Eric Kubitz | | von Eric Kubitz

Vorausschauender Versand: Mehr Marketing als echte Strategie

Endlich: Amazon will nicht mehr darauf warten, bis ich eine Bestellung abschicke - sondern die Pakete auf den Weg bringen, bevor ich selbst davon weiß. Nun, wenn ich irgendwo in Arizona sitze und erst nach zwei Tagen Lastwagenfahrt zu erreichen bin, ist das eine interessante Nachricht. Für alle anderen ist das, sorry, Schwachsinn. Und ich glaube, dass Amazon das auch weiß. 

Damit wir uns da richtig verstehen: Es geht in diesem Patent nicht darum, die Lieferkette so zu optimieren, dass vor dem ersten Frühlingssonnenstrahl schon ein paar Badehosen in den Logistik-Zentren lagern. Es geht um die ganz persönlichen Wünsche von Amazon-Kunden, die verpackt und bereit gestellt werden sollen.

Diese Ankündigung passt prima zum Wunsch von Google, Suchen schon zu beantworten bevor sie gestellt werden. Und zu Kühlschränken, die selbständig Milch bestellen, wenn die aus ist. Und zu Thermostaten, die frühzeitig dafür sorgen, dass es warm wird, wenn du nach Hause kommst. Wir können also zwei Felder auf unserer Bullshitbingo-Karte markieren: „Predictive“ und „Internet-of-Things“.

„Heureka!“ will man ausrufen. Endlich wird die Technik clever und denkt mit, statt bedient werden zu müssen. Doch: Hast du schon mal etwas bestellt, das Amazondir vorgeschlagen hat? Ich nicht. Meine Vorschlagsliste bei Amazon ist spätestens nach Weihnachten nicht mehr zu gebrauchen. Kinderbücher, Parfüm und, ach lassen wir das. Vielleicht bin ich ein Sonderling - aber alles, was ich bisher darauf gesehen habe, ist Mist. Und das will Amazon vorauslauernd in Pakete packen? Das kann doch nur ein Witz sein. 

Auch so was: Ich habe viel über die 3,2 Milliarden-Thermostat-Design-Firma Nest gegrübelt. Deren Trick geht so: Ich schalte die Heizung ein, dann wieder aus und nach einiger Zeit merkt sich der mit dem Internet verbundene Schalter die Regelmäßigkeit und kümmert sich selbstständig darum. Was ist daran bitte Milliarden Dollar wert? Dahinter steckt doch ein überkommenes Menschenbild: Nämlich dass wir täglich zur gleichen Zeit das Haus verlassen und abends pünktlich nach Hause kommen. Würde ich so rhythmisch leben, könnte ich mit ein bisschen Fummelei, diese Zeiten selbst in meine Gasheizung eingeben oder das den Heizungstechniker machen lassen. Ein Thermostat kostet immerhin 249 Dollar - pro Stück. Klar, die Nest-Dinger sind schön und können auch per App gesteuert werden. Aber Design können auch andere. Und wenn es wirklich um die Technik ginge, wie viel müsste dann die Münchner Firma Tado wert sein, die wirkliche Intelligenz in ihre Thermostate einbaut? Hier entdeckt das Heizungssystem automatisch per App, dass der Mensch bzw. sein Handy mit der App das Haus verlassen hat - oder sich wieder darauf zu bewegt. Blöd zwar für Familien, bei denen nicht jeder ein Smartphone hat, sonst aber durchdacht...

Jetzt mal ehrlich: All das adressiert doch keinen Massenmarkt, sondern einen kleinen Kreis von gut situierten Wichtigtuern. Andere könnten dagegen ein ungutes Gefühl haben, wenn ein Internet-Schaltkreis  weiß, wann sie zuhause sind und wann nicht. Ich meine diese von der digitalen Boheme verachteten Kritiker, denen mulmig bei dem Gedanken wird, dass Amazon ihre zukünftigen Kaufwünsche kennt. Technikverweiger, die Google nicht detailliert mitteilen möchten, was sie tagsüber so treiben. Ignorante Zauderer, die einfach nicht sehen können, wie hübsch die digitale Zukunft glitzert. Kurz: Leute, die sich über ihre Datengesundheit Gedanken machen und das Internet in mancher Hinsicht für kaputt halten. Ich wüsste gerne, was Sascha Lobo davon hält. Bei so einem kann man das nie voraus sagen…

Und noch etwas, das sich die Produktentwickler von Amazon, Nest, Tado und Google durch den Kopf gehen lassen sollten: Jede neue Technologie ist ein großer Beta-Test - also kann und wird angegriffen werden. Der erste Kühlschrank hat schon Spam-Nachrichten verschickt. Was meint Ihr was los ist, wenn ein Internet-Of-Things-Botnet hektoliterweise Milch und Butter bestellt? Mitten im Hochsommer? Das wird ’ne Schlagzeile. Oder wenn die ersten Klagen gegen Google erhoben werden, weil Ehefrauen auf dem heimischen Computer ungefragt die Antwort auf „Dicke Titten“ erhalten? Möglicherweise enthüllt uns Edgar Snowden demnächst auch, wie dick das Kabel der NSA ins Amazon-Rechenzentrum ist. Mal sehen. Spannend wird das auf jeden Fall.  

Nein, ich bin sicherlich kein Technik-Verweigerer und auch kein Daten-Paranoiker. Aber ich habe jahrelang die Cebit besucht (als sich das noch gelohnt hat) und durfte als Journalist die Versteigerung der UMTS-Frequenzen im Jahr 2000 begleiten. Junge, Junge, was haben wir damals an technischen Allmachtsphantasien mit den Worten eingeleitet „In wenigen Jahren werden wir…“. Und was ist davon übrig geblieben? Klar, das iPhone und Android. Aber wo ist der automatische Fahrscheinkauf im ÖPNV? Zahlen wir im Supermarkt nun per Handy? Streamen wir an jedem Ort der Republik Filme und Konzerte? Also ich sitze gerade im Zug auf einer Hauptstrecke zwischen Stuttgart und Frankfurt und 14 Jahre nach all den Ankündigungen streamt hier gar nix. Mal von Drosseldebatten abgesehen. 

Was aber haben die alten UMTS-Phantasien mit dem vorausschauenden Versand von Amazon zu tun? Erstens: Technik wird immer dann gehypt, wenn sie theoretisch machbar ist. Das führt zu schönen Headlines und macht auch riesig Spaß beim Fantasieren. Zweitens, aber: Nicht alles, was funktionieren könnte, funktioniert in der Realität tatsächlich. Schon gar nicht, wenn die gesellschaftliche Akzeptanz eher strittig ist. Und alles, was Datensammlungen angeht, IST derzeit strittig. 

Nun, Amazon ist ja nicht blöd. Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Patent nur deshalb eingereicht wurde,  weil es ein netter Gedanke ist und nicht, weil das wirklich etwas mit der kurz- und langfristigen Zukunft zu tun hat. Ähnlich wie die Sache mit den Drohnen. Amazon sendet damit eine Botschaft: "Liebe Kunden, wir werden alles tun, damit ihr nicht mehr im Laden einkaufen müsst. Wir entwickeln uns ständig weiter!“ - wird aber aus wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gründen die Finger davon lassen. Was bleibt ist eine klare Botschaft des weltweit größten Versenders, die zudem von anderen Problemen ablenken kann. Also meiner Ansicht nach mehr Marketing als echte Strategie. 

Eric Kubitz ist einer der "Digital Leader", eine feste Gruppe von Bloggern, die ihre Meinungen und Kommentare via LEAD digital verbreitet. Mehr zum Autor und den weiteren Mitgliedern der "Digital Leader" lesen Sie hier auf der Übersichtsseite.

Vorausschauender Versand: Mehr Marketing als echte Strategie

Artikel bewerten

Vielen Dank, Ihre Bewertung wurde registriert!

Sie können leider nur einmal pro Seite bewerten.

Ihre Bewertung wurde geändert, vielen Dank!

Leserkommentar

Wir freuen uns über Ihre Kommentare.

* Pflichtfeld
** Pflichtfeld, wird nicht veröffentlicht