Netzpolitik.org | | von Annette Mattgey

Beckedahl: "Eine Paywall schließen wir aus"

Die Finanzierung anspruchsvoller Recherchen und poltischer Meinungsbildung im Netz ist kein leichtes Unterfangen. Das weiß Markus Beckedahl, der den renommierten Blog Netzpolitik.org betreibt, nur zu gut. Der Vertrag mit dem bisherigen Vermarkter Zeit online ist ausgelaufen. Nun sinnt Beckedahl über andere Finanzierungswege nach - und bat seine Leser um Vorschläge. Bis heute sind 222 Kommentare eingegangen, die Beckedahl nach und nach sortiert und beantwortet. Eines kommt für Beckedahl gar nicht infrage: Eine Paywall schließt er im LEAD digital-Interview aus.

Sie haben Ihre Einnahmen-Situation in Ihrem Blog recht ausführlich dargelegt. Vielleicht fassen Sie einfach nochmal zusammen, aus welchen Quellen sich bisher Ihre Finanzierung speist?

Unsere Blogfinanzierung baut auf verschiedenen Säulen auf. Am stärksten sind die freiwilligen Abos unserer Leser, die über Spenden reinkommen. Danach folgt Werbung, sowohl über unseren ehemaligen Vermarkter als auch selbst vermarktete Bannerplätze. Dazu kommen noch Gastkolumnen und -beiträge in anderen Medien sowie Honorare für Vorträge und Workshops. Wir würden gerne unsere kleine Redaktion mit insgesamt 2,3 ganzen Stellen ausbauen, da das Thema Netzpolitik viel größer geworden.

Nach dem Zeit online als Vermarktungspartner ausgestiegen ist:  Haben Sie Alternativen für eine professionelle Vermarktung in Aussicht? Was sind die Schwierigkeiten dabei?

Wir stehen in Gesprächen mit anderen Vermarktern und haben auch eine Präferenz. Alleine unsere Leserschaft und unsere eigenen Ansprüche stellen uns vor Herausforderungen, die wahrscheinlich größer sind als bei anderen Medien. Wir haben rund 40.000 Leser am Tage, aber nur ein kleiner Teil davon bekommt überhaupt zentral über Adserver ausgelieferte Werbung mit. Als Medium, das stark über Aspekte der Privatsphäre berichtet, wollen wir so wenig Tracking wie möglich. Unsere Leser sehen das genauso: Ein Großteil setzt Anti-Tracking- und Adblocker-Werkzeuge ein. Dazu kommt, dass 40 Prozent unserer Leser uns über einen Full-RSS-Feed lesen. Wir lesen uns ja auch selbst per RSS. Wir würden natürlich gerne die Vermarktung auslagern, damit wir uns auf das konzentrieren können, was wir können und machen wollen: Journalistisch über relevante Entwicklungen der Netzpolitik und Digitalkultur berichten. Nur wenn das wenig bringt, weil kaum jemand die ausgelieferte Werbung zu Gesicht bekommt, bringt uns das finanziell nicht viel.

Sie baten die Leser um Vorschläge. Welche Möglichkeiten werden da favorisiert?

Wir haben unsere Leser über unser Vermarktungsdilemma transparent aufgeklärt und darum gebeten, uns Vorschläge zu machen, wie wir unabhängig bleiben und uns trotzdem refinanzieren können. Unser Ziel ist ein Ausbau unserer Redaktion, mehr Experimente und neue Formate. Wir wollen umfassender über Entwicklungen berichten, diese bewerten, mehr Inhalte kuratieren. Das kostet alles Zeit, vor allem diese niedrigschwellig aufzubereiten, um mehr Menschen komplexe Sachverhalte näher zu bringen. Wir haben viele Vorschläge bekommen, von RSS-Feeds beschränken, Merchandising verkaufen, über Fördergelder von Stiftungen beantragen bis hin zu Paywall- oder Mehrwert-Modellen.

Was davon ist machbar und mit Ihren Grundsätzen vereinbar?

Natürlich können wir den RSS-Feed beschränken, ärgern uns aber selbst immer über einen Medienbruch, wenn wir andere Angebote im RSS-Reader sehen, aber dann auf einen Browser umschalten müssen. Wir werden aber mit Werbung im Full-Feed experimentieren, wenn wir dafür Werbepartner finden. Merchandising würden wir ausprobieren, nur können wir besser schreiben als designen. Wir werden aber unsere Leser einladen, uns Designs als Unterstützung zu schicken und ausprobieren, ob das über Crowdsourcing funktioniert. Fördermöglichkeiten durch Stiftungen sehen wir leider keine, in anderen Staaten wie den USA gäbe es eine Vielzahl an Fördermöglichkeiten für unsere Art von Journalismus, Deutschland ist dahingehend leider eine Wüste - oder wir haben die richtigen Angebote noch nicht gefunden. Auch stellten wir fest, dass viele den Vorschlag machten, wir sollten einen Verein gründen, an den man spenden könnte. Das haben wir vor einem Jahr bereits gemacht und es läuft auch recht gut. aber anscheinend müssen wir das noch besser kommunizieren. Demnächst kommt unser Relaunch, da werden wir das berücksichtigen. Auch bisher konnten Unternehmen oder Organisationen direkt bei uns einen Bannerplatz mieten. Dieser wird von viel mehr Lesern gesehen, aber für Werbetreibende bietet das zu wenig Trackingmöglichkeiten und vor allem Mehraufwand gegenüber großen Banner-Paketen, die man dann zu einem TKP-Preis auf Medien verteilt.

Was geht gar nicht?

Ein Paywall-Modell schließen wir aus, wir wollen offen zugängliche Informationen liefern, das goutieren auch viele Leser durch eine freiwillige Spende. Wir wissen auch, dass viele Leser Anti-Trackingtools nutzen, um ihre Privatsphäre zu sichern und besser vor Schadsoftware gesichert zu sein. Daher werden wir sicher niemanden einen Zugang verwehren, der mit Werkzeugen zur digitalen Selbstverteidigung unsere Seite ansurft.

In dem von Achtung vorgestellten Blogger-Kodex geht es ja um Transparenz – insbesondere bei der Finanzierung. Welche Rolle könnten direkte Kontakte zu Unternehmen, politischen Stiftungen, Initiativen usw. in Zukunft für Netzpolitik.org spielen?

Wenn wir keinen Ausweg finden, Nutzer- und Datenschutzfreundlich die Zahl derjenigen zu erhöhen, die auch zentral über einen Vermarkter ausgelieferte Werbung sieht, dann müssen wir das selbst in die Hand nehmen. Das bedeutet zwar Mehraufwand und wir verfügen auch nicht über die Kontakte in viele Unternehmen hinein, müssen aber auch keine Marge teilen. Wir glauben, dass wir über eine für viele Unternehmen sehr interessante ZIelgruppe verfügen, viele Netz-Multiplikatoren lesen uns, viele Entscheider aus der Politik, dazu junge technisch interessierte Menschen. Da wird es sicher genug mögliche Werbepartner geben. Wir müssen uns dann aber anstrengen, diese zu erreichen. Natürlich ist uns bewusst und das ist auch Teil unserer Philosophie, dass wir das Vorgehen dann sehr transparent begleiten werden. Alleine schon, um weiterhin unsere Unabhängigkeit und Unkäuflichkeit zu gewährleisten.

Netzpolitik.org ist eine Plattform für digitale Bürgerrechte. Sie thematisiert die wichtigen Fragestellungen rund um Internet, Gesellschaft und Politik. Markus Beckedahl ist Gründer und Chefredakteur. Daneben betreibt er mit einem Partner die Agentur Newthinking in Berlin und ist Veranstalter der Konferenz Republica

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