsche Post AG 10
8 Lufthansa AG 10
9 Henkel AG & Co. KGaA 9
10 Allianz SE 8
11 Adidas AG 8
12 Daimler AG 8
13 Volkswagen AG 8
14 RWE AG 7
15 ThyssenKrupp AG 6
16 Deutsche Börse AG 5
17 Siemens AG 5
18 Fresenius Medical Care AG & Co. KGaA 4
19 HeidelbergCement AG 3
20 BMW AG 3
21 Continental AG 3
22 SAP SE 2
23 Beiersdorf AG 2
24 Infineon AG 2
25 BASF SE 2
26 Münchener Rück AG 2
27 LANXESS AG 2
28 K+S AG 0
29 Fresenius SE & Co. KGaA 0
30 Linde AG 0
                                                                                                                          Gesamt 212 = 7,1 pro Unternehmen
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