Steffen Konrath | | von einem Gastautor

Aus dem BBC Lab: Jeder sieht seine eigene Film-Version

Vielleicht läutet Visual Perceptive Media, ein Projekt aus den Laboren der BBC, das Ende des gemeinsamen TV-Konsums ein, prognostiziert Digitalexperte Steffen Konrath, Liquid Newsroom. Zwei getrennte Bildschirme kennen wir ja schon. Was aber, wenn unsere Stimmungen, Alter, Geschlecht und Musikgeschmack die visuelle Präsentation eines Films bestimmen würden und wir auf dieser Basis den gleichen Film, aber in auf uns zugeschnittenen Varianten sehen könnten?

 

Wie viel Personalisierung wollen wir bei Filmen wirklich haben? Soll unsere Stimmung das Bild einfärben? Werden Männer und Frauen zeitgleich unterschiedliche Perspektiven in einer Handlung präsentiert bekommen, weil die Geschmäcker verschieden sind oder Wahrnehmungsgewohnheiten sich unterscheiden? Wenn die gleiche Technologie auch für Werbefilme eingesetzt werden würde: wie offen sind Marken, persönliche Präferenzen der Zielgruppe mit einfließen zu lassen und wie willens, eine theoretisch unendliche Welt der Wahrnehmung tatsächlich auch zuzulassen?

Visual Perceptive Media ist ein experimenteller Film, mit dem das Londoner Lab der BBC sich mit den Grenzen der Personalisierung im Film beschäftigt. Die Art und Weise, wie wir Musik konsumieren, wird dabei genauso berücksichtigt, wie andere Profilierungsfragen oder Alter und Geschlecht. Der Screenshot zeigt zwei Versionen derselben Szene, die je nach Profil tatsächlich ausgespielt werden. Es entsteht ein gigantisches paralleles Story-Universum. Über Filter können Räume eine andere Temperatur bekommen, die unsere gegenwärtige Stimmung aufgreifen. Neben der Erzählung sieht die BBC die Hintergrundmusik, das verwendete Farbschema und die allgemeine Stimmungslage eines Films als typische Variablen an, die sich für eine Personalisierung eignen. Ganze Szenen eines Films könnten sich ändern oder sogar ganz wegfallen. Ein Demofilm, der in den BBC Labs in der MediaCityUK in London produziert wurde, steht zur Ansicht online bereit.

 

Im Augenblick noch nutzt die Demoversion eine App zur Personalisierung. Generell können in der Zukunft aber grundsätzlich alle verfügbaren Dienste wesentliche Daten zur verfeinerten Profilbildung liefern. Ein Film wird dafür in Objekte zerlegt, deren Beziehungen und Eigenschaften veränderbar sind.

Das Laborexperiment, dass im Augenblick noch im kleinen Kreis getestet wird, liefert einen erstaunlichen Einblick in die Zukunft des filmischen Erzählens und Konsums. Es stellt Seh- und Konsumgewohnheiten auf den Kopf und fordert auch Marken heraus. Wie viel gemeinsame Erfahrung wollen wir haben? Verlieren Zuschauer die Handlungsfäden durch die Komplexität, wenn die Filmerfahrung ein Produkt individueller Präferenzen ist? Welche Bedeutung könnte die Technologie für die Werbewirtschaft haben? Werden auf ähnliche Weise zukünftig Werbeclips produziert? Was bedeutet das für die kreativen Prozesse in den Agenturen, was für die Markenwahrnehmung und für die notwendigen Budgets?

*Steffen Konrath ist Gründer und Geschäftsführer von Liquid Newsroom und Social Creative Dialogue und betreibt einen internationalen Nachrichtendienst auf den sozialen Medien rund um die Zukunft der Medien. 

Aus dem BBC Lab: Jeder sieht seine eigene Film-Version

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