Christian Clawien | | von Christian Clawien

"Baby you can drive my car"– 2,8 Mrd. Euro für mehr Unabhängigkeit

Die Woche startet mit einer echten Ansage: Mehrere Automarken in den Trending Topics bei Twitter. Ein neues Modell? Mitnichten. Lange wurde gerungen und mit harten Bandagen gekämpft um eines der digitalen Filetstücke des strauchelnden finnischen Nokia-Konzerns: den Kartenanbieter Here.com. Der wechselt nun für 2,8 Mrd. Euro den Besitzer und wird ab dem zweiten Quartal 2016 von einem Joint Venture aus BMW, Mercedes und Audi geführt.

Mehrere Milliarden für digitale Karten? Was noch mehr aufhorchen lässt: Drei Erzrivalen verbünden sich? Was sie treibt, ist eine Wette auf die Zukunft: Selbstfahrende Autos. Auf Basis gemeinsamer Karten-Rohdaten werden diese vermutlich schneller Realität, als wenn jeder alleine daran arbeitet. Aber auch bestehende Fahrassistenzsysteme lassen sich durch die Kombination von Fahrzeugdaten und Kartendaten verbessern. Vor allem aber bedeutet diese Meldung mehr Unabhängigkeit. Weltweit bemühen sich Automarken, eine eigene Digitalisierungsstrategie zu finden, um weitere Abhängigkeiten von Google und Apple zu vermeiden. Nichts ist derzeit spannender als die Digitalisierung der Automobilindustrie. Da wird von geheimen Besuchen im BMW-Werk in Leipzig durch Tim Cook berichtet und spekuliert, ob das Valley nicht doch gleich lieber eigene Fahrzeuge bauen wird.

Ich erinnere mich noch gut an die Diskussion mit Mercedes-Manager Dieter Zetsche auf der re:publica 2013. Der CEO eines deutschen Automobilkonzerns auf dem Digital-Festival. Man diskutierte, wer im Auto zukünftig die Hosen anhaben wird. Kommt das Smartphone ins Auto oder wird das Auto zum Smartphone? Damals noch eine Glaubensfrage. Lange haben die meisten Automarken um die Datenhoheit im eigenen Fahrzeug gekämpft. Wollten alles selber machen. Doch wie so oft beim Thema Digitalisierung waren die Bedürfnisse der Nutzer stärker und die fordern nun mal, was selbstverständlich ist: Die perfekte Synchronisierung des Fahrzeugs mit dem eigenen Smartphone und den dort genutzten Apps. Sowohl Apple als auch Google wollen so in das Auto.

Die jetzige Entscheidung sich zu verbünden, um beim Zukunftsthema selbstfahrende Autos Gas zu geben ist also die richtige. Die interessanten Fragen kommen aber erst in der Realisierungsphase des Joint Ventures. Wie werden die drei bisherigen Konkurrenten zusammenarbeiten? Wird es offene Standards geben, an die sich andere Automarken anschließen können? Oder nur einen Eintritt gegen Bezahlung? Wenn sich die drei Premiummarken der Branche zusammenschließen und sich das digitale Kartengold sichern, bleibt das nicht ohne Folgen für diejenigen, die nicht mit an Bord sind.

Wenn sich die Autobauer jedoch unabhängiger vom Silicon Valley machen wollen, sollten sie sich die dortigen Erfolgsprinzipien zu eigen machen und sie mit ihrem Know-how verbinden. Wie wäre es mit einem Marktplatz mit Apps für selbstfahrende Autos? Eine stärkere Kooperation mit anderen Navigationsanbietern? Wir freuen uns auf Apps wie „Selbstfahrend die schönsten Küstenrouten entdecken“ oder verknüpfte Google- und Apple-Kalender von denen das Fahrzeug automatisch die Routen aus den eigenen Terminen übernimmt. Mit ein bisschen Mut bietet sich jetzt die Chance, mit der passenden Balance aus einem geschlossenem (für sicherheitsrelevante Daten) und offenem System (für Drittentwickler) die Regeln für das vernetzte Fahrzeug selber zu schreiben. Es bleibt spannend.

Christian Clawien ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.  

"Baby you can drive my car"– 2,8 Mrd. Euro für mehr Unabhängigkeit

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