Interview mit Kathrin Schürmann | | von Annette Mattgey

"Datenschutz ist keine Bremse, sondern ein Wettbewerbsvorteil für Start-ups"

Derzeit wirbelt das Thema Datenschutz viel Staub auf. Wer meint, Datenschutz sei nur ein Thema für etablierte Firmen, der täuscht sich. Die Rechtsanwältin Kathrin Schürmann erklärt exklusiv für LEAD digital, warum das Thema Start-ups und Datenschutz kein Widerspruch sein muss.

Produktentwicklung und Marketing stehen bei Start-ups meist im Vordergrund. Warum sollten Gründer auch das Thema Datenschutz im Blick behalten?

Es ist nicht nur wichtig, sondern auch vorteilhaft, das Thema Datenschutz und IT-Sicherheit von Anfang an zu beachten. Gerade in der Startphase ist es wesentlich einfacher, Datenschutz und IT-Sicherheit in die Prozesse einzubinden als zu einem späteren Zeitpunkt. Denn in der Startphase ist die Implementierung auch noch mit einem sehr geringen Aufwand und überschaubarem Budget realisierbar, da noch keine festgefahrenen Prozesse bestehen, die geändert werden müssen - was häufig viele IT-Ressourcen bindet.

Die Beachtung von Datenschutz bedeutet darüber hinaus auch einen oft unterschätzten Vorteil im Wettbewerb durch die Schaffung von Kundenvertrauen. Das ist gerade für junge Unternehmen sehr wichtig. Wenn plötzlich bekannt wird, dass sich das Unternehmen mit personenbezogenen Daten nicht gesetzeskonform verhält, entstehen schnell große Imageschäden und das gerade gewonnene Kundenvertrauen geht verloren. Imageschäden nach einem Datenschutzvorfall sind für Unternehmen sehr schwer „aufzufangen“. Start-ups wachsen zudem häufig sehr schnell und entwickeln sich zu Unternehmen mit klassischen Unternehmensstrukturen. Bei mehr als neun Mitarbeitern, die mit der Datenverarbeitung zu tun haben, ist die Bestellung eines Datenschutzbeauftragten dann auch gesetzlich vorgeschrieben.

Große internationale Start-ups scheinen sich nicht besonders für den Datenschutz zu interessieren. Sehen Sie darin eine Gefahr?

Ja, sicherlich liegt darin eine Gefahr. Deutsche Start-ups sollten sich das nicht als Vorbild nehmen. Hier wird gerne übersehen, dass diese Unternehmen ihren Sitz zum Beispiel in den USA haben und damit nicht dem deutschen Datenschutzrecht unterliegen. Die Datenschutzbestimmungen in Deutschland werden jedoch immer strenger. Daher sollten sich deutsche Start-ups früh genug um den Datenschutz kümmern. Es ist aber auch die Tendenz erkennbar, dass sich Unternehmen aus dem Ausland immer mehr mit dem Thema Datenschutz beschäftigen, um auf dem europäischen Markt erfolgreich zu sein.

Welche Prozesse sind davon am stärksten betroffen?

Datenschutz ist in vielen Bereichen eines Unternehmens wichtig. Angefangen bei den Kundendaten, der Zusammenarbeit mit Dienstleistern, beim Einsatz von Cookies, dem Profiling und der gesamte Bereich des Online-Marketing. Oft können sich Start-ups noch nicht vorstellen, welchen Imageschaden es bedeutet, wenn ein Datenschutzvorfall an die Öffentlichkeit gelangt. Nehmen Sie zum Beispiel Online-Shops: Ohne Kundenvertrauen und einem sicheren Umgang mit Daten, könnten Sie überhaupt nicht erfolgreich auf dem Markt agieren. Auch werden immer mehr Themen rund um das Thema Datenschutz in den Medien diskutiert, wodurch nicht zuletzt die Sensibilität auf Kundenseite zunimmt.

Welche Entscheidungen müssen dazu in der Startphase getroffen werden?

Start-ups sollten sich schon in der Startphase mit Fachberatern für Datenschutz und IT-Sicherheit zusammensetzen und beraten, wie sie den Datenschutz und die IT-Sicherheit in ihre Systeme und Prozesse integrieren können. Dabei schaut sich der Berater genau an, wie der IST-Zustand im Start-up aussieht und wie man am besten ein individuelles Datenschutz- System für dieses Start-up integriert. Dies kann damit anfangen, wer auf welche Daten zugreifen kann, welche Kundendaten vom wem abgerufen werden können, wie Profiling- Maßnahmen datenschutzkonform umzusetzen sind, etc. Wichtigste Entscheidung ist, sich für den Datenschutz zu entscheiden und aktiv umzusetzen. Datenschutz ist keine „Bremse“, sondern führt zu transparenten Datenflüssen und Prozessen und kann auch für Start-ups einen großen Vorteil im Wettbewerb darstellen.

Welche Kosten können auf Unternehmen bei mangelndem Datenschutz zukommen?

Das kommt ein wenig auf den konkreten Einzelfall an. Aber tatsächlich sind in Extremfällen Schäden in Millionenhöhe möglich. Der Unternehmenswert setzt sich insbesondere bei Start-ups aus den immateriellen Werten wie etwa Kundendaten, Lieferantendaten, Mitarbeiterdaten und das Know-How zusammen. Wenn Daten in die falschen Hände geraten, sei es durch Hacker, sei es durch einen unachtsamen Umgang mit Daten, entsteht ein sehr großer Imageschaden für das Unternehmen. Besonders schwer wiegt dabei der Verlust des Kundenvertrauens. Laut einer Studie kündigen 20 Prozent ihren Account nach einem Datenschutzvorfall, 40 Prozent denken darüber nach. Das bedeutet für die meisten Start-ups den endgültigen Ruin.

Kathrin Schürmann ist seit 2007 in der Kanzlei Schürmann Wolschendorf Dreyer tätig und berät Unternehmen schwerpunktmäßig in Fragen des IT- und Datenschutzrechts sowie des Wettbewerbsrechts. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Unternehmen aus dem E-Business. Die Expertin für Datenschutz und IT-Recht ist seit 2010 externe Datenschutzbeauftragte des Online-Händlers Zalando und deren Töchter.

"Datenschutz ist keine Bremse, sondern ein Wettbewerbsvorteil für Start-ups"

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