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Blendle, Readly oder Facebook: wer macht das Rennen beim Leser?
© Foto:Creative Commons: Readly (in der Höhe beschnitten); http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/#

Digitaler Zeitungskiosk | | von Deutsche Presse-Agentur

Blendle, Readly oder Facebook: wer macht das Rennen beim Leser?

Die Einführung des neuen Facebook-Angebots "Instant Articles" ist unter Zeitungsmachern umstritten. Nicht jeder ist so experimentierfreudig wie Jochen Wegner, Chefredakteur von "Zeit Online": "Unsere Haltung ist dazu: Es gibt etwas zu spielen, lass es uns ausprobieren", sagte Wegner beim sogenannten Content-Gipel der Medientage München. Beim Anklicken der "Instant Articles" auf Facebook wird der User neuerdings ohne Wartezeit auf den Zeitungsbericht gelenkt - muss dabei allerdings Werbung in Kauf nehmen.

Unter Wegners Branchenkollegen wird das Facebook-Vorgehen zum Teil deutlich kritischer gesehen. "Wir versuchen gerade, unsere Pay-Modelle am Markt zu installieren", sagte Lutz Knappmann, stellvertretender Chefredakteur von Süddeutsche.de. "Wenn wir jetzt bei Instant Articles dabei wären, würden wir zu einem werbefinanzierten Modell zurückkehren." Beides gehe nicht. Eine klare Absage erteilte Alexandra Föderl-Schmid, Chefredakteurin der Wiener Zeitung "Der Standard", dem Projekt: "Unsere Marke ist stark genug. Wir verdienen mit Online-Werbung Geld und werden das Tier, das uns bedroht, nicht noch füttern."

Mit der Frage, wie journalistischer Inhalt im digitalen Wandel dem Kunden so schmackhaft gemacht werden kann, dass er auch dafür im Netz bezahlt, haben sich zum Beispiel die Startup-Unternehmen Readly und Blendle befasst. Blendle, eine Firma aus Holland, an der sich auch die "New York Times" und das Verlagshaus Axel Springer beteiligt haben, bietet dem Kunden Artikel zum Einzelabruf für Cent-Beträge - ein Rückgaberecht steht ihm auch offen, die Einnahmen gingen zu 70 Prozent an das veröffentlichende Medium. Blendle-Gründer Marten Blankestejn sagte auf einem Paid-Content-Podium in München, die Firma sei noch nicht rentabel und plane daher längerfristig. Aber wichtig: Die Leser seien zu mehr als die Hälfte jünger als 35 - das wiederum seien diejenigen, die die gedruckte Zeitung kaum in die Hand nähmen.

Der digitale Kiosk Readly, der zunächst in Schweden auf den Markt kam, ist seit einem Jahr in Deutschland präsent und bietet unter anderem 185 deutsche Zeitschriftentitel zu einer Flatrate von 9,99 Euro. Was bringt das den Magazinen? "Wir haben bereits jetzt die sechste deutsche Zeitschrift, die von sich sagt, sie verdiene mit uns mehr Geld als mit der gedruckten Ausgabe am Kiosk», sagte Readly-Deutschland-Geschäftsführer Philipp Graf Montgelas.

Statistisch gesehen bleibt auf der Plattform jeder Leser 23 Minuten lang bei einem Magazin und liest zu 27,4 Prozent alle Seiten. Auch Readly überweist 70 Prozent an die Verlage, die sich je nach Leseverhalten die sechs Euro Einnahmen nach Abzug der Umsatzsteuer teilen müssen. Ungünstig ist zum Beispiel, dass manche Ärzte in ihren Wartezimmern Ipads auslegen und die Patienten Dutzende Magazine anklicken, was die Einnahmen der einzelnen Zeitschriften drückt.

Hoffnung macht der gesamten Branche: Das Zeitbudget, das jeder einzelne für die Nutzung von Medieninhalten aufbringt, wächst ständig. Zwischen 1998 und 2013 nahm der Konsum von 366 Minuten auf 486 Minuten pro Kopf der erwachsenen Bevölkerung zu, wie das Forschungsinstitut Goldmedia in Berlin errechnete. Tendenz weiter steigend. Das klassische lineare Fernsehen bildet nach wie vor den Schwerpunkt, auch wenn die tägliche Sehdauer 2015 im Vergleich zu 2014 um rund zehn Minuten auf 212 Minuten abnehmen dürfte. Unter den jüngsten zwischen 14 und 23 Jahren rangiert das TV nur noch ganz knapp vor Youtube und mit deutlicherem Abstand vor den Video-On-Demand-Diensten.

Deren Service werde aber deutlich zunehmen, prognostiziert Goldmedia. Leisten sich dieses Jahr die Deutschen noch Videos on Demand im Gesamtwert von knapp 250 Millionen Euro, so werde sich dieser Betrag bis 2021 etwa verdreifachen. Klassische TV-Erzählweisen bleiben dabei keineswegs außen vor. 73 Prozent der 1128 von Goldmedia befragten Personen geben an, eine Lieblingsserie zu haben, unter den jüngeren bis 23 sind es sogar 87,5 Prozent.

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Das ist die erste Bilanz von Readly

von Petra Schwegler

Seit vergangenem Herbst gibt es den Dienst Readly in Deutschland, so eine Art Spotify für Magazine, eine digitale Print-Flatrate. Das Angebot kostet 9,99 Euro im Monat und bietet unter anderem Zugang zu den digitalen Ausgaben von Printmarken der Häuser Axel Springer, Bauer, Funke, Motor Presse Stuttgart oder auch Weka Media und Vice.

Zur Jahresbilanz kann der Anbieter der Lese-App verkünden: 186 deutschsprachige Titel sind im Programm, binnen Jahresfrist sind 67 neue Magazine hinzugestoßen, Partnerschaften mit 31 Verlagen sind eingetütet und ein Exklusivvertrag mit der Telekom sorgt für Traffic. Deren Kunden können Readly seit einigen Monaten zu ihrem Mobilfunkvertrag zubuchen und ein zusätzliches Datenpaket erhalten.

Das in Schweden gegründete Unternehmen Readly gibt noch weitere Zahlen preis, die belegen, dass immer mehr Printtitel ihre Inhalte mobil machen und die Leser diese über ihre Tablets, Smartphones, E-Reader oder auch PCs verstärkt abrufen:

- Allein im September 2015 habe der der Dienst global 135 Millionen gelesene Seiten verzeichnet– seit dem Start rund eine Million Downloads weltweit.

- Über alle Leser hinweg ist die durchschnittliche Lesezeit demnach pro Magazin inzwischen größer als 20 Minuten.

- Die Leser schätzten den Mehrwert, den Readly ihnen bietet, etwa die Social Media-Anbindung, um Inhalte zu teilen, Bookmarks oder das Feature, innerhalb der iOS‐App Kreuzworträtsel zu lösen.

- "Ausschlaggebend für die große Akzeptanz bei den Lesern ist aber vor allem die gute Usability, die Readly bietet", heißt es vom Team um Deutschlandchef Philipp Graf Montgelas.

- Das Angebot und personalisierte Empfehlungen geben den Lesern zudem die Möglichkeit, neue Magazine für sich zu entdecken – nicht nur deutschsprachige Titel, sondern alle Inhalte, die auf Readly bereitstehen.

Philipp Graf Montgelas kündigt nun an: "In den kommenden Monaten werden wir unser Themenspektrum in Breite und Tiefe kontinuierlich erweitern. Unser Ziel ist es, mit Readly Magazine für jedermann anzubieten." Es gilt zu handeln, denn den Markt für mobile Inhalte der Medienmarken haben auch andere Anbieter wie Blendle oder Pressreader für sich entdeckt. 

von Petra Schwegler - Kommentare Kommentar schreiben

Leserandrang am E-Kiosk: Die Bilanzen von Blendle und Readly

von Petra Schwegler

Das digitale Lesen kommt an: Sowohl Blendle als auch Readly melden knapp zwei Jahre nach Start großen Leserandrang am E-Kiosk. Für das 2014 in den Niederlanden gegründete Unternehmen Blendle etwa zählt Deutschland-Chef Michäel Jarjour bislang eine Million Nutzer, die sich hierzulande registriert haben. Im Gespräch mit "t3n" betont der Manager, dass allein im ersten Quartal 2016 die Zahl der Nutzer im Vergleich zu den Vormonaten um jeweils 60 Prozent zugelegt hätte.

Vor allem über Blendles E-Mail-Newsletter, der 600.000 Abonnenten zählt, erlebe der digitale Zeitungskiosk ohne Abozwang Zulauf. Und: Jeden Monat lege die Zahl der Abonnenten der Aussendung um gut 15 Prozent zu. Prozentual ließen sich allerdings etwa 70 Prozent der Umsätze auf den Newsletter zurückführen, so der Manager.

Ähnliches berichtet das Team hinter der Magazin-Flatrate Readly. Das aus Schweden stammende Unternehmen zählt im 2. Quartal über eine Million gelesener Ausgaben. Die Plattform für digitales Lesen verdoppele damit die Erfolgszahlen im Vergleich zum letzten Quartal des Vorjahres, heißt es.

Knapp zwei Jahre nach dem Start haben zahlende Nutzer im zweiten Jahresquartal insgesamt über 1,24 Millionen Ausgaben aus dem Angebot der digitalen Magazin-Flatrate für Smartphones, Tablets und PC gelesen. Unter den über 1650 bei Readly verfügbaren Zeitschriften sind derzeit über 330 Titel von 70 deutschen Verlagen in der Flatrate enthalten. Immer wieder wird ausgewertet, welche Titel die Leser bevorzugt auswählen.

Readly startete hierzulande wie Blendle im Herbst 2014 (Motiv: Unternehmen).

Readly startete hierzulande wie Blendle im Herbst 2014 (Motiv: Unternehmen).

Readly bietet für 9,99 Euro im Monat Zugang zu kompletten digitalen Ausgaben der Magazine. Das niederländische Startup Blendle setzt auf ein anderes Bezahlsystem, hat aber ebenfalls das Ziel, seine Nutzer zu einer breiten Auswahl an journalistischen Texten zu führen. Bezahlt wird allerdings pro Artikel. Will man einen Beitrag bei Blendle lesen, sind zwischen 25 und 89 Cent fällig – ein Rückgaberecht bei Nichtgefallen inklusive.

Welches Bezahlmodell auch immer: Die Zahlen zeigen, dass das "Modell Spotify" für die Printbranche durchaus eine Lösung sein kann. Obwohl die beiden E-Kiosk-Varianten seit Herbst 2014 radikal mit den Markenwelten brechen, an denen vor allem die deutschen Verleger so hängen. Sie sind ein Angriff auf das Selbstverständnis der Verlage als bisher alleiniger Kurator der Inhalte.

Blendle und Readly sind dennoch überzeugt, mit ihren Bezahlplattformen deutschen Verlegern helfen zu können, digitale Zielgruppen besser zu erreichen und dazu zu bringen, endlich für Journalismus im Netz zu bezahlen - einfach weil sie konsequent vom digitalen User aus denken.

Übrigens: Immer mehr Verlage arbeiten selbst an Anwendungen, die dem Leser digitale Bouquets bieten sollen. Diese Woche erst wurde bekannt, dass Gruner +Jahr mit Geld aus dem Google-Medienfonds an einer App arbeitet, die Inhalte kuratiert.

von Petra Schwegler - Kommentare Kommentar schreiben